Gruppen-Vergewaltigungen im Ruhrgebiet: Tatverdächtiger sieht sich eher als Opfer

Gruppenvergewaltigungen im Ruhrgebiet: Tatverdächtiger sieht sich laut Anwalt "eher als Opfer"

Er soll an mehreren Vergewaltigungen beteiligt gewesen sein - nun muss ein 18-Jähriger vor den Haftrichter. Der mutmaßliche Sexualstraftäter hatte sich am Donnerstagabend der Polizei gestellt. Seinem Anwalt sagte er, "eher Opfer als Täter zu sein".

Dimension des Falls wurde erst nach und nach klar

Als die Polizei am 17. Januar den ersten Verdächtigen festnahm, wurde erst nach und nach klar, welche Dimension der Fall hat. Einen Abend vorher soll der 19-Jährige aus Gelsenkirchen mit seinen Kumpels eine 16-Jährige in Essen vergewaltigt haben, das Mädchen ging am nächsten Morgen zur Polizei. "Der 19-Jährige wurde gleich am nächsten Tag dem Haftrichter vorgeführt, währenddessen haben wir sein Handy ausgewertet und seine Wohnung durchsucht", sagte eine Polizeisprecherin.

Über die Chatprotokolle kamen die Ermittler auf die Spur der weiteren Tatverdächtigen. Diese sollen am Tag der Festnahme ihres Kumpels eine weitere Tat begangen haben — das geht aus weiteren Chats hervor, die später gesichert werden konnten. "Wir wissen noch nicht, ob es diese Tat gegeben hat oder ob sie nur geplant war", sagte eine Polizeisprecherin. Ein Opfer hat sich bisher nicht gemeldet.

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Der junge Mann, der sich nun am Donnerstag stellte, soll die Mädchen zunächst angelockt haben. Weitere Männer sollen dazugekommen sein. Nach den bisherigen Ermittlungen fuhren sie mit dem Auto durch die Gegend, nahmen dem Mädchen das Handy ab und zwangen es zum Sex. Dann brachten sie ihr Opfer nach Hause. "Soweit wir wissen, stammen alle Opfer aus dem Bekanntenkreis der Täter", sagte ein Sprecher der Essener Polizei.

Staatsanwaltschaft und Polizei informierten die Öffentlichkeit erst am vergangenen Mittwoch über die mutmaßlichen Gruppenvergewaltigungen. Allerdings wurde auch erst nach einer zweiten Tat für die Ermittler deutlich, dass es einen Zusammenhang zum ersten angezeigten Fall geben könnte, weil sich die Vorgehensweise der Täter ähnelte.

Pressekonferenz der Ermittler (v.l.): Milva Schonhauer, Kriminaloberkommisarin, Ulrich Schmitz, Kriminalhauptkomissar und Oberstaatsanwältin Anette Milk. Foto: dpa, cas lof

Laut Ursula Enders, Leiterin und Gründerin des Kölner Vereins Zartbitter, der sich um Opfer sexueller Gewalt kümmert, ist die Tat der Männer nicht zu erklären. "Es handelt sich um völlig empathieloses Verhalten, es mangelt solchen Tätern an jeglichem Einfühlungsvermögen", so die Diplompädagogin. Wie bei jedem sexuellen Übergriff gehe es vermutlich auch bei den Taten in Essen und Gelsenkirchen um Machtdelikte. Durch Gruppenvergewaltigungen bestätigten sich jugendliche Täter gegenseitig in dem Gefühl der Überlegenheit. "Das Ganze wird dann als Scherz vor sich selbst und anderen bagatellisiert." Die Beschuldigten sollen ihre Opfer nach den Taten in den Chats verhöhnt haben.

(hsr, sno)