Bei der Schützengilde Neuss proben die Züge den Aufstand

Interview mit Vertretern der Schützengilde Neuss: Streit um Strafen: Der Gilde geht der Hut hoch

Major Schomburg, Adjutant Karbowiak und Hauptmann Kracke zur Kritik am neuen – inzwischen ausgesetzten – Strafenmanagement.

Gildezüge proben den Aufstand. Sie verweigern Zahlungen, kündigen Anträge an, um das vom Vorstand beschlossene und „praktizierte Verfehlungsmanagement“ abzuschaffen. Um Druck aus der Debatte zu nehmen, hat der Vorstand bereits verhängte Strafen für die Parade in diesem Jahr ausgesetzt und zu einer außerordentlichen Zugführerversammlung eingeladen. Ausgelöst wurde die Debatte beim fünftgrößten Schützenkorps durch die Arbeit einer „Disziplin AG“, die unter der Führung von Hauptmann Thomas Kracke Zugstrafen aussprach, um Bewusstsein dafür zu schaffen, dass sich das Erscheinungsbild der Gilde verbessern muss. Wir sprachen mit Major Stefan Schomburg, Adjutant Sascha Karbowiak und Thomas Kracke.

Strafen gibt es auch anderswo. Züge, die einen Umzug schwänzen und Schützen ohne Handschuhe, müssen blechen. Was ist falsch gelaufen bei der Gilde?

Thomas Kracke Gut gemeint, schlecht gemacht. Wir haben weder die Zielsetzung noch die Eckpunkte des neuen Strafenverfahrens annähernd ausreichend kommuniziert. Dafür bin ich zuständig; dafür übernehme ich die Verantwortung.
Stefan Schomburg Der Major und der gesamte Vorstand sitzen mit unserem Hauptmann in einem Boot. Es ging zu keinem Zeitpunkt darum, Mehreinnahmen durch Strafen zu generieren. Wir bei der Gilde wollen unser Auftreten bei den Umzügen weiter verbessern. Das wird auch von Oberst Walter Pesch erwartet, der uns im Vorjahr kritisierte: „In der Gilde fällt der Zug auf, bei dem alles richtig ist.“ Wir mussten aktiv werden.

Hat der Oberst mit seiner Kritik an der Gilde denn Recht?

Kracke Was er sagt, ist richtig. Das müssen wir beherzigen.

Warum muss gerade die Gilde beim Thema Disziplin nachsteuern?

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Sascha Karbowiak Ich glaube nicht, dass das ein spezielles Problem der Gilde ist. Richtig ist aber, dass unser schönes Korps in den vergangenen Jahren sehr schnell gewachsen ist. Wir haben inzwischen mehr als 630 Marschierer in 39 Zügen. Da geht der familiäre Charakter leicht verloren. Es kennt nicht mehr jeder jeden und es passt nicht mehr jeder auf jeden auf.

Warum haben Sie denn eine Arbeitsgruppe Disziplin installiert?

Kracke Wir im Vorstand wollten ja gerade keine einsamen Entscheidungen treffen, sondern die Züge und Schützen mit einbinden. Wir haben eingeladen, sich an der Disziplin AG zu beteiligen. Das haben auch einige Kameraden getan.
Schomburg Über Strafen für das Thema adrettes Auftreten bei den Umzügen zu sensibilisieren, ist ja nur ein Ziel der Disziplin AG. Uns geht es auch darum, die Züge und Aktiven wieder besser zu vernetzen, in dem wir gemeinsam gemeinsame Spielregeln vereinbaren. Die Disziplin AG, übrigens nur ein Arbeitstitel, ist der Versuch, Disziplin zu fordern und Gemeinschaft zu fördern.

Haben Sie Bodenhaftung verloren? Die Distanz zwischen Vorstand und Schützen soll gewachsen sein?

Schomburg Der Adjutant und ich waren in diesem Jahr bei sieben Zugversammlungen. Wir gehen gern vor Ort in die Züge, um uns mit den Mitgliedern auszutauschen und direktes Feedback zu bekommen.
Karbowiak Ich empfinde die aktuelle Diskussion als nicht so schlimm. Sie ist auch die Chance, die Themen auf die Agenda zu setzen, die unsere Gildeschützen bewegen. Die Strafen-Diskussion ist ja offenbar nur ein Thema. Darum ist es gut, wenn wir jetzt in einen offenen Dialog eintreten und gemeinsam an Lösungen arbeiten.
Kracke Ich habe dazugelernt und sicherlich alle Freunde im Vorstand auch. Wir sind bereit, zuzuhören und es besser zu machen. Ich hoffe, dass unsere Schützen auch diese Offenheit mitbringen und gemeinsam mit uns konstruktive Lösungen suchen, finden und mittragen.

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