Hilden: Vom Tresen zum Sünderbänkchen

Hilden: Vom Tresen zum Sünderbänkchen

Im Gasthaus "Zur Krone" an der Mittelstraße 17 wurde nicht nur Politik gemacht. Auch das Landgericht tagte eine Zeitlang in den Räumen nebenan. Im Fauna-Garten waren seltene Vögel zu bestaunen. Heute steht an seiner Stelle das leere Hertie-Haus.

Das ehemalige Hertie-Kaufhaus an der Mittelstraße wirkt wie ausgestorben. Einst war hier der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Itterstadt. Knapp 300 Jahre lang trafen sich die Hildener zum Bier in der Mittelstraße 17, debattierten über Politik und informierten sich über den Klatsch und Tratsch von nebenan. Im 18. Jahrhundert tagte nicht nur das Landgericht in den Räumen des Gasthauses "Zur Krone", auch Bürgermeister Koennecke und sein Gemeinderat arbeiteten in den Sitzungsräumen an der Stadtwerdung.

Als das Fachwerkhaus am 27. Februar 1959 abgerissen wurde, machten die Bagger und Planierraupen ein Stück Stadtgeschichte dem Erdboden gleich. "Ein Trümmerhaufen und eine Wolke Staub waren nach dem Einsturz der letzten Fassadenhälfte der Krone gestern Morgen gegen 10.15 Uhr zu sehen", schrieb damals die Hildener Zeitung. Die alten Balken konnten sich die Bürger für zehn Mark pro Lkw-Ladung als Brennholz nach Hause liefern lassen.

An zwei Handelsstraßen

1972 füllte der Karstadt-Komplex die Baulücke, 2007 wurde daraus Hertie — bis das Warenhaus 2009 schloss. Das City-Kaufhaus, das folgte, konnte sich nur ein halbes Jahr halten. Seit Dezember 2010 steht das Gebäude leer. Nur der Straßenname Am Kronengarten erinnert noch an die einstige Gaststätte. Die hatte noch vor 1700 Christian Kemperdick an der Kuhle, einem Kreuzungspunkt zweier alter Handelsstraßen, errichtet.

Aufgrund der günstigen Verkehrslage eröffnete 1825 die erste Poststelle in der "Krone". Adolf Bausenhaus übernahm bis 1857 die Doppelfunktion als Wirt und Postexpediteur. Vor seiner Haustür machten die Wagen auf dem Weg von Benrath nach Solingen mehrmals am Tag Station, brachten Neuigkeiten mit und luden Reisende ein und aus. Als sich die Posthalterei später vom Wirtshaus trennte, sorgte Edmund Bausenhaus mit immer neuen Ideen dafür, dass ihm die Gäste nicht ausgingen.

  • Serie: "Ich war einmal..." : Obdach für Gesellen

So ließ er beispielsweise 1869 im Kronengarten das erste Fahrrad vorführen und lockte damit zahlreiche Schaulustige an. Doch erst einer seiner Nachfolger, August Gressard, machte den Kronengarten weit über die Stadtgrenzen hinweg bekannt. Als Mitbegründer des deutsch-ungarisch-österreichischen Geflügelzuchtverbandes brachte er zum Erstaunen seiner Gäste zahlreiche seltene Vogelarten in den Volieren des Fauna-Gartens unter. Das brachte ihm den Spitznamen "Hühner-August" ein — und seinem Betrieb satte Einnahmen.

Zechen in der "Bleikammer"

Gressards Nachfolger J.P. Jansen übernahm ein florierendes Unternehmen, in dessen so genannter "Bleikammer", einem fensterlosen Räumchen, die Gäste auch nach der Sperrstunde noch weiter zechten. Nach dem Zweiten Weltkrieg betrieben die Briten das Lokal "Crossed Keys" in der "Krone", bevor sie das Haus an die Stadt zurückgaben.

Heute gehört das Gebäude der britischen Investorengruppe Dawnay Day, die bisher keinen Käufer für die Immobilie gefunden hat. "Es gab hin und wieder Interessenten, doch alle Verhandlungen scheiterten bisher an den exorbitanten Preisvorstellungen", sagt Lutz Groll, Sachgebietsleiter Stadtplanung bei der Stadt Hilden.

(domi)
Mehr von RP ONLINE