„Momentum“ im Schauspielhaus Düsseldorf: Im Hinterzimmer der Macht

„Momentum“ im Schauspielhaus Düsseldorf: Im Hinterzimmer der Macht

Lot Vekemans Drama „Momentum“ über ein Politiker-Ehepaar in der Krise wurde am Schauspielhaus uraufgeführt.

Zwischen Macht und Ohnmacht liegt oft ein schmaler Grat. Das zeigt sich dann, wenn die Macht verloren geht, die eigenen Dämonen die Überhand gewinnen und den Betroffenen in die Tiefe ziehen. Doch was macht die Macht so anziehend? So verführerisch? Und warum ist es so schwer, an Ideale zu glauben? Viele Fragen stellt Lot Vekemans in „Momentum“. Am Düsseldorfer Schauspiel hat Hausregisseur Roger Vontobel das neue Stück der niederländischen Erfolgsautorin nun uraufgeführt und wurde mit viel Applaus belohnt.

Mit „Gift. Eine Ehegeschichte“ hat Vekemans wohl eines der am häufigsten gespielten zeitgenössischen Stücke der vergangenen Jahre geschrieben. Ihre Werke, bisher in mehr als 20 Sprachen übersetzt, treffen einen Nerv und vereinen geistvolle Dialoge mit gesellschaftskritischen Themen. So auch in ihrem neuen Werk „Momentum“.

Es geht um ein Politiker-Ehepaar in der Krise. Die Party zum 50-jährigen Bestehen der Partei steht bevor. Doch Vorsitzender Meinrad (Christian Erdmann) sieht sich dem Druck nicht gewachsen und zweifelt zunehmend an sich selbst. Die starke Frau an seiner Seite, seine Frau Ebba (Jana Schulz), will nicht, dass er aufgibt, und spornt ihn an – wie so häufig. Dieter, mephistotelischer PR-Berater (Wolfgang Michalek), geigt Meinrad die Meinung: Er verhalte sich dumm und gedankenlos, indem er Schwäche zeigt. Man merkt den Dreien an, dass sie sich schon lange kennen und Arbeit und Leben ineinander übergehen. Dieter will immer gewinnen: „Ich bin ein Sieger, weil ich nicht ans Scheitern glaube.“ Und er weiß: Meinrad braucht ihn mehr als umgekehrt.

Aus der Dreierkonstellationen aus dem Hinterzimmer der Macht entwickelt Vekemans spannende Dialoge, denen man gerne zuhört. Wer glaubt noch an die Ideale, mit denen sie irgendwann mal gestartet sind? Ebba ist die Strippenzieherin und wäre vielleicht auch die bessere Politikerin. Drahtig, eloquent und voller Energie hat sie sich immer hinter ihren Mann gestellt, der nun zusehends in sich zusammensackt, wie ein Ballon, dem die Luft ausgeht. Er hat seinen Glauben an Veränderung verloren und kommt zu der Erkenntnis, dass sich Ideale und Macht nicht vereinen lassen. Das will Ebba nicht akzeptieren und spornt ihn an, weiterzumachen. Bis sie erfährt, dass er depressiv ist und schon seit einiger Zeit Tabletten nimmt.

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Doch auch die starke Frau, die mit den blonden kurzen Haaren an Robin Wrights Präsidentengattin in der Serie „House of Cards“ erinnert, hat eine Achillesferse: ihr ungeborenes Kind, von dem weder Meinrad noch Dieter etwas wissen. Sie hat sich immer ein Kind gewünscht, es aber in der 14. Woche verloren. Nun begleitet es sie in Form eines junges Mannes (André Kaczmarczyk), der zappelig wie ein Quälgeist, ein Störfeuer im Getriebe der Macht, herumspringt, alles kommentiert, was sie macht, oder ihre Emotionen spiegelt, indem er etwa Stühle herumschleudert, wenn es ihr wahrscheinlich danach wäre. Das ungeborene Kind verkörpert ein Leben, das Ebba sich vielleicht immer gewünscht hat.

Mit der extrem körperlichen Weise, in der sich Mutter und Sohn begegnen – in einer Szene verschränken sie sich fast wie siamesische Zwillinge – setzt die Regie einen gelungenen Kontrapunkt in der sonst auf Sprache und Intellekt reduzierten Konfrontation der Protagonisten. Meinrads Verzweiflung macht Christian Erdmann deutlich spürbar. Zwischen Tränen und Wutausbruch verzweifelt er an der eigenen (Ohn-)Macht. Aber seine Frau auf der Party für sich sprechen lassen? Das kommt nicht in Frage. Auch später gefällt ihm die Idee nicht, dass seine Frau das Ruder übernehmen und selbst kandidieren könnte. Denn selbst in einer Ehe gibt es Konkurrenz.

Lot Vekemans hat eindrückliche Figuren entworfen, die in der Düsseldorfer Inszenierung von starken Schauspielern getragen werden, und sie psychologisch so glaubwürdig ausgestaltet, dass sie nicht zum Sprachrohr politischer Phrasen werden. Sie denken beim Reden und reden beim Denken, und dabei schaut man ihnen gerne zu. Einzig die Figur des jungen Dichters (Kilian Land) bleibt etwas nebulös.

Klaus Grünberg (Bühne und Licht) lässt die Figuren auf einem beleuchteten Laufsteg agieren, der nur von Stuhlreihen flankiert ist. Später verwandelt sich die Bühne und lässt durch eine angewinkelte Spiegelwand Blicke auf Vorder- und Rückseite der Menschen zu, wie ein Blick in einen selbst geschaffenen Abgrund. „Wir sind alle gefangen in den Anforderungen eines Systems und gehen darunter gebückt“, sagt die Autorin im Programmheft. Sie schafft mit „Momentum“ eine treffende Parabel auf komplexe Zeiten, in denen es keine wirklichen Gewinner gibt.

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