Erkelenz: Meditation und wilder Tanz am Abgrund

Erkelenz : Meditation und wilder Tanz am Abgrund

Breit war das Spektrum der Lieder, Gedanken und Mundartbeiträge, die in der Immerather Kirche St. Lambertus erklangen. Die Kirche muss dem Tagebau weichen. Eingeladen hatte der Heimatverein zum stimmungsvollen Abschied.

Schwermut lag nicht über der ersten von mehreren Abschiedsveranstaltungen von der Immerather Kirche, aber etwas Wehmut schwang mit im Lied "Du mi Dörp" – in Text und Melodie wie viele andere von Theo Schläger und dargeboten von der Chorgemeinschaft Katzem-Lövenich. Die Kirche muss bald dem Braunkohletagebau weichen. Mundartlieder, Mundartvorträge, kurze Reflexionen über den Verlust der Heimat trafen Sinne und den Nerv des Publikums.

Ein Zwei-Stunden-Programm hatten die Veranstalter Katholische Pfarrgemeinde St. Maria und Elisabeth und Heimatverein der Erkelenzer Lande vorbereitet, das sich unter dem Leit-Lied "Mer wiäde fottjebaggert" (Wir werden weggebaggert) um Heimat, Heimatverlust, alte Zeiten und einen optimistischen Blick in die Zukunft drehte. Elke Schnyder von der Pfarrgemeinde begrüßte nicht nur Alt-Immerather in einer "makabren" Situation: in "einer so vollen Kirche" zu sein, wissend, dass es die bald nicht mehr gibt. Sie erinnerte daran, dass der im Januar plötzlich verstorbene Pfarrer Franz-Josef Semrau der Initiator dieser Veranstaltung gewesen sei, inspiriert auch vom Lied "Billa, lass' uns tanzen". Die Mitinitiatorin Maria Bubenitschek konnte sie dagegen unter den vielen Heimatfreunden in der Kirche begrüßen. "Wenn diese Resolution Erfolg gehabt hätte, wären wir heute Abend nicht hier."

Heimatvereinsvorsitzender Günther Merkens erinnerte in seinem Grußwort an das Jahr 1984, in dem in einer Großkundgebung der damalige Vorsitzende Franz-Josef Pangels eine Resolution gegen den Tagebau einbrachte, die wie auch spätere Unternehmungen keinen Erfolg gehabt hätten. Theo Schläger, von dem allein 17 der 22 Programmpunkte in Plattdeutsch stammten, reflektierte kurz den Mehrfachsinn der Redewendung "Die Kirche im Dorf lassen". Neu-Immerath bekommt keine Kirche, sondern eine Kapelle. Antonia und Theo Küppers sowie Marita Scheuren leiteten als Ur-Immerather mit ihrem Lied "Mer wiäde fottjebaggert" den unterhaltenden Teil ein, den Theo Schläger am Keyboard begleitete. Marlies Bereit beleuchtete in einem bodenständigen Text die Geschichte des zweitürmigen "Doms" mit 68 Metern Höhe auch in seinen Tiefen. Die Katzem-Lövenicher Chorgemeinschaft, auch die ganz jungen Sängerinnen, hatte fleißig Platt gelernt, um das Liedgut ihres Chefs authentisch rüberzubringen. Nicht übertrieben hatte Theo Schläger mit der Ankündigung "Jetzt kommt ein Chanson, das in die erste Reihe gehört", das einen wilden Tanz am Abgrund, dem am Bagger-Loch, beschreibt. Beate Theissen und Waltraut Barnowski-Geiser als Duo "EigenARTs" sind die Autorinnen. Der Refrain der rasanten Ballade zeigt Zukunfts-Sinn in Hochdeutsch: "Billa, lass uns tanzen, bis dass der Bagger kommt. Solang' sich unsre Füße drehn, bleibt die Erde stehn!"

(isp)
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