1. Panorama
  2. Coronavirus

Corona-Krise: Virologen befürchten „explosive Infektionsdynamik“

Brandbrief der Experten : Virologen befürchten „explosive Infektionsdynamik“

Der Vorstand der Gesellschaft für Virologie befürchtet eine rasche Überlastung der Gesundheitssysteme, was in Deutschland „auch wegen des Mangels an Intensivpflegekräften bereits bei weit unter 20.000 Neuinfektionen pro Tag der Fall sein“ könnte.

Der Vorstand der Gesellschaft für Virologie hat sich mit einem an Deutlichkeit kaum zu überbietenden Brandbrief an die Öffentlichkeit gewandt. Die Virologen registrieren in Deutschland den Beginn einer exponentiellen Ausbreitung des Coronavirus. Sie sei „insbesondere auf private Veranstaltungen wie Familienfeste, Hochzeitsfeiern sowie andere Zusammenkünfte zurückzuführen“. Obwohl sich dadurch der Großteil des Infektionsgeschehens in jüngeren Altersklassen abspiele, die von den gesundheitlichen Folgen von Covid-19 zumeist deutlich weniger betroffen seien als ältere, „sehen wir überall eine Zunahme an Hospitalisierungen und ein stetiges Vordringen der Infektionen in höhere Altersgruppen“.

Weiter heißt es: „Aufgrund der explosiven Infektionsdynamik, die wir in allen Hotspots quer durch Europa feststellen, steht zu befürchten, dass ab einer bestimmten Schwelle auch in bisher unkritischen Regionen die Kontrolle über das Infektionsgeschehen verloren geht. Bei Überschreiten dieses Schwellenwerts sind die Nachverfolgung einzelner Ausbrüche und strikte Isolationsmaßnahmen nicht mehr realisierbar und eine unkontrollierte Ausbreitung in alle Bevölkerungsteile, einschließlich besonders vulnerabler Risikogruppen, nicht mehr adäquat zu verhindern.“ Die Experten befürchten „eine rasche Überlastung der Gesundheitssysteme, was zum Beispiel in Deutschland allein schon wegen des Mangels an Intensivpflegekräften bereits bei weit unter 20.000 Neuinfektionen pro Tag der Fall sein könnte“. Hierunter werde nicht nur die Behandlung von Covid-19 Patienten, sondern die gesamte medizinische Versorgung leiden.

Die Virologen warnen vehement vor dem Ziel einer Herdenimmunität durch Durchseuchung aller Bevölkerungsgruppen: „Wir lehnen diese Strategie entschieden ab. Wir sind überzeugt, dass die Schäden, die uns im Falle einer unkontrollierten Durchseuchung unmittelbar, aber auch mittelbar drohen, diese Belastungen um ein Vielfaches überträfen und in eine humanitäre und wirtschaftliche Katastrophe münden können.“ Mit dieser Einschätzung sind die Virologen nicht alleine: In einer Erklärung, die am 14. Oktober in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurde („John Snow Memorandum“), äußern zahlreiche internationale Experten ebensolche Bedenken und raten mit allem Nachdruck von der Strategie der unkontrollierten Durchseuchung ab. Dies würde zu einer eskalierenden Zunahme an Todesopfern führen, „da selbst bei strenger Isolierung der Ruheständler es noch weitere Risikogruppen gibt, die viel zu zahlreich, zu heterogen und zum Teil auch unerkannt sind, um aktiv abgeschirmt werden zu können“.

Ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf ergebe sich beispielsweise bei Übergewicht, Diabetes, Krebserkrankungen, einer Niereninsuffizienz, chronischen Lungenerkrankungen, Lebererkrankungen, Schlaganfall, nach Transplantationen und während einer Schwangerschaft. Eine mögliche Komplikation einer überstandenen COVID-19-Erkrankung stellt auch das sogenannte „Long Covid“-Syndrom dar, das verschiedene Spätschäden an Atemwegen, Gefäßen, dem Nervensystem oder anderen Organen zusammenfasst, welche die Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und vermutlich auch Lebenserwartung enorm einschränken.

Auch zur Immunität äußern sich die Virologen: „Ferner wissen wir noch nicht zuverlässig, wie lange eine durch eine Infektion erworbene Immunität anhält. Es wird zunehmend klar, dass gerade die wenig symptomatischen Infektionen, wie sie bei jüngeren Menschen vorherrschen, keine stabile Immunität verleihen.“ Die Virologen halten das Anstreben der Herdenimmunität ohne Impfung für unethisch sowie medizinisch, gesellschaftlich und damit auch ökonomisch hochriskant.

Ein kleiner Seitenhieb am Schluss des Papiers: „Wir respektieren abweichende Haltungen, die einzelne Kollegen in den Medien und sozialen Netzen vertreten, da kontroverse Diskurse Wesensmerkmal sowohl der Wissenschaft als auch der Demokratie sind. Dennoch hält es der Vorstand der Gesellschaft für Virologie für geboten, in dieser Stellungnahme seine Einschätzung zusammenzufassen, die zahlreichen Gesprächen und E-Mails nach zu urteilen auch die Haltung der Mehrheit der virologisch und ärztlich in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätigen Mitglieder unserer Gesellschaft repräsentiert.“