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Wie der Fußball ins Kaiserreich kam

Wie der Fußball ins Kaiserreich kam

In "Der ganz große Traum" spielt Daniel Brühl den Mann, der einst den Fußball aus England nach Deutschland brachte. Der etwa betuliche Familienfilm erzählt ein Stück deutsche Geschichte. Er belegt, dass deutsche Filmemacher sich wieder verstärkt für die Historie interessieren.

Erst "Das weiße Band", dann "Poll", jetzt "Der ganz große Traum": Der deutsche Film scheint das Kaiserreich entdeckt zu haben. Immer nur Nationalsozialismus, DDR oder die RAF wäre ja auch langweilig. Reizvoll an den neueren Filmen über das Kaiserreich ist ihre Doppelbödigkeit. Obwohl der Nationalsozialismus noch Jahrzehnte entfernt ist, scheint dessen Ideologie bereits allgegenwärtig.

"Das weiße Band" und "Poll" blicken pessimistisch, geradezu deterministisch in die Zukunft. "Der ganz große Traum" lässt dagegen eine größere Bandbreite von Verhaltensweisen zu. Militarismus, Rassismus und soziale Ungerechtigkeit sind immer zu spüren im Alltag, aber ein paar weltoffene Idealisten finden Zustimmung bei der Bevölkerung. Regisseur Sebastian Grobler beschwört keine gute alte Zeit, bei ihm gibt es keine Pickelhauben- und Marschmusik-Nostalgie. Aber er macht auch deutlich, dass nicht alles schlecht war im alten Preußen. Reaktionäre und progressive Kräfte arbeiten Seite an Seite. Wer gewinnen wird, hängt von vielen kleinen Zufällen ab.

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Im Jahr 1874 führt Gustav Merfeld (Burghart Klaußner), der sozialdemokratisch orientierte Direktor eines Braunschweiger Gymnasiums, den Englischunterricht ein. Keiner der ortsansässigen Lehrer interessiert sich für Fremdsprachen, sie alle sind nationalistisch eingestellt. Also verpflichtet Merfeld einen verlorenen Sohn der Stadt, Konrad Koch (Daniel Brühl), der vier Jahre lang in England gelebt hat. Dieser junge, dynamische, demokratisch gesinnte und einfühlsame Mann bringt gleich mit zwei Fächern den Schulbetrieb durcheinander. Vordergründig unterrichtet er Englisch, aber daneben macht er die Jungen auch mit einer für sie unbekannten Sportart bekannt, dem Fußball.

Und beim Fußball geht es eben nicht um den Sieg des Stärkeren, sondern um Fairness. Eine Haltung, die Koch seinen Schülern erst noch beibringen muss. Eine Haltung, die die älteren Kollegen beunruhigt. Sie ahnen, dass hier eine stille Revolution im Gange ist.

So sympathisch die Gesinnung des Films auch sein mag, anfangs irritiert seine hausbackene Machart. Ihn als fernsehspielhaft zu bezeichnen, wäre eine Beleidigung für das Fernsehen. Man nimmt die Dekorationen als Dekorationen wahr, die Kostüme als Kostüme. Die steife Welt des Großbürgertums kann Grobler überzeugend einfangen, das Proletariat dagegen benimmt sich wie steifes Großbürgertum. Jeder Freitagabendkrimi verrät mehr filmisches Geschick; handwerklich bewegt sich Grobler auf dem Niveau einer Daily Soap.

Aber so wie Konrad Koch die Schüler und schließlich auch die Bevölkerung von Braunschweig auf seine Seite bringt, so gewinnt auch der Film Stück für Stück sein Publikum. Das verdankt er nicht seinen Helden, sondern seinen Schurken, allen voran Justus von Dohnanyi als Richard Hartung. Er ist einer der reichsten und mächtigsten Männer der Stadt, ihm gehört der Förderverein, von dem die Schule abhängig ist. Er feuert ein Dienstmädchen, nur weil es seinem Sohn gefällt. Er droht und drängt, wo er nur kann. Ein Widerling, und zugleich die Rettung des Films, denn wo ein guter Schurke auftaucht, da entsteht Spannung. Man möchte sehen, wie die Guten ihn besiegen.

Thomas Thieme, der einzig legitime Nachfahre von Emil Jannings, ist als autoritärer Geschichtslehrer Roman Bosch fast eine tragische Figur. Das hat das Drehbuch nicht so vorgesehen, aber das Janningshafte an Thieme lässt jedesmal, wenn er auftritt, an den Professor Rath aus dem "Blauen Engel" denken. Den anfangs unsympathischen Felix Hartung, der schwächere Mitschüler mobbt und durch die Liebe zu dem Dienstmädchen bekehrt wird, spielt der 16-jährige Theo Trebs, den Michael Haneke für "Das weiße Band" entdeckt hat.

Zu progressiv möchte der Film nicht sein, so bleiben die Frauen zart und keusch. In der gewagtesten Szene möchte die Mutter eines Schülers den Englischlehrer sprechen, und sie betritt Kochs Zimmer, als er splitternackt vor dem Waschbecken steht. Das ist eher amüsant als verstörend, es spricht nichts gegen eine Freigabe ab sechs Jahren.

Ein netter Film also, mit einem wie immer netten Daniel Brühl. Pädagogisch wertvoll ist er auf jeden Fall. lll

(RP)