Der Luftangriff auf Düsseldorf 1942

Neues Buch : Vor 76 Jahren versuchten die Alliierten, Düsseldorf dem Erdboden gleich zu machen

„To destroy town“ („Die Stadt zu zerstören“) lautete das Ziel des Luftangriffs der Alliierten am 1. August 1942 auf Düsseldorf. Viele Augenzeugenberichte der Kriegskatastrophe existieren. Marcel Lesaar hat ein Buch darüber geschrieben.

Gisela ist 16 Jahre alt und am 31. Juli 1942 in heller Aufregung. Der Vater wird auf Urlaub erwartet. Seit Tagen hat Gisela mit der Mutter die Wohnung an der Düsselstraße auf Vordermann gebracht. Sogar die Fenster sind nicht bloß frisch geputzt, sondern auch die Rahmen neu gestrichen worden. Nur im Bad ist noch nicht gebohnert, als Gisela kurz vor eins ins Bett sinkt.

Zum Großreinemachen war das Einkochen gekommen, die Oma hatte Stachelbeeren und Bohnen geschickt, und Giselas Mutti schnippelt noch in der Küche, als um 1 Uhr die Sirene heult. Wie selbstverständlich horchen sie nach draußen und Gisela notiert in ihrem Tagebuch: „Da die Flak auch nicht schoss, ging ich doch ins Bett.“

Eine Stunde später reißt der Donner der Flugabwehrkanonen sie aus dem Schlaf. Mit dem Nötigsten flüchten Mutter und Tochter in den Keller. Als sie sich wieder hinauswagen, ist das Haus zerstört, und Bilk steht in Flammen.

Auch Egon ist 16, und auch für ihn ist beim 75. Fliegeralarm des Jahres das Heulen der Sirenen längst kein Grund aufzustehen. „Da noch nicht geschossen wurde, schliefen Mutter und ich wieder ein“, notiert er in einem Bericht, der heute in der Mahn- und Gedenkstätte aufbewahrt wird.

Später beobachtet er vom Fenster der elterlichen Wohnung am Hindenburg-Wall, der heutigen Heinrich-Heine-Allee, wie der Scheinwerferkegel der Flak zwei feindliche Flieger erfasst. Der Hitlerjunge Egon durchschaut das Manöver der allierten Piloten, die massiv beschossen werden: „Sie sollen anscheinend die Aufmerksamkeit der Flak auf sich ziehen. Inzwischen war nämlich die Masse der englischen Flieger über Düsseldorf und warf ihre Bomben.“

Bei dem Bombenangriff der Alliierten am 1. August 1942 wurde auch der städtische Fuhrpark an der Pionierstraße zerstört. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf

Zur selben Zeit, in der Gisela und Egon ahnen, wie schwer ihre Heimatstadt getroffen wird, sitzt ein 15-Jähriger im Beobachtungsturm, den man aus Holzstämmen auf dem Dach des Rathauses zusammengezimmert hat. Fünf Jahre zuvor war die Familie Fuchsberger aus Stuttgart ins Zooviertel gezogen, und Joachim hatte sich freiwillig zur Brandwache in der Altstadt gemeldet. Für den Dienst gab es eine Sonderration Brot, 40 Gramm Margarine und eine dicke Scheibe westfälische Schinkenwurst.

In seinen Memoiren erinnerte sich der TV-Star 2007 an jene Nacht: „Endlich war die nächtliche Langeweile (...) beendet, endlich war mal was los. In breiter Front kam die erste Welle hinter dem Rhein (...) direkt auf uns zu. (...) Die Hölle öffnete sich. Plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, war es taghell. Die ,Pfadfinder’, kleine, leichte Bomber, setzten ihre ,Christbäume’. Das waren gebündelte Leuchtkugeln, die langsam zur Erde sanken und die Dächer der Altstadt in gespenstisches Licht tauchten. (...) Dann krachte es, Feuersäulen schossen in den Himmel, dazwischen sahen wir ganze Hausdächer durch die Luft segeln. (...) Minuten später gab es einen Teil der Altstadt nicht mehr.“

Der Bunker an der Moltkestraße 1942 war einer von 26 Großbunkern, die bis 1943 gebaut wurden. Dazu kamen 119 Kleinbunker und 7500 Luftschutzkeller. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf

Keiner der drei Jugendlichen weiß, dass es 630 Bomber der Royal Air Force sind, besetzt mit britischen und kanadischen Fliegern, die in jener Nacht Kurs nehmen auf Düsseldorf. Im Mai waren es 1000 gewesen, die Köln schwer beschädigten. Danach hatte der Regierungspräsident den Düsseldorfer Oberbürgermeister Carl Haidn aufgefordert, über die städtischen Vorkehrungen für „Notstände nach Fliegerangriffen“ Bericht zu erstatten.

Haidn berichtete prompt: über die Plattformen im Hafengebiet, die ermöglichen, bei jedem Wasserstand Löschwasser aus dem Becken zu pumpen; über den Tiefbunker, der 1941 unter dem Carlsplatz für 5000 Menschen gebaut worden ist; über Großbunker, Splitterschutzgräben, und vorbereitete Keller. Die Stadt hatte sie zu Luftschutzkellern ausbauen lassen und Durchbrüche von einem zum anderen vorbereitet. Wurden im Keller eines Hauses Menschen eingeschlossen, mussten sie nur die markierte Stelle einschlagen, um durch das Nachbarhaus ins Freie zu gelangen.

In Giselas Keller versucht nun der Luftschutzwart genau das. Doch kaum war der Durchbruch geöffnet, drängten die Nachbarn von nebenan zu ihnen hinein. Eine der Frauen, notierte Gisela „stellte sich sehr an, zwei andere weinten, weil sie den kranken ,Gatten und Vater’ oben hatten liegen lassen.“ Am Ende gelangten sie alle durch die Türen ins Freie.

Düsseldorf war auch darauf vorbereitet, den Hausstand der Ausgebombten in Lagerräume unterzubringen. Damit es erst gar nicht so weit kommt, hatte man Scheinziele aufgebaut, aus riesigen Öltanks Gebilde errichtet, die aus der Luft aussehen sollten wie Rheinmetall und Borsig und all die anderen Ziele, die im britischen „Bomber’s Baedeker“ für Düsseldorf aufgeführt wurden.

Blick über den Kö-Graben auf die Blumenstraße: Auch die Königsallee wurde am 1. August 1942 schwer getroffen. Foto: Marcel Lesaar
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Auch die Alliierten waren vorbereitet. Sie hatten Flugrouten überprüft, Bombenladungen getestet, sich über die zu erwartetenden Abwehrmaßnahmen und natürlich das Wetter informiert. Allein am 31. Juli waren vier Wetterberichte eingegangen, der letzte um halb zehn, als Gisela und ihre Mutter noch die frisch gewaschenen Gardinen aufhängten. Eine wolkenlose Nacht sei zu erwarten, hieß es, mit industriellem Dunst und leichtem Wind von Osten. Gute Bedingungen für den Anflug über die Nordsee. Wären sie nicht in drei Wellen gestartet, sondern alle direkt hintereinander geflogen, die Kette der todbringenden Flieger wäre 13 Kilometer lang gewesen.

Sorgen bereitet den Piloten das Fehlen der Wolken aber doch. Denn nicht nur sie, sondern auch die deutschen Nachtjäger haben freie Sicht. Gegen 2 Uhr schießen sie einen RAF-Maschine über Antwerpen ab, 20 Minuten nach dem Beginn des Angriffs auf Düsseldorf holt die Flak eine weitere vom Himmel, um 2.40 Uhr stürzt ein brennender Bomber neben einer Rheinbrücke aufs Ufer.

Marcel Lesaar hat nicht nur den Düsseldorfer Zeitzeugen, den Opfern und den Tätern, nachgespürt. Er hat sich auch auf die Suche nach den alliierten Soldaten gemacht, die in jener Nacht Düsseldorf bombardierten. Der Sparkassenbetriebswirt, der seit 2013 ehrenamtlich beim Landschaftsverband für Bodendenkmalpflege im Rheinland arbeitet, hat die Schicksale einiger Briten und Kanadier recherchiert, die freiwillig in den Krieg gezogen waren, um die Welt von der deutschen Diktatur zu befreien. Es gehe ihm darum, die Kriegsfolgen aufzuzeigen, sagt der Hobbyhistoriker, der 2014 die Absturzstelle eines der britischen Bomber entdeckte, die am 1. August 1942 Düsseldorf zum Ziel hatten.

Auf die Idee, im Aaper Wald nach den Spuren einer Wellington BJ878 zu suchen, war Lesaar gekommen, als er im Friedhofsbuch des Nordfriedhofs auf die Beisetzung von RES Pink stieß, der am 4. August 1942 mit vier unbekannten Männern beigesetzt wurde. Als Sterbeort war im Friedhofsbuch notiert „500 Meter von Gut Grütersaap bei Düsseldorf“. Lesaar hat den Unbekannten nun ihre Namen zurückgegeben. Reginald Ernest Sidnesy Pink war der 28-jährige Pilot der abgestürzten Wellington. Seine Frau Joan und die Töchter Anne und Carol erfuhren zunächst nur, dass er vermisst war. erst später berichtete eine britische Zeitung, dass er als „killed in action“ galt.

Wie Bordschütze Peter Donelan (20) gehörte er der Royal Air Force an. Observer George Edward Ford (25) und die Bordschützen John Hannaby (22) und Archibald MacIlveen (21) gehörten der Kanadischen Air Force an. Alle fünf waren in Suffolk auf dem Flugplatz Honninton stationiert.

Erst im Juni waren sie zur 9. Staffel versetzt worden. Ford schrieb den Eltern nach Kanada: „Es scheint ein schöner Standort zu sein. Das Essen ist gut, und die Wohnräume werden o.k. sein, wenn wir etwas Frühlingsputz gemacht haben.“

Acht Tage nach ihrer Ankunft flogen die Fünf ihren ersten gemeinsamen Einsatz. Ihr Ziel war Emden. Drei Nächte lang waren sie an Angriffen auf das ostfriesische Hafenstädtchen beteiligt, später flogen sie nach Wilhelmshaven, Hamburg und waren auch bei drei Angriffen auf Duisburg dabei.

Düsseldorf wurde ihr letzter Einsatz. Ihren Abschuss reklamierten damals gleich mehrere Flak-Batterien für sich. Am Ende erhielten sechs Einheiten der Luftabwehr je zwei Punkte, die sie einer Auszeichnung mit dem Kampfabzeichen der Luftwaffe näherbringen sollten.

Während die BBC am Abend des 1. August über den „vermutlich bisher konzentriertesten Angriff“ des Bomber Command ausführlich berichtete, begann in Düsseldorf das große Aufräumen. Die Ausgebombten, wie die junge Gisela, karrten ihre Habseligkeiten zu Freunden und Bekannten oder in die eigens vorbereiteten Lagerhallen. 253 Tote mussten beigesetzt werden, „einschließlich drei Juden“, wie Oberbürgermeister Haidn in seinem Bericht ans Luftschutzamt fein differenziert.

Joseph Goebbels nahm am 8. August 1942 an einer Kundgebung in der Düsseldorfer Tonhalle teil, mit der die Moral der Bevölkerung nach dem schweren Luftangriff gestärkt werden sollte. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf

Und während die Zeitungen Seite um Seite mit Todesanzeigen füllen, läuft auch die Propagandamaschine an. Massenbeisetzungen auf dem Nord- und Südfriedhof werden nach nationalsozialistischem Zeremoniell mit kämpferischen Parolen gestaltet. Um die Moral kümmert sich auch Joseph Goebbels, der am 8. August zu einer Kundgebung in die Tonhalle kommt.

Was er zu sagen hat, hat der junge Egon längst verinnerlicht. Der schreibt in seinem Aufsatz über die Bombennacht: „Da hilft aber nun kein Klagen und Kammern. Die Toten kann man nicht wieder erwecken, die rauchenden Trümmer nicht dadurch aufrichten. Da hilft nur eins: Kopf hoch und den Helm fester schnallen (...) und um so erbitterter für den Sieg unseres Vaterlandes zu kämpfen, koste es was es wolle. Sieg um jeden Preis!“

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