Eisenbahn-Unfalluntersuchung: Gruiten entgeht einem Bahn-Unglück

Eisenbahn-Unfalluntersuchung : Gruiten entgeht einem Bahn-Unglück

Beinahe wäre ein ICE in eine stehende Regionalbahn gefahren. Jetzt liegt die Untersuchung dazu vor.

Bahreisende im Bergischen Land sind Anfang des Jahres nur um ein Haar einer Katastrophe entkommen. Wie aus einem jetzt veröffentlichten Bericht der Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung (BEU) hervorgeht, ist am späten Abend des 1. Februar ein Intercityexpress (ICE) im Bahnhof Gruiten lediglich 15 Meter vor einem dort stehenden Zug des Regionalexpress RB 48 zum Stehen gekommen. Verletzt wurde niemand. Dennoch hätte das "Ereignis" nach Einschätzung der BEU "zu einem schweren Unfall" mit fatalen Folgen "führen können", da der Zugführer des ICE mit knapp 80 km/h unterwegs war und erst in letzter Sekunde eine Schnellbremsung einleitete, nachdem er die roten Schlusslichter der Regionalbahn vor sich erkannt hatte. Aus diesem Grund fordern die Prüfer der BEU nun Konsequenzen von Seiten der Bahn. So soll das Unternehmen die eigenen Sicherheitsvorkehrungen genau unter die Lupe nehmen - was die Bahn alsbald in die Tat umsetzen will. "Der vorliegende Bericht beinhaltet Empfehlungen, die wir umgehend und mit Hochdruck aufarbeiten", sagt ein Sprecher der Bahn auf Anfrage.

Dirk Ballerstein, Geschäftsführer bei der National Express Rail GmbH, kennt den Vorgang gut. "Er wäre verhinderbar gewesen", sagt er. Zwar habe sich sein Unternehmen nichts vorzuwerfen. "Dennoch haben wir längst Konsequenzen gezogen", so Ballerstein. Alle Zugtrennungen werden seither immer gemeldet, man spreche persönlich mit den jeweils Verantwortlichen. Mit dem alten oder jetzt neuen Stellwerk habe der Vorfall nichts zu tun, sondern nur mit menschlichem Versagen. Die Bahn müsse ihre Ausbildungswege überprüfen und auch den Stand der Technik: Noch immer würden etwa Papiere mit wichtigen Informationen hin und her gefaxt.

Tatsächlich ist es dem Untersuchungsbericht zufolge nur einer Reihe glücklicher Umstände zu verdanken, dass am 1. Februar kein Desaster passierte. An diesem Tag war wegen Softwarearbeiten eine Unterbrechung der RB 48 zwischen Solingen und Gruiten vorgesehen. Die Züge des Bahnunternehmens National Express endeten darum zunächst am Solinger Hauptbahnhof. Die Fahrgäste mussten in Ersatzbusse umsteigen, die die Reisenden zu auf Gleis 507 in Gruiten wartenden Anschlusszügen beförderten.

Um Verzögerungen zu vermeiden, hatte National Express zuvor einen Zug per Leerfahrt nach Gruiten beordert, der dort getrennt wurde. Während der vordere Zugteil um 22.27 Uhr mit den aufgenommenen Passagieren die RB 48-Fahrt Richtung Oberbarmen fortsetzte, verblieb das hintere Zugteil zunächst in Gruiten, da es für die Weiterfahrt ab 23.27 Uhr vorgesehen war. Ein Umstand, der am Ende fast zur Katastrophe führte. Denn die zwei Fahrdienstleiter im Stellwerk Vohwinkel wussten nichts von der Zugtrennung - so dass sie sich auch wunderten, als nach dem Start des ersten Anschlusszuges auf ihrem Computer nach wie vor ein rotes Signal auftauchte, das ein Hindernis auf besagtem Gleis in Gruiten anzeigte. Die Männer dachten zunächst an eine technische Störung. Um aber auf Nummer Sicher zu gehen, gaben sie die Strecke nicht sofort wieder fei, sondern warteten ab, bis der erste Anschlusszug durchgefahren war.

Eine Entscheidung, die wahrscheinlich Schlimmeres vereitelte. Denn so musste der ICE vor Gruiten einige Zeit länger warten, ehe er die Erlaubnis zur Weiterfahrt erhielt - was wiederum dazu führte, dass der Lokführer des ICE aufgrund seiner geringen Geschwindigkeit gerade noch rechtzeitig bremsen konnte,

(RP)