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Serie Leben im Kloster (7): Schweigen am Rande des KZ Dachau

Serie Leben im Kloster (7) : Schweigen am Rande des KZ Dachau

Die Karmelitinnen widmen ihr Leben dem Gebet, um an einem Ort des Grauens ein Zeichen der Versöhnung zu setzen.

Zurückgeblieben ist Leere. Ein weites Feld, da, wo früher die Baracken standen, wo Häftlinge misshandelt und ermordet wurden. 200 000 Menschen haben die Nazis zwischen 1933 und 1945 in das KZ Dachau nahe München deportiert. 41 500 sind dort gestorben. Man kann die Zahlen lesen im Museum der Gedenkstätte, kann Fotos ansehen und Filme. Doch dann tritt man hinaus in die Wirklichkeit zwischen die Fundamente der Baracken, steht allein auf diesem umzäunten Feld und hält jeden Gedanken, der hier durch den Kopf flattert, für unangemessen - zu klein für diesen Ort.

Schwester Johanna ist promovierte Germanistin. Sie arbeitetim Klosterladen und betreut Gäste des Klosters. Foto: RP Andreas Krebs

Alle paar Meter stehen Wachtürme am Rande des Feldes. Nur in einen ist unten ein Durchgang geschlagen. Ein Ausweg. Es ist der Eingang zum Karmel von Dachau, dem Kloster der Schwestern von "Heilig Blut". 18 Nonnen leben dort, Mauer an Mauer mit dem KZ. Ihr Kloster ist gebaut wie ein Kreuz: Die Kirche liegt auf einer Linie mit der Lagerstraße, die Zellen der Schwestern bilden die waagerechte Achse. Die Gebäude sind flach, weiß gestrichen, schlicht. In diesem Kloster führen die Karmelitinnen ein Leben in Stille und im Gebet. Alle drei Stunden versammeln sie sich, um Psalmen zu singen, jeden Tag feiern sie Eucharistie - gedenken Jesu Tod und Auferstehung, seines Leidens um der Liebe willen. Sie halten das für das einzige, was man tun kann im Angesicht der Barbarei.

Schwester Elija pflegt Kontakt zu KZ-Überlebenden undporträtiert sie mit ihrer Fotokamera. Foto: RP Andreas Krebs

Das Leben schien zu radikal

Schwester Irmengard ging zunächst als Dominikanerin in dieMission, fühlte sich dann in einen Schweigeorden berufen. Foto: RP Andreas Krebs

Johanna Kuric war Besucherin in der Gedenkstätte Dachau, als sie zum ersten Mal durch das Tor im Wachturm trat, hinüberging in die Klosterkirche. Sie fühlte sich aufgenommen von der warmen Atmosphäre in dem Gotteshaus mit dem rotglänzenden Holzboden. Sie fand, dass diese schlichte Kirche gleich neben dem KZ ein guter Ort sei.

Doch in das Schweigekloster einzutreten, davor schreckte sie lange zurück. Zu radikal schien ihr das Leben dort. Doch dann war da dieser Samstag im August vor elf Jahren. Johanna korrigierte Werbetexte, stupide Arbeit. Irgendwann fiel ihr Blick auf das Kreuz an ihrem Regal und sie hörte sich sagen: "Ich will mein Leben hingeben." Schwester Johanna zögert. "Das klingt jetzt verrückt", sagt sie und zuckt entschuldigend die Schultern. Sie weiß, wie schwer ihre Geschichte es hat, in der Welt jenseits der Klostermauern verstanden zu werden. Der Satz jedenfalls sei ihr fremd vorgekommen, als habe sie gar nicht selbst gesprochen. Verschreckt verließ sie ihre Wohnung. Doch noch am selben Tag sei ihre innere Unruhe einer Gewissheit gewichen - dem klaren Entschluss, in den Karmel zu gehen. Johanna Kuric schweigt. Ihre Wangen glühen. Sie spricht sonst nicht so viel. Erst recht nicht über diese Erfahrung. Mit den Mitschwestern teilt sie Gebet, Tagesrhythmus, Lebensraum, aber nicht zu viel von dem, was in ihrem Inneren vorgeht. "Das wäre zu viel Nähe", sagt Schwester Johanna. Sie war 35 Jahre alt, als sie sich für dieses Leben entschied. "Ich hab?s nie bereut", sagt sie, "wirklich nicht."

Eine wilde Idylle

Die Zellen im Kloster von Dachau sind kleine Giebelhäuschen, Eremitenhütten, acht Quadratmeter groß. Drinnen gibt es ein Bett, einen Tisch, ein Waschbecken in der Wand, keinen Schrank, nur einen Haken an der Tür für den Habit. Nichts soll ablenken vom Eigentlichen: dem Gebet, dem Sich-Öffnen für Gott.

Dafür ist Schwester Veronika vor 36 Jahren in den Orden eingetreten. Als Theologiestudentin begann sie zu meditieren. Dem wollte sie in ihrem Leben mehr Raum geben. "Kontemplation ist inneres Horchen nach außen", sagt Schwester Veronika. Mit Trance habe das nichts zu tun, das Ich dürfe nicht verloren gehen. Kontemplation sei eher eine höhere Wachheit - und ein Empfinden dafür, Teil der Schöpfung zu sein. Schwester Veronika lächelt. Sie hat ein junges Gesicht, faltenlos, dabei ist sie 65. "Bäume, Blumen, Gräser leben so selbstverständlich", sagt sie, "das ist eine Wirklichkeit, in die man sich durch Übung hineinbegeben kann." Das Kloster ist von einem großen Garten umgeben, einer wilden Idylle mit Hügel, kleinem See.

Sie wusste, dass sie bleiben würde

Ein SS-Kommandant hatte sich an dieser Stelle einen Wildpark anlegen lassen, zum Vergnügen für sich und seine Männer. "Schaufeln mussten ihn die Häftlinge", sagt Schwester Elija, "wir leben an einem Ort, an dem Menschen gelitten haben, das vergessen wir nie." Schwester Elija ist 1966 in den Orden eingetreten - mit 22. Sie arbeitete damals in einem der vornehmsten Modegeschäfte Münchens, genoss den Umgang mit prominenten Kundinnen. An den Wochenenden fuhr sie mit ihrem Freund in die Umgebung, eines Tages auch nach Dachau. Die elegante junge Frau, die gern schicke Kleider trug, sich die Lippen rot schminkte, betrat das Kloster, hörte das Gebet und wusste, dass sie bleiben würde. "Man kann nicht messen, was wir hier tun", sagt Schwester Elija, "aber ich vertraue darauf, dass unser Gebet wirkt."

Die Kirche betreten die Schwestern von der Klausur aus, ihrem abgeschlossenen Lebensbereich. Sie sitzen dann hinter dem Altar in einem Stuhlkreis. Bevor sie zu beten beginnen, öffnet eine Schwester das Gitter zum Kirchenraum, lädt Besucher ein, sich in ihren Kreis zu setzen. Früher wäre das undenkbar gewesen. Die strengen Regeln der Karmelitinnen erlaubten den Schwestern nicht einmal direkten Kontakt zu ihren Familien. Wenn Verwandte zu Besuch kamen, saßen sie im Gästezimmer hinter einem Gitter.

Dann kam der Krebs

Die totale Distanz zur Außenwelt haben die Nonnen in Dachau inzwischen aufgegeben. Schwester Elija deutet im Besucherzimmer auf einen hellen Streifen am Boden. "Da war das Gitter angebracht", sagt sie. "Ich war bereit, großherzig jede Freiheit aufzugeben, Kinder, Reisen, alles. Man bekommt etwas anderes dafür - das Leben in einer Glaubensgemeinschaft."

Das hat auch Schwester Irmengard gesucht. Als junge Frau trat sie erst dem Dominikanerorden bei, ging als Missionsschwester nach Simbabwe, unterrichtete an einer Schule. Diese Aufgabe hat sie geliebt. Doch da war eine Sehnsucht in ihr nach Rückzug, nach mehr Stille für das Gebet - eine Berufung in der Berufung. Also bat sie um Aufnahme ins Schweigekloster von Dachau. Doch dann bekam Schwester Irmengard Krebs, mit 25 Jahren. Die Ärzte gaben ihr nicht mehr viel Zeit, trotzdem nahmen die Karmelitinnen in Dachau sie auf. Und so ging Schwester Irmengard in den Karmel und dachte, sie werde dort sterben.

"Das sind Gnadenmomente"

42 Jahre ist das her. "Wahrscheinlich bin ich die Gesündeste hier", sagt Schwester Irmengard und lacht. Sie hat sich in Dachau erholt, hat eine Töpferlehre gemacht, mehr als 25 Jahre im Kloster an der Drehscheibe gesessen. Manchmal war das für sie auch Kontemplation. "Es gibt bei der Arbeit so Momente, da bin ich ganz gegenwärtig", sagt sie. "Dann bin ich da, und Gott ist auch da. Das sind Gnadenmomente, das ist ein Geschenk."

Sühnekloster hat die Gründerin den Karmel von Dachau in den 60er Jahren genannt. Heute benutzen die Schwestern den Begriff nicht mehr. "Christus allein kann Sühne leisten", sagt Schwester Elija, "wir können auch nichts wiedergutmachen, wir können nur ein anderes Zeichen setzen durch unser Gebet." Dafür stehen sie ein, die Schwestern aus dem Schweigekloster in Dachau, dafür geben sie ihr Leben.

Ende der Serie

(RP/pst/das)