Kolumne "Hier in NRW": Thyssenkrupp ergrünt

Kolumne „Hier in NRW“ : Ein Stahlkonzern ergrünt

Thyssens Klimaziele liegen in ferner Zukunft - Landespolitiker stört das wenig.

Klimaschutz ist dank Friday‘s for Future zu einem wichtigen Thema auch im Landtag geworden. Die Debatten sind allerdings nicht immer von übergroßer Sachkenntnis geprägt. Vergangene Woche zum Beispiel mutierte der Stahlkonzern Thyssenkrupp in diversen Reden plötzlich zu einem Vorzeigeunternehmen in Sachen Klimaschutz. Landespolitiker lobten überschwenglich die Ankündigung des Traditionskonzerns, bis 2050 klimaneutral zu werden.

Das sind jede Menge Vorschusslorbeeren für einen Konzern, der zu den größten CO2-Schleudern des Landes zählt und bisher wenig Ambitionen zeigte, daran etwas zu ändern. 2013 schon kam das Fraunhofer-Institut zu dem Ergebnis, dass die Stahlindustrie ihren Energieverbrauch pro Tonne Stahl um fünf bis 15 Prozent senken könne. Das ist keine Kleinigkeit, die gesamte Branche verursacht sieben Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Passiert ist aber nicht viel. Stattdessen pochten Europas Stahlverbände darauf, dass alle technischen Möglichkeiten zur CO2-Vermeidung ausgereizt seien. Das stimmte schon damals nicht, sollte die Stahlindustrie aber vor dem Kauf teurer Emissionszertifikate bewahren. Mit Erfolg: Für die Stahlhersteller gab es jahrelang umfassende Ausnahmen beim Zertifikatehandel. Die Fraunhofer-Forscher hielten das für einen Fehler: Der technische Fortschritt lasse sich nur beschleunigen, wenn die Energiepreise angehoben würden.

Nun also, da der Druck steigt, hat sich Thyssenkrupp offenbar eines Besseren besonnen: Ein Hochofen auf Wasserstoffbasis wird nun unter anderem getestet. 2050 soll er einsetzbar sein. Das ist eine mutige Ansage angesichts der labilen Konzern-Verfassung. Beinahe so, als würde ein 90-Jähriger ankündigen, dass er in 30 Jahren mit dem Rauchen aufhört.

(kib)
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