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NRW-Landtag: Ein Frisörsalon mit Ausweiskontrolle

Geschäft im NRW-Landtag : Ein Frisörsalon mit Ausweiskontrolle

Seit 35 Jahren schneidet die 65-jährige Brigitte Pehlke im NRW-Regierungsgebäude Haare. Für einige Abgeordnete hegt sie Sympathien, anderen gibt sie Tipps mit auf den Weg. Ab März will die Frisörin-Meisterin allmählich kürzer treten.

Wer einen Termin mit Brigitte Pehlke vereinbart hat, der muss zuvor vom Wachpersonal Ausweis und Taschen kontrollieren und sich abtasten lassen. Ihr Frisier-Salon befindet sich hinter Treppen, Türen und Fluren verborgen im Erdgeschoss des NRW-Landtags. Ein prüfender, tiefer Blick in die Augen durch den diensthabenden Beamten gehört ebenfalls dazu. Sonst gibt es keine neue Frisur.

Seit 35 Jahren müssen Brigitte Pehlkes Privatkunden diese Prozedur über sich ergehen lassen. Dennoch kann sie sich über zu wenig Kundschaft, die vorwiegend aus Politikern besteht, nicht beklagen. Die Frisörmeisterin ist sozusagen die Dienstälteste im NRW-Regierungsgebäude, die ihren Posten nie verlassen hat. "Das stimmt", sagt Pehlke und lacht. Zum 1. März will sie nun kürzer treten.

Begonnen im Wirtschaftsminsterium

Alles begann kurz nach ihrer Frisör-Ausbildung im Jahr 1971 als angestellte Frisörin im Wirtschaftsministerium. Staatsekretäre waren damals ihre Kunden. Und weil sie schon immer politisch interessiert war, zögerte sie vor 35 Jahren keine Sekunde, als der Frisier-Salon im alten Landtagsgebäude frei wurde. Schnell unterschrieb sie den Pachtvertrag. Auch den Umzug vor 27 Jahren in den neuen Landtag am Rheinufer machte sie mit. Nun nahmen auch die großen Namen der Landespolitik bei ihr Platz.

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Ingeborg Friebe (SPD), Landtagspräsidentin von 1990 bis 1995, war zu dieser Zeit wöchentlich zu Gast bei Pehlke. Oder auch Jürgen Rüttgers (CDU), Ministerpräsident von 2005 bis 2010, sowie seine Nachfolgerin Hannelore Kraft (SPD) suchten immer wieder ihren Salon auf. "Egal ob Mann oder Frau, alle sind gerne zu mir gekommen", sagt Pehlke.

Verändert hat sich im Inneren seit Einzug nichts. Noch immer herrscht die Atmosphäre der 80er Jahre. Der Gesamteindruck aus beigefarbenen Plastik-Möbeln, der goldenen mit Sand beschichteten Tapete und den technisch überholten Trockenhauben wird durch Evergreens und Schlager-Musik aus dem Radio noch untermalt. "Ich wollte nie etwas ändern, jede Mode kommt wieder zurück", sagt die Frisörmeisterin. "Das gilt auch für Möbel."

Ein Frisör im Haus ist immens praktisch. "Um einen Termin außerhalb wahrzunehmen, haben die Politiker nicht genügend Zeit", sagt Pehlke. Bei ihr verbrächten sie nur eine halbe Stunde und könnten anschließend in die nächste Sitzung. Zudem haben Abgeordnete schon oft am frühen Morgen Termine und müssten dort perfekt gestylt ankommen. "Deswegen bleiben sie oft über Nacht im Landtag, nehmen sich hier ein Zimmer und kommen früh zu mir, um danach zum Termin zu fahren." Vor allem Frauen nähmen diesen Service gerne an, weil sie wegen ihrer längeren Haare mehr Zeit bräuchten.

Kritik an ihren Kunden geht Pehlke nahe

Männer seien einfacher. Wenn sie sich während ihrer politischen Karriere einmal für eine Frisur entschieden haben, müsse diese auch über die Jahrzehnte erhalten bleiben. Der Wiedererkennungswert müsse bleiben. "Deswegen werden die Haare immer nur gekürzt", sagt Pehlke. Styling-Experimente seien tabu. Das gilt vor allem für das Haarefärben. "Die Gefahr ist zu groß, dass ein Mitglied einer anderen Partei den Salon betritt. Männer sind eitel, sowas soll und darf keiner sehen", sagt Pehlke. Keiner wolle wegen gefärbter grauer Haare zum Flur-Tratsch-Thema werden.

Die Politik sei in ihrer Stube immer diskret behandelt worden, beteuert sie. Die Abgeordneten hätten bei ihr nur nach Entspannung gesucht, statt politische Entscheidungen zu kommentieren. Privatangelegenheiten rückten in den Vordergrund. Jürgen Rüttgers habe beispielsweise gerne über seinen Urlaub gesprochen oder über seine drei Söhne, berichtet Pehlke. "Thema waren mitunter Schulprobleme, und ich habe versucht, Tipps zu geben", sagt sie.

Durch die Privatgespräche lerne sie die Abgeordneten kennen, freunde sich häufig fast mit ihnen an. Deswegen gehe ihr auch Kritik an ihren Kunden schnell nahe. Als die innenpolitische Sprecherin der Grünen, Monika Düker, sich zu Übergriffen auf Flüchtlinge im Siegerland äußern musste, habe sie ihr leidgetan. "Der Skandal ist damals erst bekanntgeworden. Sofort musste Frau Düker sich fiesen Fragen stellen", sagt Pehlke. Sie habe die Politikerin danach mit den Worten "das haben Sie gut gemeistert" motiviert.

Wegen der regelmäßig wiederkehrenden Wahlen hat Pehlke allerdings immer wieder einige ihrer Stammgäste verloren. Und es dauere oft bis zu einem halben Jahr, bis die neuen Abgeordneten den Service im Haus nutzen.

(kt)