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Fiesta de la Mercè in Barcelona - das Fest der Katalanen

Fiesta de la Mercè in Barcelona : Das Fest der Katalanen

Jedes Jahr gegen Ende September sorgen mehr als eine halbe Million Menschen dafür, dass Barcelona aussieht, als wäre es im Ausnahmezustand. Grund ist die Fiesta de la Mercè. Auf dem größten Fest der Stadt lebt die Tradition.

Der Aufschrei der Frau klingt panisch. Sie brennt. Fast unbeweglich sitzt sie, eingequetscht von 30 Spaniern, auf einem völlig überfüllten Container. Auf ihrer Nylonjacke mutiert ein kleiner Funke in Windeseile zur Flamme.

Kinder springen auf und schreien lauthals in die Menge. Ängstlich drücken sie sich an die Körper ihrer Mütter. Männer reißen sich die Pullover vom Leib und stolpern über die Umhersitzenden auf die menschliche Fackel zu, während aus dem nächtlichen Himmel unaufhörlich ein Feuerregen herabrieselt. Teufel und angsteinflößende Bestien schieben sich durch die flüchtenden Menschenmassen auf der Avinguda de la Catedral. Aus ihren Mistgabeln sprühen Funken, aus den aufgerissenen Mäulern lodern Flammen. Ganze Teufelgruppen schreien sich die Lungen aus den Leibern. Wie in Trance schlagen sie sich auf ihren Trommeln die Hände wund. Qualm und Rauch liegen in der Luft, man sieht die Hand kaum vor den Augen, und Pulvergeruch brennt in der Nase.

Dieser befremdliche, hektische, fast unheimliche Wahnsinn ist in Barcelona einmal im Jahr völlig normal. Er beschreibt den Correfoc, den Feuerlauf, die Hauptattraktion der Fiesta de la Mercè. Mehr als eine Million Katalanen feiern sie im September auf den Straßen der Metropole. Rund 4000 Aktive stellen mehr als 600 Veranstaltungen auf die Beine. Gehuldigt wird der Muttergottes der Gnade, der Mercedes - oder, auf Katalanisch, der Mercè.

Das Fest hat eine jahrhundertelange Tradition. Im Jahre 1218 hatte der junge spanische König Jakob I. eine Vision. Ihm erschien die Muttergottes, weiß gekleidet, in gleißendes Licht gehüllt. Sie gebot ihm, einen religiösen Orden zu gründen, der sich der Seelsorge der christlichen Gefangenen der Sarazenen annehmen sollte. Dies war die Geburtsstunde des Bildnisses der späteren Stadtheiligen Mercè.

Nachdem ihr die Rettung der Stadt vor der Pest und der erwartete Regen nach einer langen Dürrezeit im 17. Jahrhundert zugeschrieben wurden, erklärte sie der Papst 1868 zur Schutzpatronin Barcelonas. In diesem Jahr feierten die Einwohner die Mercè auch zum ersten Mal. Doch die Freude sollte nicht lange andauern. Schon bald kritisierten zeitgenössische Medien die hohen Ausgaben und den Pomp der Fiesta. Als schließlich ein Umzugswagen Feuer fing, wurde die Fiesta gestrichen.

Erst in den 1950er Jahren lebten die Feierlichkeiten wieder auf, zunächst als Sport-Event. Die Stadtvertreter organisierten einen folkloristischen Umzug, zu dem 20 Riesenpaare, 200 Riesenköpfe, zwei Castellers- und fünf Stocktänzergruppen zusammenkamen. Seitdem wuchs die Mercè genauso schnell wie die Stadt selbst.

1977 wurde die Fiesta wieder zum festen Bestandteil des jährlichen Festkalenders. Auch kehrte ihr ursprünglicher Sinn zurück. Die Aktivitäten der Nachbarsvereinigungen, der kulturellen Gemeinschaften in den Stadtteilen, wurden gefördert. Sportliche Events wie das Wettschwimmen im Hafenbecken, die internationalen Segelregatten und folkloristische Darbietungen wie der Sardana-Wettbewerb waren wieder aktuell. Zwei Jahre später kamen dann noch Umzüge mit Drachen, Maultieren und anderen Fabelwesen dazu.

Seit 1980 können die Besucher außerdem die verschiedenen regionalen Weine und landestypischen Gerichte probieren oder die internationalen pyromusikalischen Aufführungen und die Konzerte am Montjuic, Barcelonas Hausberg, genießen. Hier fanden schon die Weltausstellung im Jahr 1929 sowie die Olympischen Sommerspiele 1992 statt. Die Plaza del Rey dient seither als Jazz-Plattform, die drei Plazas Sant Jaume, Catalunya und Reial als Bühnen für folkloristische Musik und Tanz.

Heute sind es vor allem die traditionellen Veranstaltungen wie der Correfoc und der Tanz der Riesen, die die Massen anlocken. Dabei führen überdimensionale Figuren von Königinnen, Adeligen und Heiligen auf den Straßen königliche Hoftänze vor. Am frühen Morgen versetzen zunächst die Trabucaires mit ihren Donnerbüchsen die Besucher zurück in das Mittelalter. Mit ohrenbetäubendem Lärm schießen sie durch die engen Altstadtgassen im Barri Gotic, die Gesichter mit dicken Tüchern vor den fetten Rauchschwaden geschützt.

Wenn dann am Nachmittag die Castellers mit rund hundert Personen ein Castell, einen Menschenturm von neun Stockwerken Höhe, bauen, ist jeder Zuschauer begeistert. So auch Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau i Ballano, die sich dem Zitat ihres Vorgängers anschließt: "Die Mercè ist das beste Aushängeschild Barelonas. Die Routine wird beiseitegelassen. Für ein paar Tage ist die Ausnahme die Regel."

Foto: CC BY Erik LI 2.0