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Biografie über Kanzlergattin: Das schwere Leben der Hannelore Kohl

Biografie über Kanzlergattin : Das schwere Leben der Hannelore Kohl

Knapp zehn Jahre nach ihrem Freitod erscheint eine Biografie über Hannelore Kohl. Sie war "die Frau an seiner Seite", die erste Ehefrau des Kanzlers Helmut Kohl. Der Journalist Heribert Schwan, der bei nächtlichen Gesprächen ihr Vertrauen gewann, beleuchtet ihr Leben und Leiden. Es bleibt die Frage, ob das Buch hätte veröffentlicht werden dürfen.

Angeblich hat Hannelore Kohl ihn gehasst — den jährlichen Urlaub am Wolfgangsee. Am idyllischen Gewässer im Salzkammergut entstanden Fotos, die den CDU-Politiker mit seinen Kindern in einem Schlauchboot zeigen oder in trauter Zweisamkeit mit seiner Ehefrau vor einem imposanten Hirsch. Die Zeit vor und nach den Aufnahmen war Hannelore Kohl jedoch meist alleinerziehende Mutter ihrer beiden Söhne und später — als Walter und Peter nicht mehr mitkamen — schließlich ganz allein. Ihr Mann, der Kanzler der Einheit, besprach sich mit seinen Mitarbeitern, telefonierte, empfing Besucher.

Vor jedem Urlaub habe es deshalb Streit gegeben, so schreibt der Journalist Heribert Schwan in seiner nun erschienenen Biografie "Die Frau an seiner Seite". Hannelore Kohl wäre lieber ans Meer gefahren, denn sie hätte die Zeit gehabt, den Urlaubsort auch zu genießen. Helmut Kohl schlug nur sein Büro an einem anderen Ort auf. Es blieb jedoch jedes Jahr bei der Reise zum Wolfgangsee. Ihr Aufbegehren zeigte keinen Erfolg.

Knapp zehn Jahre nach dem Freitod der 68-Jährigen im Juli 2001 beleuchtet die Biografie das "Leben und Leiden" der Kanzlergattin. Heribert Schwan lernte sie Mitte der 80er Jahre kennen. Obwohl sie gegenüber Journalisten tiefes Misstrauen und Verachtung hegte, vertraute sie sich Schwan nach und nach an. Als er nach der Wahlniederlage 1998 mit Kohl an den Memoiren arbeitete, führte er auch lange Gespräche mit dessen Frau. Später, als eine Lichtallergie sie zu einem Leben in Dunkelheit zwang, begleitete er sie auf nächtlichen Spaziergängen durch den Maudacher Bruch in Ludwigshafen.

Aus dem, was Hannelore Kohl damals erzählte, hat Heribert Schwan ein Buch gemacht — er nennt es ihr "Vermächtnis". Es ist nach den Erinnerungen des Kohl-Sohns Walter ("Leben oder Gelebtwerden") das zweite Buch innerhalb eines Jahres, das auf das Intimste in das Leben der Familie eindringt. Schwan druckt etwa den Wortlaut von Hannelore Kohls liebevollem Abschiedsbrief an ihren Mann. Ob sie mit der Veröffentlichung einverstanden gewesen wäre, bleibt offen.

Ist die Veröffentlichung ein Vertrauensbruch?

Schwan beruft sich darauf, dass ihr klar gewesen sein müsse, dass die wichtigste Funktion des Journalisten das Publizieren sei. Vielleicht ist diese Biografie ein Vertrauensbruch. Vielleicht ist sie aber auch eine Richtigstellung, die ihr gerechter wird als das landläufige Bild ihrer Person. Als "Barbie aus Rheinland-Pfalz" und "blondes Dummchen" wurde sie verunglimpft, dabei gehörte sie in der Schule immer zu den Jahrgangsbesten.

Das Bild der klugen Ratgeberin, das moderne Politiker-Ehefrauen heutzutage pflegen, kam für Hannelore Kohl nicht infrage — nicht, weil sie ihm nicht hätte entsprechen können, sondern weil sie sich mit der wachsenden Macht ihres Mannes immer mehr aus dieser Welt entfernte. Politische Diskussionen waren zu Hause tabu, sie bestand darauf. Womöglich weil sie und die Söhne nur die negativen Seiten der Politik spürten: Anfeindungen und Bedrohung. Die Verachtung für die "Birne" traf sie härter als ihren Mann.

In einem ihrer seltenen Interviews sagte die Kanzlergattin, Aufgeben sei für sie das Schlimmste. Deshalb gab sie ihre Ehe und das Leben an Kohls Seite nie auf. Weder, als er mit seiner Büroleiterin in Bonn ein Haus bezog, noch als sie von seinem Entschluss, nach 16 Jahren im Kanzleramt 1998 wieder anzutreten, aus dem Fernsehen erfuhr. Als die CDU nach der Spendenaffäre zu einer Strafe in Höhe von 6,3 Millionen Euro verpflichtet wurde, hat Hannelore Kohl das Geld zusammengebettelt.

Treue, Loyalität und Liebe

Ob diese Loyalität auf großer Liebe beruhte, wusste nur sie selbst. Schwans Biografie zieht für diese Treue eine Parallele zu ihrer Kindheit. Mit dem Kriegsende erlebte die Zwölfjährige einen Fall aus großer Höhe. Ihr Vater, ein Nazi und Direktor einer Munitionsfabrik, in der Tausende von jüdischen Zwangsarbeitern schuften mussten, verlor seine Stellung. Die Familie lebte von nun an in sehr bescheidenen Verhältnissen. Noch traumatischer jedoch: Auf der Flucht in den Westen wurde das Mädchen von mehreren russischen Soldaten vergewaltigt und aus einem Fenster geworfen. Schon der Geruch von Männerschweiß, Knoblauch und Alkohol oder der Klang russischer Stimmen genügte, um die Szenen aus dem Mai 1945 heraufzubeschwören. Und ein verletzter, schmerzender Wirbel sollte sie zudem fortan an die Marter erinnern.

Hannelore Kohl entwickelte damals eine Überlebensstrategie: Sie schaltete den Schmerz ab, blendete Gefühle aus und lenkte ihre totale Konzentration auf wenige Punkte. Diese Fähigkeiten sollten ihr an der Seite ihres "Helle", den sie 53 Jahre kannte, immer von Nutzen sein.

Am Ende fehlte ihr für diese Strategie die Kraft. Wer von den letzten Jahren ihres Lebens liest, der fragt sich, ob dies überhaupt noch ein Leben war. Die Lichtallergie verursachte große Schmerzen, schon der Schein des Fernsehers oder einer Glühbirne wurde zur Pein. Einige Spezialisten legten ihr eine Psychotherapie nahe: Sie sahen den Grund für die extremen Reaktionen ihres Körpers in einem Kindheitstrauma.

Für Hannelore Kohl, die ihr Trauma kannte, kam dies nie infrage. Zu groß war ihre Angst, dass eines Tages alles in die Öffentlichkeit gelangen würde.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Helmut Kohl - sein Leben mit Hannelore

(RP)