Duisburg: Die Phantasien des Tony Cragg in Duisburg

Duisburg: Die Phantasien des Tony Cragg in Duisburg

Wenn Tony Cragg (61) durch die Stadt schlendert, findet er meist wenig Anregung. Rechte Winkel, wohin man schaut, oder zumindest doch nur geometrische Formen. Demgegenüber hat die Natur erheblich mehr zu bieten, Schneckenformen etwa und Wellen. Und selbst die Industrie pflegt hinter den Kulissen Umgang mit einem weitaus größeren Formenschatz, als man ihn aus dem Alltag kennt. Cragg, Bildhauer und Rektor der Düsseldorfer Akademie, möchte mit seiner Kunst den Menschen zeigen, dass es zwischen Himmel und Erde mehr mögliche Formen gibt, als unsereiner sich träumen lässt. Und er setzt einige davon in Material um.

"Anthony Cragg – Dinge im Kopf", so lautet der Titel einer rund 40 Werke oder Werkgruppen umfassenden Ausstellung, in der das Duisburger Museum Küppersmühle dem Publikum vorführt, wie des Künstlers Kopfgeburten Gestalt annehmen. Der Weg führt von Fotografien und Zeichnungen, in denen es bereits zu vibrieren scheint, bis zu den übermannshohen Plastiken, in denen Bewegung, Dynamik dreidimensionalen Ausdruck gefunden hat.

Ein viereinhalb Meter hoher, bronzener "Kondensator" – von der Form her zwei Tauchsieder, deren Stäbe aus einigen am Boden liegenden Klumpen hervorgehen – bildet den Mittelpunkt der Schau. Er fällt schon allein durch seine Größe auf, ist aber nicht typisch für Craggs Werk. Ein typischer Cragg ist eine sich unregelmäßig in die Höhe windende Plastik, die wie ein Zwischending aus menschlicher Figur und verweichlichter Kurbelwelle erscheint, eine Vermittlerin zwischen Mensch und Technik von hohem ästhetischen Reiz.

"Große stehende Figur" von 2008 ist ein solcher Zwitter. In "Boy" von 1996, einer von Eon in Düsseldorf entliehenen liegenden Großplastik, erscheint dieses Prinzip vergröbert, in "See You" von 2005 wirkt es verfeinert: Die Skulptur birgt kunstvoll Höhlen in sich, die Volumina umschlingen einander so kunstvoll, dass es schwerfällt, dies zu beschreiben. Wie macht der Künstler das? Oder – wie er jetzt spaßeshalber gefragt wurde – "welche Mittelchen nehmen Sie?". Das Mittel ist Phantasie im Verbund mit einem scharfen räumlichen Vorstellungsvermögen und der Kraft, aus dem Geist Materie zu schöpfen.

Dabei ist Cragg beileibe kein Künstler, der lediglich auf eine Masche baut. Er kann auch anderes. Nicht nur, dass er seine phantastischen Figuren wahlweise aus Holz oder Bronze erstehen lässt. "Zerfressene Landschaft" von 1998 ist eine mehrfach geschichtete Ansammlung von matten Gläsern unterschiedlicher Gestalt, und in "Riot" von 1987 vereinen sich farbige Plastikteile zu einer an der Wand über Eck laufenden, zauberhaften Collage aus zerbrochenem Spielzeug und anderen Gegenständen des Alltags.

Tony Cragg wirkt in dieser Ausstellung so vielseitig wie selten zuvor. Er erweist sich geradezu als Virtuose der Formfindung, des nie zuvor Geschauten, das der architektonischen Einfalt unserer Städte eine plastische Welt der Möglichkeiten entgegensetzt. Das allerdings gelänge im Stadtbild oder auch in der Natur besser als im Museum. Denn auch dort herrschen rechter Winkel und weiße Wand. Und vor solch neutralem Grund entfalten sich die Plastiken nicht etwa, sondern sie sie treten der Enge wegen in Konkurrenz zueinander.

Das hat immerhin einen Vorteil: Man kann die nebeneinander emporwachsenden, vertrackten Formen miteinander vergleichen und in der Gegenüberstellung versuchen, ihren Gesetzmäßigkeiten auf die Spur zu kommen. Das kann schwierig, aber auch heiter werden.

Info Museum Küppersmühle, Duisburg, Innenhafen, bis 13. Juni, Mi. 14–18 Uhr, Do.–So. 11–18 Uhr; Eintritt: vier Euro

(RP)
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