Kamp-Lintfort: Lintforter Jugendroman wiederentdeckt

Kamp-Lintfort : Lintforter Jugendroman wiederentdeckt

Hanns Vogts schrieb einen Jugendroman "Elf Jungens und ein Fußball", der 1930 in Lintfort spielt. In den 1950er und 1960er Jahren war er ein Bestseller. Heute ist das Buch wie der Schriftsteller selbst in Vergessenheit geraten.

Die Gegensätze können größer nicht sein. Auf der einen Seite des Fußballfeldes stehen Siebtklässler von der weltlichen Volksschule an der Pestalozzistraße. Sie leben in der Lintforter Arbeitersiedlung und ihre Väter sind Kumpel auf dem Lintforter Bergwerk "Friedrich Heinrich". Auf der anderen Seite laufen die Siebtklässler der Mittelschule auf. Sie wohnen in der Beamtensiedlung am Pappelsee und ihre Väter sind leitende Angestellte dieser Zeche. Die "Jungens" aus der Arbeiterkolonie holen sich eine Klatsche. Sie verlieren mit 1:8. "Alle lassen die Köpfe hängen", schreibt Hanns Vogts. "Wie die Väter nach einer schweren Schicht."

Mit der Niederlage lässt der gebürtige Mönchengladbacher seinen Jugendroman "Elf Jungens und ein Fußball" beginnen. Die Geschichte spielt wahrscheinlich 1930, weil in diesem Jahr der Schuljahrgang 1918/1919 in der siebten Klasse war, den er an der weltlichen Schule unterrichtete. Diese lag an der Einmündung der Pestalozzistraße in die Moerser Straße in Kamp-Lintfort, wo heute ein Netto-Supermarkt steht. Ostern 1924 hatte Vogts mit 23 Jahren auf dieser Schule angefangen, an der er zunächst den Schuljahrgang 1914/1915 unterrichtete . Zuvor hatte er zwei Jahre als Sekretär bei Georg Kaiser in Grünheide bei Berlin gearbeitet, der in Deutschland zu den meistgespielten Dramatikern der 1920er gehörte, heute aber in Vergessenheit geraten ist. Durch ihn scheint Hanns Vogts den Weg zum Schreiben gefunden zu haben.

Um 1930 näherte er sich der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an, die damals eine starke Kraft in der Lintforter Arbeiterkolonie war. Er schrieb für linke Zeitschriften wie "Die Linkskurve" oder "Die neue Bücherschau". Möglicherweise verfasste er schon damals den Roman "Elf Jungens und ein Fußball", in dem die beiden Mannschaften stellvertretend einen Klassenkampf der Arbeiter gegen die Bürgerlichen ausfechten. Diesen entscheiden die "elf Jungens" aus der Arbeiterkolonie im zweiten Anlauf mit 2:1 für sich, nachdem sie mit hartem Training zu einer Mannschaft gewachsen sind. Dabei wechseln sie kein Wort mit Spielern der Gegenseite.

Der Volksschullehrer konnte den Jugendroman nicht veröffentlichen, weil er 1933 als Kommunist aus dem Schuldienst ausschied und in die Niederlande ins Exil ging. 1947 hielt er "Elf Jungens und ein Fußball" erstmals gedruckt in der Hand. Dann konnte er die Verkaufszahlen verfolgen, weil sich der Roman beim Franz-Schneider-Verlag Augsburg in den 50er und 60er Jahren zu einem Bestseller entwickelte, dessen Verkaufszahlen vom Egmont-Verlag, in dem er heute aufgegangen ist, nicht bekannt gegeben werden.

1955 kehrte Hanns Vogts für zwei Tage in die Bergbaustadt zurück. Am Samstag, 6. August 1955, wurde der Schriftsteller, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Freudenstadt lebte, mit einem Festakt geehrt. Er bekam von Bürgermeister Robert Schmelzing eine Ehrengabe der Stadt überreicht. Kurioserweise ging das in der Aula der Mittelschule über die Bühne, die gerade in Realschule umbenannt worden war. Außerdem gehört diese Aula bundesweit zu den wenigen Sälen, die in den 1920er Jahren errichtet wurden und bis heute auf eine Wiederentdeckung warten. Aber den Klassenkamp hatte Vogt bereits 1950 hinter sich gelassen, als er dem Kommunismus abgeschworen hatte und aus der KPD ausgetreten war.

Am 7. August 1955 besuchte er seine alte Wirkungsstätte, die inzwischen Pestalozzischule hieß. Die "Elf Jungens" des Jahrgangs 1918/1919, die er in seinem Buch verewigt hatte, verteilten sich in der Klasse, wie die einstigen Mädchen und die einstigen Schüler des Jahrgangs 1914/1915. Für die Schulchronik, die heute der Kamp-Lintforter Stadtarchivar Albert Spitzner gerne zeigt, wurde ein Foto geschossen.

Dann reiste Vogts zurück nach Freudenstadt. Dort lebte er weitere 20 Jahre als Schriftsteller, bis er im Juni 1976 im 76. Lebensjahr starb. Die meisten seiner Gedichte und Dramen sind expressionistisch angehaucht und wurden nie veröffentlicht. Sie liegen heute im Stadtarchiv seiner Geburtsstadt Mönchengladbach. Der Schriftsteller Vogts wartet auf eine Wiederentdeckung, wie sein einstmals bekanntestes Werk "Elf Jungens und ein Fußball".

(got)
Mehr von RP ONLINE