Ibeyi im Schumann-Saal : Lehrstunde in Feminismus und Politik

Das Duo Ibeyi begeisterte sein Publikum beim New Fall Festival. Es beschwor die Geister der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Das Sample ist ein Statement, eine politische Botschaft an den amerikanischen Präsidenten: „The measure of any society is how it treats it‘s women and girls.“ Jede Gesellschaft werde daran gemessen, wie sie ihre Frauen und Mädchen behandelt. Lisa-Kaindé Diaz, 23 Jahre alt, Haare wie Tingeltangel-Bob von den Simpsons, lässt den Satz immer wiederkehren. Manchmal nur die ersten Worte, zerhackt. Sie muss lachen, weil sie dafür nur eine einzige Taste betätigen muss. Ein kleiner Schritt für sie, ein großer für die Menschheit.

Ihre Mutter und Großmutter, erzählt sie, seien starke, fantastische, unglaubliche Frauen, die ihr beigebracht hätten, stolz darauf zu sein, eine Frau zu sein und sich nicht von Typen wie Donald Trump zwischen die Beine fassen lassen zu müssen. Dann verkündet sie den Titel des Stücks: „No man is big enough for my arms.“ Eine Lehrstunde in Feminismus und Politik beim New Fall Festival? Warum eigentlich nicht. Popmusik an ungewohnten Orten zu präsentieren, mag ein edler Gedanke sein. Doch in Zeiten von #MeToo und #MeTwo ist dies zu wenig. Künstler brauchen einen Raum, um sagen zu können, was sie zu sagen haben.

So wie Ibeyi (gesprochen wie der Online-Marktplatz). Dahinter stecken die Zwillingsschwestern Lisa-Kaindé und Naomi Diaz, die jetzt im unbestuhlten Robert-Schumann-Saal die Leute in Verzückung versetzten. Ibeyi stammt aus der Sprache der Yoruba und bedeutet: Zwillinge. Vielleicht ist Lisa-Kaindé die Feinere. Sie spielt Klavier, schreibt die Melodien, bewegt sich grazil und spricht mit dem Publikum. Naomi programmiert die Beats. Sie fasst sich auch schon mal in den Schritt und macht auf Gangster-Rapperin. Miteinander sind die beiden aber zärtlich.

Aufgewachsen in Frankreich, liegen ihre Wurzeln in Kuba. Ihr Vater war Percussionist bei Tito Puente und dem berühmten Buena Vista Social Club. Er nahm die Töchter mit zu Santería-Zirkeln und afrokubanischen Jam-Sessions. Von ihm hat Naomi die Liebe zum Cajón geerbt, eine Kistentrommel, die sie flink mit den Händen bearbeitet. Als der Vater 2006 an Herzversagen stirbt, treten sie in seine Fußstapfen. Sie mögen Jazz, HipHop, Soul und Elektro, und sie kombinieren diese Welten mit den traditionellen Liedern der Yoruba. Sie sind Kosmopoliten: in der Welt zuhause. Ihr erster Song ist „Mama Says“. Das Video bekam nur 300 Klicks. „Die meisten von unserer Großmutter und ihren Freundinnen“, erzählt Lisa-Kaindé. Doch auch ein gewisser Richard Russell, Chef des Londoner XL-Labels, geriet ins Schwärmen. Keine Wunder bei den Stimmen. Wie sie sich umarmen, abstoßen, anziehen. Genauso ist es in Düsseldorf. „Our mission transmission“, singen die Schwestern, und es hat etwas Durchlässiges. Alles fließt. Die Schwestern beschwören die Geister der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Klingt esoterisch, ist aber ziemlich handfest. Während im Hintergrund apokalyptische Szenen über die Leinwand flimmern, in denen die Welt in Flammen steht, machen sie den Anwesenden Mut: „What ever happens, we are deathless.“ Wir sind unsterblich. Ein schöner Gedanke. Ein mutiger Gedanke.