Nettetal: Pierburg ist inzwischen halb umgezogen

Nettetal : Pierburg ist inzwischen halb umgezogen

Hundert Mitarbeiter des Werks Nettetal arbeiten bereits im neuen "Werk Niederrhein" in Neuss. Die Gießerei verlässt ab Anfang November Lobberich. Im Juni soll der Umzug auf die Hafenmole vollständig abgeschlossen sein.

Franz Josef Keimes ist kein Mann großer Worte. Auf die Frage, ob ihm sein neuer Arbeitsplatz gefällt, sagt er nach einigem Überlegen: "Ja. Es ist gut hier." Sehr viel mehr lässt er sich zunächst nicht entlocken. Dann huscht ein Lächeln über sein Gesicht. "Wenn man unsere Produktion in Lobberich kennt, dann ist das hier ein gewaltiger Unterschied." Franz Keimes ist einer von etwa Hundert Mitarbeitern des Nettetaler Pierburg-Werks, die in Neuss arbeiten. 180 werden folgen.

Am 9. Mai bereits begann im komplett neu auf die Hafenmole gesetzten Werk die Produktion. Werkleiter Dr. Jochen Luft spricht unablässig von den Integrationsbemühungen der Geschäftsleitung. Die Kollegen aus der Neusser und die aus der Nettetaler Produktion sollen hier zum "Team Niederrhein" zusammenwachsen. Trennende Elemente gibt es nicht mehr nach dem Willen der Unternehmensleitung. Die Gießerei befindet sich noch in Lobberich, wird aber ab November umziehen. Bis Juni kommenden Jahres soll der Umzug des Nettetaler Werks abgeschlossen sein.

50 Millionen Euro hat Pierburg in das neue Werk investiert. Das sei nur möglich geworden, weil die Belegschaft und vor allem die IG Metall einen ungewöhnlichen Schritt mitgingen. Pierburg handelte einen eigenen Tarif aus, der Bonuszahlungen und verzögerte Entgeltsteigerungen vorsieht.

Die Gewerkschaft ließ sich nach Angaben von Sebastian Krause auf ein ebenso komplexes wie kompliziertes Modell ein, das über mehrere Tarifbezirke deutschlandweit umgesetzt wurde. Krause ist Personalvorstand der KSPG Automotive, einer Aktiengesellschaft unter dem Dach des Mutterkonzerns Rheinmetall, die wiederum unter ihrem Dach das Segment der Automobilzulieferung vereinigt, neben Pierburg auch Kolbenschmidt und Motorservice.

Die so geschaffene Kostenstruktur soll dem Unternehmen Sicherheit für zehn Jahre verleihen. Ohne den "Beitrag der Mitarbeiter", wie es Krause ausdrückt, wäre das neue Werk in Neuss nicht gebaut worden Er spricht von einem "Kostendämpfungsvertrag". Das lange sehr profitable Werk in Nettetal war zuletzt an die betriebswirtschaftlich "kritische Grenze" gestoßen. "Nettetal hatte durchaus große Probleme", berichtet Krause.

Die Produktion in Lobberich machte mit seinen Abgasrückführsystemen mit zuletzt mit 350 Mitarbeitern 80 Millionen Euro Jahresumsatz. Produziert werden unter Einsatz der Gießerei große Komponenten für den Motorenbau bis hin zu Lkw aller Größenordnungen. Die Neusser Kollegen dagegen produzieren kleinteiliger (Magnetventile).

In der Bearbeitung des neuen Werks haben sich die Nettetaler Mitarbeiter ebenso eingerichtet wie in der Montagehalle. "Das ist schon ein ganz anderes Arbeiten hier als im Lobbericher Werk, das starrt vor Schmutz", sagt Keimes. Das Gegenteil ist in seiner neuen Arbeitsumgebung der Fall. Sie wirkt wohlgeordnet und fast klinisch rein.

Eine Zeitlang wird Pierburg den Shuttle-Dienst für die Nettetaler Mitarbeiter aufrecht erhalten. Aber das ist nur eine Übergangsphase in der "Mobilitätsunterstützung der Nettetaler", wie Pierburg-Chef Olaf Hedden erklärt. Am 30. September wurde das Werk in Neuss geschlossen, der Mietvertrag dort war ausgelaufen. An der Hafenmole hat Pierburg mit Blick auf Expansion gebaut. 700 Mitarbeiter werden nach erfolgter Zusammenführung beider Werke dort arbeiten. Es gibt noch reichlich Reserveflächen für eine spätere Ausdehnung.

(RP)