Interview mit Prof. Hans Joachim Albrecht: Nazis und moderne Kunst: "Kritik war nicht erwünscht"

Interview mit Prof. Hans Joachim Albrecht: Nazis und moderne Kunst: "Kritik war nicht erwünscht"

Hans Joachim Albrecht war seit 1967 Dozent an der Krefelder WKS. 1971 war er der erste Dekan des Fachbereichs Design der Fachhochschule, wurde 1973 Professor und lehrte bis 2000. Neben der Kunst veröffentlichte er zu kunsttheoretischen Themen. Hans Dieter Peschken sprach mit ihm über Kunst und Wirkung.

Professor Albrecht, woran erkennen Sie, ob ein ästhetisches Objekt ein Kunstwerk ist?

Hans Joachim Albrecht Es muss mich treffen, es muss mich angehen. Dazu muss es eine bestimmte Reizschwelle übersteigen, das visuelle und haptische Angebot muss mein Wahrnehmen und Denken lebhaft beschäftigen. Auf ihre Weise werden auch Menschen ohne besondere Vorbildung von Kunstwerken angesprochen, falls sie ihnen zusagen.

Dürfen Kunstwerke jemandem auch nicht gefallen?

Albrecht Künstler vollbringen Erkenntnisleistungen, die in Bilder eingehen. Danach geben die Werke vor, wer als Künstler gelten kann. Natürlich, wenn ein Künstler "ausbricht", gegen bisher geltende ästhetische oder sonstige Normen verstößt, sind wir verstört. Aber diese Irritation ist nötig, sie fordert uns heraus, zu neuen Ufern aufzubrechen. Diese Bereitschaft, sich auf Unbekanntes einzulassen, seine Polyvalenz, seine Mehrdeutigkeit auszuhalten, wird allerdings durch Einübungen in anschauliches Denken erleichtert.

Warum sind die Nazis so gegen die Kunst ihrer Zeit vorgegangen?

Albrecht In den 1930er Jahren hat die arische Ideologie alles, was ihr nicht passte, bekämpft und zerstört. Die Verbreitung kritischen Kunstschaffens hätte der Nazi-Propaganda sichtbar widersprochen, vor allem bei wacheren Landsleuten. Denn Kunst kann wie eine geballte Faust unter der Nase sein — und daher politische Wirkungen entfalten. Wohl kalkuliert beschworen die Machthaber "das gesunde Volksempfinden" und erklärten die Moderne Kunst zum gemeinsamen Feind, auf den sich die dumpfen Emotionen bequem entladen konnten.

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Warum polemisieren viele Menschen heute immer noch gegen die Moderne?

Albrecht In orientierungslosen Epochen ist ja der Wunsch nach einer heilen, klar geordneten Welt nicht unverständlich. Die in knallharten Jahren beliebten bürgerlich-betulichen Bilder haben sich als schal und pseudo-religiös erwiesen. Doch weiterhin driften die Auffassungen auseinander. Einerseits greifen immer noch viele Leute, wie ihre Urlaubsfotos zeigen, unbewusst auf romantische Muster zurück. Andererseits fanden nach dem Krieg westliche Künstler, dass die ihnen geschenkte freiheitliche Ordnung — im Gegensatz zum Sozialistischen Realismus — ausschließlich abstrakte Gestaltungen verlangt.

Ist alles, was im Museum gezeigt wird, Kunst?

Albrecht Ich denke ja. Inwieweit es sich aber um wirksame Kunstwerke handelt, muss sich vor allem bei der Gegenwartskunst noch erweisen. Wichtiger scheint mir jedenfalls, dass unsere Gesellschaft sich über die vielen Kunstäußerungen reflektieren und selbst begreifen kann, weil alle Kunst immer auch grundlegende Strukturen ihrer Zeit aufnimmt. Anzumerken ist leider, dass Museen oft nur "Bestätigungsinstitute" für das sind, was vom Kunsthandel durchgesetzt werden soll.

Kann jeder Mensch ein Künstler sein?

Albrecht Ja, zwar ist nicht jeder fähig, Menschen bewegende Kunstwerke zu erfinden, doch jeder kann sich künstlerisch erproben. Denn selbst der schlechteste Maler sieht die Welt als Bild, sagt André Malraux, und jedes Bild wirkt unendlich, so lange es neugierige Augen gibt im Fluss der Geschichte.

(RP)
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