Augenzeugen zum Anschlag in Nizza: "Körper wie Kegel umherfliegen"

Augenzeugenberichte aus Nizza: "Schreie, die ich nie vergessen werde"

Menschen rennen um ihr Leben, Schüsse und Schreie sind zu hören, Panik bricht aus. An Nizzas Mittelmeerküste endet die Feier zum französischen Nationalfeiertag in einem Alptraum. 84 Menschen sterben bei einem brutalen Angriff mit einem Lastwagen.

Es ist ein lauer Abend an der berühmten Strandpromenade von Nizza. Feuerwerk erleuchtet den Himmel, die Menschen sind ausgelassen, es ist Nationalfeiertag in Frankreich. Die Party mit Blick auf die Cote d'Azur ist fast vorbei, die Menschen kurz vor dem Aufbruch, als die gelöste Stimmung der blanken Panik weicht. Ein Angreifer setzt einen Lastwagen als Waffe ein und fährt mit hoher Geschwindigkeit in die Menschenmenge.

Innenminister Bernard Cazeneuve spricht später von mindestens 84 Toten, darunter mehrere Kinder. Es gibt zahlreiche Verletzte. Präsident François Hollande sagt, was viele befürchten: "Der terroristische Charakter (dieser Attacke) ist nicht von der Hand zu weisen", erklärt er. Nach den Terrorwellen im Januar 2015 und im November kommt der neue Schlag ausgerechnet am Nationalfeiertag, an dem "die Leute Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit feierten", wie es EU-Ratspräsident Donald Tusk ausdrückt.

Nizzas malerische Promenades de Anglais gleicht an jenem Abend einem Schlachtfeld, von dem die Menschen nur noch wegwollen. Videos zeigen, wie Menschen in Panik um ihr Leben rennen, als der Lkw über eine Strecke von zwei Kilometern durch die Menge rast. Eltern flüchten mit Kinderwagen.

Doch viele schaffen es nicht. Auf dem Asphalt liegen Leichen. Verletzte sitzen blutend auf dem Bürgersteig. Éric Ciotti, Präsident des Départements von Alpes-Maritimes, berichtet dem TV-Sender BMF vor Ort von einer "Szene des Horrors." Am Tatort Geschrei und Weinen. "Helft meiner Mutter, bitte!", brüllt jemand. Auf den Bildern taucht kurz ein rosa Mädchenfahrrad auf, das umgeknickt auf der Straße liegt.

"Es war ein Chaos"

Auch der Journalist Damien Allemand, der das Geschehen miterlebte, wählte in seinem Bericht drastische Worte, um die Szenerie zu beschreiben. Entlang der Route des Lastwagens habe er "Körper wie Kegel umherfliegen" sehen. "Ich hörte Lärm, Schreie, die ich nie vergessen werde." Kayla Repan aus Boca Raton im US-Staat Florida war unter den Hunderten Feiernden, die an der Promenade in den Feuerwerkshimmel geblickt hatten. "Die ganze Stadt rannte." Auch sie sei in Panik von der Promenade weggelaufen. "Es war ein Chaos."

Der AFP-Journalist Robert Holloway ist als Tourist in Nizza und bekommt den Anschlag kurz nach Ende des Feuerwerks gegen 23 Uhr mit. Der Lastwagen sei "mit vollem Tempo auf die Leute zugerast", die gerade nach Hause gehen wollten, berichtet er. "Ich war ungefähr hundert Meter entfernt und hatte nur wenige Sekunden, um auszuweichen."

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"Der Lkw hat genau vor mir angehalten"

Im Fernsehsender BFMTV berichtet ein Augenzeuge, er habe zuerst gedacht, dass der Lkw-Fahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren habe. "Er hat genau vor mir angehalten, nachdem er viele Leute überfahren hatte. Ich habe einen anderen Mann auf der Straße gesehen, wir haben gemeinsam versucht, mit dem Fahrer zu sprechen, damit er aufhört." Dann habe der Täter eine Waffe gezogen und auf Polizisten geschossen. "Sie haben ihn getötet und sein Kopf hing aus dem Fenster."


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Wassim Bouhlel, ein waschechter Nizzaer, wird ebenfalls Zeuge der Attacke. Auch den Mann hinter dem Lenkrad will er gesehen haben. Er sei mit einer Waffe ausgestiegen und habe angefangen zu schießen, schildert Bouhlel. Behördenvertreter Ciotti berichtet später, der mutmaßliche Täter sei offenbar bei einem Feuergefecht von der Polizei getötet worden. Von einer möglichen Schießerei zeugen Fotos, die mindestens ein halbes Dutzend Einschusslöcher an der Windschutzscheibe des Lastwagens zeigen.

Wer der Todesfahrer war, war bis Freitagmorgen nicht aufgeklärt. Berichte, wonach in dem Lastwagen dessen Personalausweis gefunden wurde, wollte Innenminister Cazeneuve zunächst nicht bestätigen.

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(felt/AFP/dpa/ap)