Neuss: Bier-Werbung war früher Künstlersache

Neuss : Bier-Werbung war früher Künstlersache

Im Feld-Haus auf der Raketenstation wird am kommenden Sonntag eine Ausstellung eröffnet, die vor allem Plakate aus einer Privatsammlung zeigt. Aber auch Bierbecher zeigen, wie sich die Trinkkultur in den Jahren entwickelt hat.

Die industrielle Revolution hat auch vor dem Bier nicht Halt gemacht. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde Bier nämlich fast ausschließlich dort getrunken, wo es hergestellt wurde: im Brauhaus nebenan. Schließlich war es ein leicht verderbliches Getränk, vertrug keine langen Transportwege. Die Entwicklung der modernen Kühltechnik, besserer Transportmöglichkeiten – etwa ein flächendeckendes Eisenbahnnetz – und der Erfindung des Flaschenbiers ermöglichte es den Brauern jedoch, ihr Produkt auch in weiter entfernten Gegenden anzubieten. Um der dortigen Nachbarschaft jedoch das Getränk "schmackhaft" zu machen, brauchte es Werbung. Etwa auf Plakaten, Emailleschildern oder Figuren. Wie das einst aussah, zeigt jetzt eine neue Ausstellung im Feld-Haus, der Dependance des Clemens-Sels-Museum auf der Raketenstation.

Heinrich Becker ist leidenschaftlicher Sammler von alter Bier-Werbung. Unter anderem umfasst seine Sammlung rund 1100 Plakate, Hunderte von Emailleschildern, außerdem Gläser, Flaschen, Bierkrüge. Beckers Interesse kommt nicht von ungefähr. Der Sammler ist Mitinhaber der Kölner Traditionsbrauerei Gaffel. Ein Teil seiner Sammlung ist ab Sonntag im Feld-Haus unter dem Titel "Schäumendes Bier und erfrischende Kühle" zu sehen. Die Ausstellung ist ein Teil des vom kulturhistorischen Museumsnetzwerk Niederrhein organisierten Themenjahrs "Niederrheinisch-limburgische ALTernativen".

"Die Ausstellung bewegt sich in einem Grenzbereich zwischen Kunst, Handwerk und Kultur-Geschichte", sagt Kuratorin Britta Spies. So sollten durch die Plakate stets besondere Merkmale des Biers hervorgehoben werden – etwa die regionale Herkunft oder besondere Nahrhaftigkeit.

Besonders auffällig sind die immer wiederkehrenden Motive – Männer und Frauen. Aber Spies hat festgestellt: "Der Mann ist auf dem Plakat immer durstig." Frauen seien dagegen oft als Kellnerin oder bloß als schöne Repräsentantinnen dargestellt. "Sie waren aber immer jung, hübsch und konnten viele Bierkrüge tragen", sagt Spies. Auch Gambrinus, der "König des Biers", sei ein früher oft verwendetes Motiv gewesen. Natürlich trinkt er dann immer das Bier der jeweils werbenden Firma. Ein noch bekannteres Plakat kommt dagegen ganz ohne Bier aus. Die Brauerei Tuborg warb ab dem Jahr 1900 lediglich mit einem erschöpftem Wanderer, dem "durstigen Mann". Das Plakat setzte sich in einem Wettbewerb zum 25-jährigen Jubiläum der Biermarke durch. Der Gewinner bekam damals eine große Prämie von 10000 dänischen Kronen.

Bei solchen Summen verwundert es nicht, dass sich mancher Künstler ganz der Plakatwerbung widmete. Ludwig Holwein etwa beherrschte den Werbemarkt in und um München. "Die einfachen Formen des Jugendstils und die tolle Farbauswahl, sind bis heute etwas besonders geblieben", sagt Britta Spies. Auch die von Holwein gestalteten Bierbecher werden gezeigt.

Richtig erfolgreiche Werbung muss aber nicht zwingend kreativ oder künstlerisch wertvoll sein. Bestes Beispiel: "Berliner Kindl". Das Bier war damals eines von vielen Sorten einer großen Brauerei. Eigentlich wenig kreativ warb man mit einem blonden Kind. Allerdings mit solchem Erfolg, dass sich die Brauerei später auf die werbetechnisch so erfolgreiche Sorte konzentriert und in "Berliner Kindl Brauerei" umbenannte. _______

(NGZ)
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