Situation im Tanzhaus : Kopf und Körper auf unsicherem Terrain

Die Sanierungsmaßnahmen laufen, zudem wird über eine Erweiterung nachgedacht – so geht das Tanzhaus NRW in die neue Spielzeit.

Dem Tanzhaus steigt man jetzt aufs Dach, und das ist eine gute Nachricht für das Haus an der Erkrather Straße. Nach langem Hin und Her, öffentlichen Mahnungen und einer Online-Petition, mit der auf den dringenden Sanierungsbedarf Aufmerksam gemacht wurde, stand schließlich fest: Ja, die Stadt macht das nötige Geld locker, um die in die Jahre gekommenen Brandmelde- und Schließanlagen zu erneuern. Und über das marode Dach wird nun auch endlich ein Gutachten erstellt, um festzustellen, wie groß der Schaden denn eigentlich ist. Zuletzt wurde es teilweise mit Folie und Klebeband gedeckt.

Beschlossen wurden die Maßnahmen vor der Sommerpause, seitdem wurde an den Anlagen bereits gearbeitet, das Dach soll noch bis Jahresende von Experten begutachtet werden. Und es haben sich neue Gesprächskanäle geöffnet: Mit Stadt und Land sei man im Gespräch über die Möglichkeiten einer Erweiterung des Tanzhauses NRW, sagt Bettina Masuch. Wie sich diese auf dem Gelände des früheren Straßenbahndepots gestalten könnte, mag die Tanzhaus-Intendantin indes noch nicht sagen. Wer das Tanzhaus kennt, weiß aber, dass etwa weitere Kursräume helfen könnten. Tagsüber platzt das Haus aus allen Nähten.

Außerdem gibt es im Tanzhaus ja auch noch die Bühnen: Gerade hat die neue Spielzeit begonnen, jetzt wird im Programm ein neuer Schwerpunkt gesetzt. „Response-ability“ heißt der, frei übersetzt: Antwort-Fähigkeit. „Eine Ethik der Begegnung“ ist der Themenschwerpunkt untertitelt, man möchte „aktives Zuhören und respektvolles Aufeinander-Eingehen“ künstlerisch in den Mittelpunkt stellen, heißt es. „Unsere Gesellschaften verändern sich radikal, sie werden lauter, gewalttätiger, aber auch sehr viel heterogener“, sagt Masuch. Im Tanzhaus wollen sie sich diesen Umwälzungen widmen – zumal sie einem im Tanz selbst begegnen. Beispiel: „Im Gesellschaftstanz waren die Rollen klar festgelegt. Da gab es einen, der hat geführt, und eine, die gefolgt ist. So einfach ist das heute nicht mehr, so etwas muss verhandelt werden“, sagt Masuch. „Diese Art von Verhandlung, bei der man sich auch immer wieder auf unsicheres Terrain begibt, darüber kann der Tanz sehr viel erzählen.“

Auftakt hat der neue Themenschwerpunkt heute Abend, mit der Produktion „Common Emotions“ der israelischen Choreographin Yasmeen Godder. Sie lädt die Zuschauer ein zur gemeinsamen Eroberung des Bühnenraums. Unmittelbaren Zugang also verspricht das Stück, was insofern herrlich souverän ist, wurde dem Tanzhaus zuletzt doch häufig nachgesagt, mit seinem Bühnenprogramm zu sehr auf einen Zirkel Eingeweihter abzuzielen, ja, etwas zu verkopft zu sein.

Masuch nimmt solche Kritik ernst, hält aber auch dagegen. „Ich glaube schon, dass man bei uns sehr viele Zugänge finden kann“, sagt sie. „Die Auseinandersetzung mit dem Körper, die ja auch eine gewisse Sinnlichkeit hat, kommt nicht zu kurz.“ Tanz verstehe sie immer auch als „Mittel, sich mit Welt und Gesellschaft auseinanderzusetzen“, sagt die Intendantin. „Und dass das manchmal irritiert, ist gut. Ich möchte niemanden verscheuchen, aber dass man die Dinge nicht immer auf Anhieb versteht, finde ich nicht problematisch. Manchmal bleiben sie dann länger bei einem und führen zu einer anderen Art der Auseinandersetzung, die nicht in dem Moment passiert.“

„Response-ability“ – den Titel hat sich das Tanzhaus von der US-amerikanischen Essayistin Donna Haraway geliehen – wird übrigens begleitet von einer großen Gesprächsreihe.

Und auch für das kommende Jahr plant das Tanzhaus natürlich längst, im Frühjahr etwa will man sich erneut einen Schwerpunkt setzen. Es soll dabei um die Erweiterung des menschlichen Körpers, etwa durch die Robotik, gehen, um technische Machbarkeit, Optimierung. Auch um die Frage, ob alles, was möglich, auch wünschenswert ist. Auch hierzu, findet Bettina Masuch, hat der Tanz viel zu sagen. Schließlich habe man wahre „Körper-Experten“ am Haus. „Die Diskussion sollte man nicht der Sciene-Fiction überlassen.“

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