Nettetal: Ein letztes Halali für das Niederwild?

Nettetal : Ein letztes Halali für das Niederwild?

Es gibt innerhalb eines Jahres einen dramatischen Einbruch beim Niederwild. Vor allem die Bestände der Fasanen sind stark zurückgegangen. Jäger stehen vor einem Rätsel, weil sich viele störende Faktoren nicht verändert haben.

Gegenden, in denen sich Fuchs und Hase "Gute Nacht" wünschen, gelten nicht zu den bevorzugten Regionen. Im hiesigen Raum hätten nicht nur Jäger gerne, wenn es überhaupt noch Hasen, Fasane oder gar Rebhühner gäbe. Reihenweise sind inzwischen Treibjagden abgesagt worden. "Innerhalb eines Jahres haben wir den vollkommenen Einbruch der Fasanenpopulation registriert. Woran das liegt, weiß zurzeit niemand", sagt der Viersener Franz Ohlenforst.

Ohlenforst ist Jäger und Jagdpächter und betreibt ein über die Region hinaus bekanntes Fachgeschäft mit Jagdwaffen. Er hat einen umfassenden Überblick über die Entwicklung. "Es ist erschreckend und wirklich dramatisch, in welcher Rasanz das Niederwild verschwindet", sagt er. Ähnlich ratlos äußert sich Kreisjagdberater Hermann-Josef Steger. Vor einigen Wochen noch beurteilte er die Entwicklung vorsichtig pessimistisch. Die raue Wirklichkeit übertrifft vermutlich noch alle Prognosen.

Die Fachzeitschrift "Rheinisch-Westfälischer Jäger" hat eine landesweite Blitzumfrage gestartet und Ergebnisse in der jüngsten Ausgabe veröffentlicht. Überall wurden Jagden abgesagt, weil Hasen und Fasane dramatisch zurückgegangen sind. Wenn überhaupt, dann waren Strecken "überschaubar". "Es gibt nur wenige Reviere ohne Einschränkungen", hieß es beispielsweise für den Kreis Kleve. Im Münsterland gibt es sogar Befürchtungen, dass Niederwild schon bald "für immer verloren" sein wird.

Jagdpächter wie Friedrich-Wilhelm Scholz aus Viersen, der in Bracht an der Grenze zu Kaldenkirchen ein Revier betreut, stellen immer häufiger die Sinnfrage. "Wer seine Jagdpacht ernst nimmt, bewältigt eine komplexe Aufgabe. Sie beginnt bei der Hege von Wild, die nur in einem angemessenen Umfeld möglich ist, enthält Pflichtaufgaben wie die Vermeidung von Wildschäden in bäuerlichen Kulturen und ganz am Ende gibt es vielleicht noch die Jagd", sagt Scholz. Wie er beobachten Jagdpächter einen schier unaufhaltsamen Niedergang der gesamten Tierwelt in der freien Natur. Das Ausbleiben von Rebhuhnketten und jetzt der Zusammenbruch der Fasanenbestände sind für Jäger nur die Folge vieler anderer Faktoren.

Das massenhafte Sterben von Bienenvölkern regt Menschen noch auf. Dass aber zahllose Insektenarten als Nahrungsgrundlage für Vögel verschwunden sind, bleibt fast unbemerkt. Lerche, Kiebitz und andere Vögel sind so gut wie nicht mehr da. Rückzugsflächen für Vögel und Wild sind in einer Landwirtschaft, deren Strukturen vom Diktat industrieller Verarbeitung ihrer Produkte geprägt sind, kaum mehr vorhanden. "Kaum ein Landwirt geht auf die Bitte ein, Brachstreifen an Äckern mal zuzulassen, damit zum Beispiel Fasanengelege möglich werden", stellt Ohlenforst bedauernd fest.

Die Jagdpacht hat für Landwirte kaum mehr eine Bedeutung im Jahresumsatz. Hinzu kommt, dass immer mehr Äcker nicht mehr von Besitzern bewirtschaftet, sondern verpachtet werden. "Da wird mitunter herausgeholt, was möglich ist. Außerdem wechselt die Bewirtschaftung innerhalb eines Jahres unter Landwirten. Wir wissen oft überhaupt nicht, wer einen Acker gerade unter dem Pflug hat", berichtet Ohlenforst. Die Preise für Jagdpachten sind in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen von über 20 auf etwa 15 Euro. Interesse an Revieren zeigen häufig Niederländer: In ihrer Heimat ist die Jagd gestoppt worden, sie suchen Reviere im Grenzgebiet, wo heimische Pächter allmählich resignieren.

(RP)
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