Solingen: Letztes Ladengeschäft für Münzen und Briefmarken

Münzsammler: Nicht alles für bare Münze nehmen

Jörg Unshelm und sein Bruder Uwe über falsche Hoffnungen beim Verkauf von alten Geldstücken und Briefmarken.

Manchmal gibt es ihn, den Glücksfund auf dem Dachboden: Hartgeld in Zigarrenkisten, die Solinger beim Aufräumen entdeckt und zwecks Schätzung zu Jörg Unshelm gebracht hatten. Der 52-Jährige, der seit 2010 die alteingesessene Münzhandlung an der Mummstraße führt, war angenehm überrascht: „Es waren seltene Stücke in guter Qualität aus der Weimarer Republik dabei, die vermutlich der Großvater gesammelt hatte“ – und für die es einen angemessenen Preis gab.

Viel häufiger muss Unshelm aber Anbieter von Münzen und Briefmarken enttäuschen. „Man sollte nicht sämtliche Ankaufsofferten im Internet oder von fliegenden Händlern ernst nehmen.“ Und auch nicht alle Meldungen: „Nach einem Artikel über ein angeblich seltenes griechisches Zwei-Euro-Stück habe ich mehr als ein Dutzend Anrufe bekommen.“

Viele hätten auch leuchtende Augen, wenn sie auf ein 50-Pfennig-Stück „Bank deutscher Länder“ aus den Anfangsjahren der Republik stoßen. „Da geht es dann aber um das Jahr und den Ort der Prägung und wie gut die Münze erhalten ist“, relativiert Uwe Unshelm. Der 56-Jährige wechselt sich im Laden mit seinem Bruder ab.

Es ist das letzte Ladengeschäft seiner Art in Solingen – auch ein Spiegelbild der abnehmenden Freude am Münzen- und Briefmarkensammeln. „In den 80er Jahren gab es noch acht Geschäfte, die Münzen und Briefmarken gehandelt haben“, erinnert sich Jörg Unshelm. „Um 1990, zur Zeit der Wiedervereinigung, gab es die höchsten Preise für Münzen und Briefmarken. Damals waren viele Kapitalanleger am Markt, die aber Mitte der 90er Jahre ausgestiegen sind. Zum Überangebot kam dann noch der demographische Faktor dazu.“

Die Sammler sind älter geworden, was man auch an der zurückgehenden Zahl der Vereine sieht. „Düsseldorf hat seit dem vergangenen Jahr keinen Verein mehr“, nennt Unshelm ein Beispiel. Der Bergischen Numismatischen Gesellschaft gehören außer ihm noch 27 Mitglieder an. „Ich bin mit 52 Jahren der Jüngste; der Älteste hat bereits den 90. Geburtstag gefeiert.“ Günter ­Unshelm, der Vater der beiden Brüder, blickte im Februar auf acht Lebensjahrzehnte zurück – und wurde von einer Fachzeitschrift als der am längsten amtierende Vereinsvorsitzende gewürdigt. Er führt die Bergische Numismatische Gesellschaft seit 1967.

„Ich habe 1979 von meinem Vater Münzen mit Tiermotiven bekommen“, erzählt Jörg Unshelm. Seit jener Zeit sammelt der gelernte Immobilienkaufmann. 1986 machte er das Hobby zum Beruf und meldete ein Gewerbe an. Während der Vater unter anderem Experte für Münzwaagen und ihre Gewichte ist, spezialisierte sich der jüngere Sohn auf deutsche Münzen von 1800 bis 1950.

„Ich erwerbe Sammlungen von Privatleuten sowie anderen Händlern und auch Altgold“, erläutert der Experte. Von den Münzen ließen sich allerdings nur zwei bis drei Prozent im Laden verkaufen: „Manche werden deshalb eingetauscht oder auch eingeschmolzen.“ Andere werden per Auktion angeboten. Unshelm: „Ich mache auch Hausbesuche und habe beispielsweise in Wuppertal eine Sammlung gekauft und später versteigern lassen. Sie enthielt überwiegend Umlaufmünzen aus dem Ausland, aber auch alte Dukaten aus dem 17. und 18. Jahrhundert.“ Weil die Nachfrage nach ihnen erfreulich war, habe es für die Verkäufer noch einen Nachschlag gegeben.

Wer sich im Laden umsieht, stößt aber auch auf Berge von Briefmarkenalben. Manche Anbieter holen sie gar nicht mehr ab, wenn die ­Unshelm-Brüder keine wertvollen Stücke finden können. „Münzen- und Briefmarkensammler gehen davon aus, dass der Wert erhalten bleibt oder steigt“, kommentiert Jörg Unshelm. „Ich sage ihnen, dass ein Hobby etwas kostet.“ So genannte Ersttagsblätter etwa seien in den 80er Jahren in 500.000er Auflage erschienen. „Diese Sammlungen sind noch alle da – und völlig wertlos.“

Bei den Münzen bleibt zumindest der Materialwert. Aber während der Laden an der Mummstraße durch Kameras überwacht wird und die teuren Stücke abends in den Tresor wandern, seien viele Sammler sorgloser. Unshelm: „Dabei gibt es neben Banksafes die Möglichkeit, schon für 4000 Euro einen großen Tresor inklusive Transportkosten zu erwerben. Der wird auch von der Versicherung anerkannt.“

Wie sich die letzte Münzhandlung Solingens weiterentwickelt, kann ihr Besitzer nur vermuten. Schon heute bietet er auch einen Frankierservice an (den eine Hausverwaltung nutzt), verkauft gültige Briefmarken, beliefert Kioske mit ihnen und tauscht Markstücke in Euro.

Die Freude an alten Münzen scheint immerhin auf die nächste Generation überzugehen. Jörg Uns­helm: „Meine zehn und 13 Jahre alten Söhne interessieren sich schon.“

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