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Corona-Warn-App: Neues Update, neue Funktionen

Neue Funktionen ab Montag : Die Corona-Lahm-App

Im Juni wurde die Corona-Warn-App öffentlichkeitswirksam vorgestellt, rund 20 Millionen Nutzer haben sie heruntergeladen. Doch ihr Nutzen in der Praxis ist umstritten – zumal es seit dem Start kaum Neuerungen gegeben hat. Das soll sich nun ändern. Aber reicht das aus?

Nun also doch: Die Corona-Warn-App erhält weitere Funktionen. Nach einem Update sollen ab Montag die Nutzer die Möglichkeit haben, nach einem positiven Corona-Test freiwillig eine Art Symptom-Tagebuch zu führen. Dies soll dabei helfen, die Risikoberechnung zu verbessern. Außerdem soll die App über die Grenzen Deutschlands hinaus auch in etlichen anderen europäischen Ländern funktionieren. Gerade rechtzeitig, könnte man angesichts rasant steigender Infektionszahlen sagen. Oder natürlich auch: endlich.

Denn die zu Beginn so hoffnungsvoll gestartete Corona-Warn-App war zuletzt zunehmend in die Kritik geraten angesichts der hohen Kosten von mehr als 60 Millionen Euro, der eingeschränkten Funktionalität und einiger technischer Mängel. Anfangs traten immer wieder Fehlermeldungen auf, zuletzt war es die Benachrichtigung von Getesteten durch die Labore, die über die App noch immer nicht zu 100 Prozent zuverlässig funktionierte.

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Die Euphorie, die den Start der App im Juni begleitet hatte, als gleich fünf Mitglieder der Bundesregierung, Wissenschaftler und Top-Manager der für die Umsetzung verantwortlichen Unternehmen Telekom und SAP den Start bei einer gemeinsamen Pressekonferenz ankündigten, war groß. „Das ist nicht die erste Corona-App weltweit, die vorgestellt wird, aber ich bin ziemlich überzeugt: Es ist die beste“, sagte damals Kanzleramtschef Helge Braun.

Nach langem Ringen hatte sich eine dezentrale Lösung mit hohem Datenschutzstandard durchgesetzt. Millionen Menschen luden sich die App herunter (bis heute sind es fast 20 Millionen), Datenschützer lobten das Konzept, international erregte es Aufmerksamkeit. Es schien, als hätten die deutschen Firmen SAP und Telekom den nächsten Baustein für die bis dato so erfolgreiche Pandemie-Bekämpfung geliefert – und das mit einem typisch deutschen, also datensparsamen Ansatz.

Denn statt GPS-Daten zu sammeln, setzt die App auf den drahtlosen Standard Bluetooth, mit dem Geräte kommunizieren können, die sich in nächster Nähe zueinander befinden. Die App verfolgt nicht jeden Schritt des Nutzers, sondern ermittelt per Bluetooth lediglich Kontakte in unmittelbarer Nähe, die dann auch noch – noch so eine Besonderheit – dezentral auf dem Smartphone der Nutzer anonymisiert gespeichert werden. So können Kontakte bei einem positiven Corona-Testergebnis bei maximalem Schutz der Privatsphäre gewarnt werden. Denn die Kontaktpersonen erfahren nur von der Gefahr, nicht aber, von wem sie ausgegangen ist.

In der Praxis führt das allerdings zu einer skurrilen Situation. Fragt man beim Bundesgesundheitsministerium nach, wie viele Infektionen über die App gemeldet wurden, so muss ein Sprecher die Antwort schuldig bleiben: „Da die App auf einem dezentralen Ansatz beruht, wissen wir nicht, wie viele positive bzw. negative Ergebnisse übermittelt wurden. Auch die Zahl derer, die über die App gewarnt wurden, ist aus diesem Grund nicht bekannt.“

Das ist gut aus Sicht des Datenschutzes, aber natürlich schlecht für Gesundheitsämter, denen die App im Alltag dadurch praktisch gar nicht hilft bei ihrer Aufgabe, Infektionsketten nachzuvollziehen und zu brechen. Manch einer, wie der Philosoph Julian Nida-Rümelin, wünschte sich daher zuletzt eine sogenannte Tracing-App nach dem Vorbild Südkoreas, bei der – zulasten von Datenschutz und Privatsphäre – die Bewegungen der Menschen nachvollzogen werden können. Dafür kam das Land bislang ohne Lockdown durch die Krise, während dieses Szenario in Deutschland aktuell ein zweites Mal droht. „Wenn sich die Lage zuspitzt, sollten wir unbedingt ins 21. Jahrhundert kommen und diese digitalen Möglichkeiten nutzen“, sagte Nida-Rümelin zuletzt in den „Tagesthemen“.

Und auch in der Start-up-Szene sind einige frustriert, die sich anfangs bei der Entwicklung einer App-Lösung eingebracht haben. Dort hatte sich die Initiative „Gesundzusammen“ gebildet, die unter anderem auf das Engagement des Start-up-Unternehmers Julian Teicke zurückging. Dieser erzählte zuletzt in einem Interview mit „Media Pioneer“ [kostenpflichtiger Inhalt], dass man anfangs große Pläne gehabt habe: 50 Millionen Downloads wolle man erreichen, lautete anfangs die Devise. Die Corona-Warn-App sollte das wichtigste Werkzeug bei der Bekämpfung der Pandemie werden – in ganz Europa. Es kam bislang anders. Als Grund machte er auch eine gewisse Verzagtheit in der Politik aus: Die Bundesregierung habe tolle Unterstützung geleistet, aber irgendwann habe die Politik der Mut verlassen, frei nach dem Motto: Die App ist kein politischer Misserfolg geworden, also lässt man besser mal alles so wie es ist.

Angesichts der hohen Kosten – bis Ende 2021 dürften mehr als 67 Millionen Euro Gesamtkosten für die Entwicklung und den Betrieb der App samt Call-Centern anfallen – kann das nicht die Lösung sein. Zumal zeigt das Beispiel Irland, dass es auch günstiger geht. „Günstig, beliebt – und sie funktioniert“, hatte der britische „Guardian“ unlängst über die von einem Start-up entwickelte irische Corona-App getitelt. 850.000 Euro soll sie gekostet haben, während ihre Durchdringung gemessen an der Bevölkerungszahl sogar höher ist als in Deutschland.

Eigentlich hätte die deutsche App schon in den Sommermonaten um neue Funktionen erweitert werden müssen. Die irische Variante zeigt beispielsweise auch allgemeine Daten zum Infektionsgeschehen im Land an. Dies soll zwar bald auch in der deutschen Variante möglich sein, dennoch stellt sich natürlich die Frage: Warum erst dann?

Der Informatiker Henning Tillmann, Co-Vorsitzender des SPD-nahen Thinktanks D64, hat zuletzt einige Vorschläge gemacht, wie man die App um sinnvolle Funktionen erweitern könnte, ohne die grundlegenden Eigenschaften von Datenschutz und Dezentralität aufzugeben. So könnten beispielsweise freiwillig mehr Informationen im Falle eines positiven Testergebnisses an die anderen Kontakte übermittelt werden, etwa das Datum. Dies würde Betroffenen mehr Informationen an die Hand geben, um ihrerseits Kontakte zu warnen – auch solche, die vielleicht nicht die App haben.

Vielleicht würde es helfen, häufiger wie ein Start-up zu denken – und die Ziele maximal hoch zu stecken. In so einem Fall könnte eine App dabei helfen, Veranstaltungen wieder möglich zu machen und den Tourismus in Gang zu bringen. Sie würde auch sogenannte Superspreader-Events, bei denen der Erreger speziell über Aerosole in der Luft verteilt wird, erkennen können – und vielleicht sogar währenddessen davor warnen. Sie könnte vielleicht sogar regelmäßig daran erinnern, dass man mal wieder Stoßlüften sollte, wenn man sich längere Zeit an einem Ort aufhält. Und wieso sollte es nicht auch möglich sein, Informationen über örtlich geltende Regelungen zu hinterlegen, um in dem aktuell geltenden Regelwust zumindest ein bisschen Durchblick für den Bürger zu schaffen? Über die App könnte man nach der Stadt suchen, in der man sich gerade befindet – und würde sofort angezeigt bekommen, was erlaubt ist und was nicht. Oder, noch verwegener, sie könnte sogar eine Funktion bieten, mit der man sich in Restaurants einchecken könnte, so dass das Ausfüllen von Kontaktformularen aus Papier entfällt. Wenn es eine Möglichkeit gäbe, anonym seine Anwesenheit mitzuteilen und trotzdem geschützt zu sein, würde vielleicht der eine oder andere darauf verzichten, Phantasie-Namen aufzuschreiben.

Die App wird das Abstandhalten, das Händewaschen und den Mundnasenschutz nicht ersetzen, aber wenn man ihr volles Potenzial entfaltet, kann sie sicherlich mehr sein als das, was der Präsident des Robert-Koch-Institus, Lothar Wieler, in ihr sieht. Er sprach zuletzt davon, die App sei „ein kleines Werkzeug, das einen Beitrag dazu liefert, dass wir die Pandemie besser beherrschen können.“