Düsseldorf: Archivare erforschen Schatz aus dem Schlamm

Düsseldorf: Archivare erforschen Schatz aus dem Schlamm

Das soll ein Schatz sein? Auf dem Tisch liegt ein vermoderter Block, von Matschflecken, Rost und Schimmelpilz gezeichnet. Ein Ding, das man nur mit spitzen Fingern anfassen würde. Doch Johannes Kistenich, Chef des Technischen Zentrums des Landesarchivs NRW, streift weiße Handschuhe über, bevor er sich dem Klumpen nähert: Denn vor ihm liegt eine "Kahnakte", eine von insgesamt 25 000 Wegweisern in die Vergangenheit.

Archivare und Restauratoren "ticken" anders. In einer Zeit, in der alles schnell gehen muss, lässt sich ihre Arbeit nicht in Stunden messen, eher in Jahren, manchmal in Jahrzehnten. Sie brauchen unendlich viel Geduld, um alte Dokumente wieder zu beleben. Aber dieses Jahrhundertprojekt, das im Landesarchiv an der Mauerstraße gestemmt wird, lässt selbst Fachleute aufhorchen: Vor fast 70 Jahren begann die Restaurierung der "Kahnakten", Ende offen.

Viele Akten sind durch Schlamm und aufgequollenen Papierleim zu regelrechten Backsteinen verklumpt. Foto: Andreas Bretz

Begonnen hat diese Geschichte im Zweiten Weltkrieg bei der Besetzung Belgiens, als Dokumente konfisziert wurden, die deutsche Kultur oder Geschichte dokumentierten. Ein Aktenberg wurde über die Grenze nach Düsseldorf geschleppt. Manche Kostbarkeit darunter, spätmittelalterliche Handschriften und Urkunden — Millionen Einzelblätter. Um dieses Gedächtnis aus Papier vor Bomben zu schützen, sollten die Akten in der Endphase des Krieges ausgelagert werden. So verließ am 27\. Dezember 1944 die "MS Main 68" den Düsseldorfer Hafen, an Bord 2549 Aktenpakete und 60 Säcke gefüllt mit Schriftgut. In Hannover sollte die Ladung auf Güterzüge umgeladen werden. Doch in der Nacht zum 14\. März wurde das Schiff von Bomben getroffen und brannte aus. Mit ihm versank die sensible Fracht.

An eine Bergung konnten die Düsseldorfer Archivare erst Monate später denken, solange lagen die Dokumente im Wasser. Tropfnass wurden die Akten, viele zerfetzt, andere durch Schlamm und aufgequollenen Papierleim zu regelrechten Backsteinen verklumpt, zurück transportiert. Eine stinkende Fracht, die auf dem Dachboden von Schloss Kalkum getrocknet wurde.

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Dann begann die Restaurierung. "In den ersten 30 Jahren nach Kriegsende eher sporadisch", so Johannes Kistenich, "aber in den 70er Jahren kam die Wende, ermöglicht durch einen auf 100 Jahre festgeschriebenen Etat des Landes." Und durch neueste technische Möglichkeiten. Die Handarbeit der Restauratorinnen ist aber bis heute unersetzlich. Gabriele Mysen greift zu Latexschwamm und Ziegenhaarpinsel, um Schimmel und äußere Schmutzschichten zu entfernen. Dann löst sie vorsichtig mit Spatel und Skalpell die ersten Blätter. Eine Woche wird es wohl dauern, bis die Akte ihr Geheimnis preisgibt.

Nach dieser Trockenreinigung werden die Papiere nach Münster transportiert zur Nassreinigung. Dann wird das marode Papier restauriert. "Aber dann hält es wieder für die Ewigkeit", meint Johannes Kistenich. Wie lange das Projekt "Kahnakten" noch dauern wird, kann niemand abschätzen. Zumindest aber wurden jetzt 250 Akten dem Archivar des Königsreichs Belgien übergeben. Als Akt der Wiedergutmachung — nach 68 Jahren.

(RP)
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