Ausstellung Harald Szeemann in Düsseldorf

Ausstellung in Düsseldorf: Nur der Chihuahua ist nicht echt

In der Kunsthalle Düsseldorf lockt der Kosmos des legendären Kurators und Ausstellungsmachers Harald Szeemann (1933-2005).

Unerhört! Da stellt einer seinen Großvater aus. Harald Szeemann tat dies 1974, da war er schon ein angesagter und unkonventioneller internationaler Ausstellungsmacher, einer der größten. Und er tat dies, um den Betrachter mit anderen, nämlich seinen Augen auf etwas blicken zu lassen, was alltäglich scheint. Szeemann tat dies nicht etwa in einem Museum, sondern räumte seine Privatwohnung dazu um, bevor er sie aufgab und für immer verließ. Mehr als 1000 Objekte aus dem Nachlass eines ungarisch-schweizerischen Selfmade-Friseurs, der sein Opa war, reihte er zu einem unerwarteten Lebensbericht.

Man riecht die alte Zeit, eng ist es und schummrig. Mehrere Räume gibt es im fortlaufenden Ensemble, Lampen, Bilder und Teppiche darin nach uraltem Muster aufgestellt und gehängt, das Ehebett, Spiegel, offene Schränke mit hübschen Kleidern, das Friseurstudio, Fotos an den Wänden. Und einer der beiden von Großvater so geliebten Chihuahuas steht im Regal, der allerdings – hier verlässt Szeemann das streng Dokumentarische – nur eine perfekte Nachbildung aus dem Studio einer genialen Tierpräparatorin ist. Auf dem Foto daneben sieht man die wahren Mitbewohner des Großvaters, der durch diese Ausstellung weiterlebt.

Vielleicht war die ungewöhnliche Inszenierung nur eine Verlegenheitslösung im Leben eines der berühmtesten Nachkriegskuratoren. Die Documenta 5 hatte Szeemann als Leiter mit aufsehenerregendem Konzept geprägt, sie gilt bis heute als wegweisend auch wegen der Lösung der Kunst aus ihrem musealen Umfeld, wegen des Bekenntnisses von Kunst zur Ereignishaftigkeit. Szeemann verstand sich stets als freier Mann, als Freigeist, als Schöpfer auch. Heute würde man ihn einen Kreativen nennen, der dem Theater und der Literatur verbunden war. Sieben Jahre nur war er fest im Geschirr gewesen als jüngster Kunsthallenchef in Bern (bis 1969). Nach der Documenta, so wird es überliefert, lag kein zwingender Auftrag vor und ebenso wenig eine Perspektive.

In dieser Zeit entwickelte er die Idee zur Großvater-Ausstellung. Der alte Szeemann war dem Enkel Vorbild, ein Idol, deshalb machte sich der Nachfahr an die Visualisierung der Lebensgeschichte, die Zeugnis eines Lebensstils und zugleich die Illustration der Erkenntnis war, dass es in jedem Leben einen Punkt gibt, wo jedes Zeichen selbstverständlich wird.

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Der Wert des Menschen wird ablesbar an einem posthumen Arrangement, in diesem Fall geht es um den Friseur, Perückenmacher und Erfinder von Haarfärbekamm und Dauerwellenmaschine Etienne Szeemann. Dessen Lebensmotto („Wichtiges groß, der Rest klein“) hat Enkel Harald Szeemann verinnerlicht und mit „Grossvater: Ein Pionier wie wir“ zur Kunst ausgebaut. Ein berührendes begehbares Kunstwerk ist das geworden in Gestalt einer Rauminstallation.

In der Düsseldorfer Kunsthalle ist mit solchen persönlichen Installationen der Aussteller Szeemann jetzt selber Ausstellungsthema, 13 Jahre nach seinem Tod, errichtet aus seinem Nachlass, den 2011 das Getty Research Institute in Los Angeles erworben hatte und durch Fachleute sieben Jahre lang hat aufarbeiten lassen. 600 Regalmeter heterogene Materialien wurden in seinem Privathaus geborgen, heißt es. „Museum der Obsessionen“ nannte Szeemann selbst seine umfangreiche Bibliothek und sein Forschungsarchiv. Man spürt genau, wohin das geht. Szeemann steht für eine alarmierende neue Zeit in der Rezeption von moderner Kunst.

Dabei verstand er das Archiv nicht als Objektsammlung, sondern auch als Ausdruck gesteigerter künstlerischer Intensität. Getty ist an Szeemann so interessiert, weil der Nachlass den Blick auf den tonangebenden Kurator und seine Tätigkeit zu erhellen vermag. Andererseits steht Szeemann für eine Zeit, in der die Digitalisierung von Archivalien der 1968er Bewegung die kunsthistorische Erzählung und Kontextualisierung von meist vergänglichen Hinterlassenschaften radikaler Künstlerutopien dringlich macht. Glenn Phillips und Philipp Kaiser haben die Wanderausstellung im Auftrag von Getty erarbeitet. Logisch war, dass sie neben Los Angeles, Bern und Turin in Düsseldorf Station machen musste, wo Szeemann acht Mal in der Kunsthalle gastierte. Entstanden ist ein für Kunstinsider anspruchsvoller Reigen mit hochwertigem dokumentarischen Material. Selbst für den nicht so insiderischen Besucher dürfte es eine die Sinne kitzelnde Sammlung sein. Szeemanns Vermächtnis wirft Fragen nach dem Kunstbetrieb auf und gibt die Ansichten eines Unangepassten wieder, nach dem wir uns heute wieder sehnen.

In jedem Stück steckt eine Geschichte, sagt Kunsthallenchef Gregor Jansen, der für diese Ausstellung fast sein gesamtes Jahresbudget ausgeben muss. Es hat sich gelohnt. Die Legende Szeemann hat sich nicht überlebt. Er war der große Eigensinnige des Kunstbetriebs.

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