Neuverfilmung von "Der König der Löwen" - Kinokritik

Neuverfilmung von „Der König der Löwen“ : Hakuna Matata

25 Jahre nach der Originalfassung kommt „Der König der Löwen“ erneut ins Kino. Nicht als Zeichentrickfilm, sondern realistisch animiert.

„Wir sind alle Teil des Lebenskreislaufes“, so lehrt der Löwenvater den Sohn. Die Raubkatze, die die Antilope frisst, wird nach ihrem Tod zu Staub, aus dem heraus Gras wächst, das der Antilope als Nahrung dient. Mit solchen Verwertungsketten kennt man sich im Hause Disney gut aus. Erfolgreiche Stoffe werden hier in Sequels, TV-Serien und Merchandise-Artikeln immer und immer wieder zu neuem Leben erweckt. Mit der neuesten Technik werden gerade die alten Zeichentrick-Klassiker des Konzerns fotorealistisch reanimiert.

Nach „Dschungelbuch“ und „Dumbo“ folgt nun mit „König der Löwen“ ein Disney-Spektakel, das ganz und gar auf tierische Charaktere setzt. Das Original aus dem Jahre 1994 gehört zu den erfolgreichsten Werken des Studios. Die dramatische Geschichte des Löwenprinzen, der nach dem Tod des Vaters von Schuldkomplexen getrieben ins Exil geht, um später seine Verantwortung zu erkennen und den fiesen Onkel vom Thron zu stürzen, ist allerbester Savannen-Shakespeare.

Die dramatische Wucht des Stoffes wurde in der Originalfassung durch Gesangseinlagen und eine Menge Tierhumor abgepuffert, was in einem Zeichentrickfilm leicht zu bewerkstelligen ist. In der neuen fotorealistischen Version, die das Original-Drehbuch und viele visuelle Tableaus fast eins zu eins übernimmt, sieht die Sache anders aus, weil der optische Naturalismus eine eigene emotionale Kraft entfaltet.

Wenn sich der Vorhang öffnet und die Kamera durch die afrikanische Fauna und Flora schwebt in jene Tierschar hinein, die dem neugeborenen Prinzen huldigt, ist man zum Staunen verdammt. Auch wenn hier auf 3D-Technik verzichtet wurde, ist das Bad in der animalischen Menge schon fast ein haptisches Seherlebnis. Es dauert nur wenige Minuten, bis man akzeptiert, dass man sich hier nicht in einer zoologischen Dokumentation befindet, sondern in einer fiktiven Welt, in der die vollkommen echt aussehenden Tiere auch sprechen und singen können. Mag sein, dass man sich in ein oder zwei Jahren an diesen Effekt wie an viele andere gewöhnt haben wird. Aber heute, hier und jetzt darf man sich noch wundern, wie bruchlos Mimik und Bewegungsabläufe der Tiere digital imitiert und zu funktionierenden Filmcharakteren geformt werden.

Es ist eine Sache, ein Löwenjunges artgerecht beim Herumtollen zu animieren, eine andere, dem Tier dabei auch eine Seele einzuhauchen. Beides gelingt hier auf frappierende Weise bei fast allen Charakteren. Das gilt besonders für die Gestalt des diabolischen Onkels Scar, die mit den Hyänen gegen den eigenen Bruder intrigiert und die Macht an sich reißt. Eine vielschichtige Mephisto-Figur wie diese durch ein Löwenkostüm hindurch zu gestalten, ist ein beachtliches Kunststück. Ähnliches gilt am anderen Ende der Skala für das Warzenschwein Pumbaa, das sich mit seiner hedonistischen Lebenshaltung in die Herzen des Publikum witzelt.

Regisseur Jon Favreau, der auch schon „Dschungelbuch“ reanimierte, hat sein Handwerk noch einmal deutlich verfeinert. Die Mischung aus Charakterstück und digitalem Überwältigungskino funktioniert reibungslos. Die düsteren Teile der Story werden im Kontrast zu den Feel-Good-Sequenzen atmosphärisch stärker herausgearbeitet als im Original. Das Ödland, in das Scar und seine Verbündeten das einst blühende Königreich mit einer rigiden Ausbeutung der Jagdgründe verwandelt haben, ist eine apokalyptische Metapher für menschliche Zerstörung der Natur.

Aber auch wenn dieses Remake mit seiner technischen Präzision, den Charakteren und dem hochdramatischen Output vollkommen überzeugt, bleibt im Abgang ein fader Nachgeschmack. Denn tief in seinem Herzen ist dieser „König der Löwen“ eben auch ein sehr mutloser Film, der sich fest an seine Vorlage klammert, aus Angst, deren Fans zu enttäuschen. Es fehlt deutlich am Willen, den bekannten und beliebten Stoff über die technische Innovation hinaus neu zu interpretieren. Das ist das Resultat einer Unternehmenspolitik, die im großen Stil nur noch auf Nummer sicher geht. Dass Disney fast ausschließlich in Sequels und Remakes statt in die Entwicklung neuer Stoffe investiert, das ist das riesengroße kreative Armutszeugnis eines Massenunterhaltungskonzerns, dessen Betriebsgewinn im letzten Jahr fast 15,7 Milliarden Dollar betrug.

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