Messe Veggie World 2018 in Düsseldorf - Besuch eines Fleischessers

Messebesuch in Düsseldorf : Als Fleischesser auf der Veggie-World

Die Messe Veggie-World zog am Wochenende mehr als 10.000 Besucher an - darunter auch unseren Autor, einen bekennenden Fleischliebhaber. Er musste mit seinen Vorurteilen aufräumen.

Geben wir es ruhig zu – als (sorry, Wortspiel) eingefleischter Verehrer von Steak, Rehrücken und Wildschweinwurst gehörte zum Gang auf diese Messe die Gewissheit, sämtliche Vorurteile bestätigt zu bekommen: Veganer = verknöcherte, freudlose blasse Gestalten, merkwürdige Dinge mümmelnd, der Fleischeslust in jeder Weise abhold und fanatisch in ihrer Überzeugung, die Welt verbessern zu können.

Alles falsch! Auf der Veggie World ist der Eindruck nämlich ein ganz anderer. Ein sympathisch-lockeres Völkchen drängt sich da in der Ex-Industriehalle, voller Neugier auf das, was diese Lebenseinstellung – nichts vom Tier, weder auf dem Teller noch am Körper – Neues hervorgebracht hat. Mehr als 11.000 Interessierte sind Samstag und Sonntag dort gewesen.

Die meist jungen Leute, die sich für diese Form des Lebens entschieden haben, gehen es mit viel Fantasie und Ernsthaftigkeit an. Und das merkt man, denn dahinter steckt offenbar die Überzeugung, dass es so wie zur Zeit bei Ernährung und Umwelt nicht weitergehen kann. Vorträge über die industrialisierte Produktion von Fleisch (allein in USA werden pro Jahr Milliarden von Tieren getötet), die Überfischung der Meere oder der erbarmungswürdige Transport von Schlachtvieh – dies alles wird dokumentiert, aber eher am Rande. Weil: wer hier dabei ist, hat seine Meinungsfindung hin zum Veganen in der Regel längst hinter sich.

Waren einst solche Messen ein Treffen uniform gekleideter Minderheiten, würden diese Besucher beim Einkaufen auf der Flingerstraße in Düsseldorf oder dem Campus der Fachhochschule nicht auffallen – durchweg lässige Kleidung, Sneakers (manche sogar – noch - aus Leder!), Jeans, Steppjacken – bei der jüngeren Generation angesagtes Zeug halt. Ein paar Leute sind tätowiert, einige tragen Rastalocken oder zum kahl rasierten Schädel einen violetten Zopf an der Schläfe. Auffallend: die übliche „ich-lass-mein-Smartphone-nicht-aus-den-Augen“-Haltung gibt es nicht, kaum eine(r) hat, wie sonst in dieser Altersklasse üblich, das Handy in der Hand.

Das zentrale Thema: was esse ich, ohne dass ein Tier leidet? Wie sonst, steht Döner hoch im Kurs: die Schlange ist lang an der Theke, über die viele Dutzend dieser gefüllten Fladenbrote gereicht werden. Aussehen tun sie wie ihre Stief-Brüder in den Buden am Hauptbahnhof, aber das vermeintliche Fleisch ist keins – es wurde auf Basis von pflanzlichen Proteinen hergestellt. Wie es schmeckt? Besser als erwartet – und bekömmlicher als der fleisch-ähnliche Müll, der da in den anderen Buden am Spieß unkenntlich gemacht wird, ist es mit Sicherheit.

Eindeutig kann der Veganer entspannt über sich selbst witzeln. Eine Firma nennt sich Pflanzenfresser. Die Firma „Vegan Butcher“ (veganer Metzger) der beiden Polen Rafal Czech (28) und Igor Sadnurski (29) verkauft – den Gaumen überraschende – Wurst ganz ohne Fett und Fleisch, dafür aus Weizenproteinen.

Teresa C. verkauft vegane Mode – also Kleidung, deren Einzelteile ohne Tierprodukte hergestellt sind. Foto: Anne Orthen (ort)

Und der Konjakschwamm des Labels „8sam“ aus der Wurzel eines tropischen Baumes klingt zwar nach französischem Weinbrand, hat mit Schnaps jedoch nix zu tun und ist berühmt dafür, unglaublich viel Wasser für eine sanfte Gesichtsreinigung aufnehmen zu können, berichtet Firmen-Chefin Tanja Nottelmann-Unger aus Hamburg. Oder der Wein „Kalbensteiner Gambach“. Er darf sich mit dem Etikett „vegan“ schmücken, weil der Winzer Klaus Höfling aus Franken beim Keltern eben nicht zu Gelatine aus tierischen Fetten greift, um den Prozess der Filterung zu beschleunigen.

Ein Snack aus süßen Früchten (aber ohne Zucker), läuft unter „Gute Gewissenbisse“, daneben liegt Schakka-Lade. Die Hanflimonade ist zwar geschmacklich ein Highlight, fällt aber trotzdem nicht unters Betäubungsmittelgesetz, und der Rucksack aus Leinen und Kork (statt Leder) nennt sich Sperling, weil der Erfinder, der Maschinenbau-Student Björn so mit Nachnamen heißt. Gemeinsam mit seiner Freundin, der angehenden Juristin Katharina Schmidt (22) vertreibt er die Taschen für rund 150 Euro pro Stück. Genäht werden sie in einer Schneiderei im indischen Dehli. Dort hat sich das Paar persönlich und vor Ort von fairen Arbeitsbedingungen überzeugt.

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