Analyse der Situation in NRW: Der wacklige Schulfrieden vor Ort

Analyse der Situation in NRW : Der wacklige Schulfrieden vor Ort

Der "Schulkonsens" von 2011 hat den Spielraum der Kommunen in Nordrhein-Westfalen vergrößert, aber auch den Druck auf Städte und Gemeinden erhöht. Die Wechselwirkungen vor Ort entfalten bisweilen ungeahnte Sprengkraft.

Wenn in den nordrhein-westfälischen Rathäusern dieser Tage Bürgermeister und Amtsleiter mit gespitztem Bleistift über langen Zahlenreihen brüten, dann kann es gut sein, dass sie dabei nicht Euro und Cent addieren, sondern Mädchen und Jungen. Wie viele schulpflichtige Kinder eine Kommune hat, wie viele dann auch eine Schule am Ort besuchen — das ist heute mehr denn je ein Standortfaktor, der für die Zukunft der Städte und Gemeinden entscheidend ist.

Zwei Faktoren sind es dabei meist, die einander verstärken. Erstens: Es gibt immer weniger Schüler. Das Schulministerium rechnet damit, dass die Zahl der Fünft- bis Neuntklässler bis 2025 gegenüber 2012 um ein Sechstel schrumpft. Manche Kreise müssen mit fast 25 Prozent Minus rechnen. Zweitens: Von insgesamt weniger Schülern besuchen immer mehr Gymnasium oder Gesamtschule, die direkt zum Abitur führen. Ein Renner sind die im rot-grün-schwarzen "Schulfrieden" 2011 ermöglichten Sekundarschulen, in denen bis mindestens Klasse sechs gemeinsam gelernt wird, die aber keine eigene Oberstufe haben. Zum Sommer wird NRW insgesamt 81 Sekundarschulen haben; seit 2011 sind dann 48 Gesamtschulen (deren Gründung damals erleichtert wurde) hinzugekommen.

Löhrmann: "Die Eltern entscheiden"

Seit die Grüne Sylvia Löhrmann im Schulministerium sitzt, gibt sie ein ums andere Mal die Devise aus: Die Eltern entscheiden. Hinzuzufügen wäre: Die Kommunen setzen das um, die Bezirksregierungen führen Aufsicht, das Ministerium zieht aus alldem seine Schlüsse. Dieses Herangehen erweitert den Spielraum der Kommunen, erhöht aber auch den Druck, zu tragfähigen Lösungen zu kommen. "Dass die Entwicklung uns zwingt, die Strukturfrage zu stellen, wollten auch vor Ort viele lange Zeit nicht wahrhaben", sagt etwa Dirk Möcking, parteiloser Bürgermeister der 12 700-Seelen-Gemeinde Kerken. Dort, im Süden des Kreises Kleve, ist zu besichtigen, welche oft ungeahnten Wechselwirkungen der Schulfrieden vor Ort erzeugt.

Ursprüngliches Ziel war, sowohl in Kerken/Issum als auch in Straelen/Wachtendonk je eine Sekundarschule mit je zwei Teilstandorten zu gründen: ein zusätzliches Argument für junge Familien, sich am Ort niederzulassen. Teil eins scheiterte: Kerken und Issum brachten nur gut die Hälfte der Mindestanmeldezahl zusammen. Der andere Teil ging halb auf — in Straelen startete 2012 eine Sekundarschule, aber zunächst ohne Wachtendonk, weil die Anmeldezahlen nicht reichten.

Im März 2013 lag der Ball deshalb bei Dirk Möcking in Kerken — in Form einer Bitte aus Wachtendonk, Kerkener Schüler ziehen zu lassen, um in Wachtendonk im zweiten Anlauf einen Sekundarschul-Standort zu schaffen. "Ich war zunächst dagegen", erinnert sich Möcking, "wir haben die Mindestgröße für unsere Sekundarschule ja auch nicht geschafft." Die Reaktion der Kerkener Eltern sei aber "sehr emotional" gewesen — mit anderen Worten: Wegen Wachtendonk war plötzlich der Schulfrieden in Kerken in Gefahr.

Möcking schwenkte um — und sieht diese Entscheidung bis heute zwiespältig: "Ich gönne Straelen und Wachtendonk ihre Sekundarschule. Aber es wird jetzt für uns schwieriger, 2014 oder später hier einen Teilstandort der geplanten Sekundarschule in Geldern aufzubauen." Dahinter steht die Sorge: Wenn die "Schülerströme" einmal in eine Richtung fließen, lassen sie sich später nur noch schwer umlenken.

Brüchiger Schulfrieden

Und der Schulfrieden bleibt brüchig. Gerade haben drei Kerkener Bürger, unterstützt von der örtlichen Bürgervereinigung, Möcking eine Liste mit mehr als 1200 Unterschriften auf den Schreibtisch gelegt — Forderung: Kerken soll Teilstandort einer Gesamtschule werden, zum Beispiel der in Kempen. Dagegen hat sich der Rat ausgesprochen. Der strebt (ebenso wie Issum) eine Beteiligung an einer neuen Sekundarschule an. Geldern wiederum hat sich für eben diese Sekundar- und gegen eine Gesamtschule entschieden, weil die Sekundarschule keine Oberstufe hat. "Rechnerisch ist eine Gesamtschule in Geldern möglich, aber sie würde unser Angebot durcheinanderbringen", sagt Bürgermeister Ulrich Janssen (CDU). "Eine Sekundarschule kann das Schülerpotenzial besser verteilen, unsere Möglichkeiten sogar potenzieren."

Für Detlef Garbe ist die Lage rund um Kerken typisch. "Der Schulkonsens hat den Faktor Ideologie auch vor Ort verkleinert", sagt der Schulberater aus Leichlingen, der auch im Kreis Kleve tätig war. Ein Problem sei aber, dass sich der Beitrag der Kommunen zur Bildungsqualität kaum konkret benennen lasse: "Vor Ort hat man darauf kaum Einfluss. Vor allem in der Fläche fehlt immer noch eine sichtbare Kooperation zwischen Land, Schulaufsicht und Kommunen." Gelderns Bürgermeister sieht das ähnlich: "Wir haben mehr Verantwortung, das ist gut", sagt Ulrich Janssen, "aber wir haben auch weniger Steuerungsinstrumente. Dass etwa die verbindlichen Grundschulgutachten abgeschafft worden sind, hilft uns nicht."

Dass neue Gesamtschulen mehr Sprengkraft entfalten als Sekundarschulen, zeigt ein Blick ins Sauerland. Im Kreis Olpe haben Finnentrop (2012) und Wenden (2013) jeweils eine neue Gesamtschule gegründet — und damit die Zahl der gymnasialen Oberstufen im Kreis mal eben um ein Drittel erhöht. Die Zahl der Schüler sinkt aber auch hier. "Die Bürgermeister wollen unbedingt alle Abschlüsse anbieten, auch wenn es die vor Ort noch nie gegeben hat", kritisiert Klaus Schwung vom Philologenverband NRW: "Da stellt sich die Frage, ob das sinnvoll ist. Über zwei Sekundarschulen hätte sich wahrscheinlich kaum jemand aufgeregt, weil die keine eigene Oberstufe haben." Schwung sieht in solchen Fällen die Bezirksregierungen in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass sich die Kommunen nicht gegenseitig aussaugen wie die Vampire.

Die Ministerin, die den Veränderungsboom ausgelöst hat, gibt sich gelassen. "Streit ist die Ausnahme", sagte Sylvia Löhrmann neulich bei der Vorstellung der Zahlen für das neue Schuljahr. "80 oder 90 Prozent" der Gründungen liefen vor Ort einstimmig durch. Die Vorhersage dürfte nicht allzu gewagt sein, dass angesichts steigender Neugründungs-Dichte diese Zahlen eher sinken dürften. Die Bleistifte in den Rathäusern sind jedenfalls schon gespitzt.

(RP/felt)
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