Micky Beisenherz „Ich fordere Welpenschutz für den Wendler“

Weil Micky Beisenherz ein unglaublich lustiger Typ ist, haben wir schon wieder mit ihm gesprochen. Der Autor des Dschungelcamps erzählt, warum der Wendler so ist wie er ist und wieso Melanie Dschungelkönigin geworden ist.

Dschungelcamp heute: Was wurde aus den Kandidaten?
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Dschungelcamp: Das machen die Stars heute

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Foto: RTL

Was war erfolgloser — Ihr Versuch, eine Neuauflage von "Die Pyramide" zu moderieren oder der Auftritt des Wendlers im Dschungelcamp?

Micky Beisenherz Von der Pyramide gab es auf jeden Fall mehr Folgen als vom Wendler im Dschungel.

Er war nicht der allerschlaueste.

Der allerschlaueste zu sein, kann man dem Wendler nun wirklich nicht vorwerfen. PR-technisch bewegt er sich ungefähr auf derselben Stufe wie Christian Wulff.

Der hat Sie Autoren quasi arbeitslos gemacht. Das schrieb sich ja wie von selbst.

Speziell der Teil, als er aus dem Camp raus war und von seinem Putzerfisch Frankie in Empfang genommen wurde. Dieser hat ihm doch allen Ernstes bescheinigt, dass er in Deutschland ungefähr den Status eines John Lennon erreicht hat. Da wurde mir klar, warum der Wendler so ist, wie er ist.

Dabei hatte er im Camp Sympathien gewonnen.

Mich eingeschlossen. Das zarte Pflänzchen der Sympathie hat er unter einem Haufen Schwachsinn begraben. Und ich war schon bereit, über das Harald-Glöckler-Bärtchen und die rasierten Achseln hinwegzusehen.

Hat der seinen Vertrag nicht richtig gelesen? Denn sein Plan war wohl, nach Deutschland zu fliegen und Werbung für sein Album zu machen.

Das wäre das erste Mal, dass er Verträge richtig liest. Der Wendler schafft es, innerhalb von Sekunden aus einem Sockel Treibsand zu machen.

Sind Sie dem Wendler in Australien über den Weg gelaufen?

Nein. Vielen Dank an die Produktion, dass sie das von Anfang an verhindert hat. Wobei ich keinen Groll gegen den Wendler hege. Er tut mir einfach leid. Bei ihm würde ich nicht zum Knüppel greifen, sondern Welpenschutz einfordern.

In den Tagen nach seinem Auszug haben Sie sich aber schon über ihn lustig gemacht.

Das war schließlich eine beispiellose Dummheit. Er hat es geschafft, sich dreimal selbst die Hose runterzureißen. Erst durchs Reingehen ins Camp, dann durchs frühe Rausgehen und am Ende durchs wieder Reinwollen. Die Vorstellung, dass sich jemand in den Dschungel klagen will, finde ich sehr amüsant.

Was hat er wohl die anderthalb Wochen im Hotel gemacht?

Vermutlich Songs getextet. Ich möchte sein künstlerisches Werk nicht in Abrede stellen, aber dieser spontane Hit, der ihm eingefallen ist und den er dem bedauernswerten Frankie am Pool vorgesungen hat… also man muss sich vorstellen, dass jeder Mensch, den ich kenne, das besser hinbekommen hätte als er.

Wie ging noch mal der Text?

Es kamen Begriffe vor wie "Allein im Dschungelcamp" und "ohne Geld" und "Westernheld". Mir ist nicht so ganz klar, wie das zusammengeht.

Bekommen Sie die Namen der anderen Kandidaten noch zusammen?

Da wird's schnell eng. Schon während der Produktion habe ich die ersten Namen vergessen. Als Corinna Drews beim großen Wiedersehen auftrat, habe ich mich gefragt: Wer ist die denn?

War Corinna Drews wirklich im Dschungel?

Ich weiß es auch nicht. Wäre sie aufgetaucht, hätte ich ja einen Gag über sie geschrieben.

War der Ausgang des Finales nicht eine himmelschreiende Ungerechtigkeit?

Meine Mutter hat zwei Euro Telefonkosten in Melanie investiert. Zur Strafe komme ich sie erst eine Woche später besuchen.

Warum hat der Zuschauer das gemacht?

Der Deutsche schätzt den disziplinierten Einsatz. Und bei aller Sympathie ist Larissa immer noch Österreicherin. Da ist die Ostdeutsche wohl das kleinere Übel.

Oder lag es an Melanie Müllers Liebeskugeln?

Für Liebeskugeln investiert meine Mutter keine zwei Euro.

Zu Beginn haben wir Larissa alle gehasst, dann fingen wir an, sie zu lieben. Warum?

Sie hat im Laufe der Staffel einen gewissen Facettenreichtum bewiesen. Am Anfang war sie einfach nur nervig, am Ende war sie immer noch nervig, aber auch warmherzig. Sie ist eine schillernde Persönlichkeit und nicht ganz unattraktiv. Ich sehe lieber Larissa einmal beim Rauchen zu als Gabby dreimal im Playboy.

Was wird Larissa jetzt beruflich machen?

Fragen wir uns das nicht bei allen Kandidaten?

Aber Larissa ist die einzige, die eine Zukunft hat.

Mindestens fünf Privatsender stehen Schlange, um aus dem Hotel Marolt eine Doku-Soap zu machen. Folge 1 wird noch ganz authentisch sein, aber ab Folge 2 haben alle ein Drehbuch in der Hand.

Ich würde mir das ansehen.

Ich auch. Aber die Erfahrung lehrt, dass die Realität nicht mit dem Schritt halten kann, was man sich im Kopf aufgebaut hat.

Mein schlimmster Dschungelmoment war das geflüsterte Geläster von Gabby. Das habe ich kaum ertragen. Und bei Ihnen?

Die Untenrum-Wäsche von Winfried Glatzeder. Und Gabby hat erlebt, was allen Dschungelcampern passiert, wenn sie sich negativ über andere äußern: Der Zuschauer hat sie gnadenlos abgestraft. Das war eine Qualität von Larissa: Sie hat sich nie abfällig über andere geäußert.

Sie war überhaupt nicht hinterhältig.

Sie war versöhnlich, nicht nachtragend. Eine zweiwöchige Bustour durch Schottland würde ich mit ihr trotzdem nicht machen.

Es geht im Dschungel eben nicht um Maden, sondern um soziales Verhalten.

Ich fand das hochspannend. Was ich am Dschungelcamp unter anderem schätze, ist das stetige Umschlagen von Sympathien und Antipathien. Bei Leuten, von denen du eingangs eine feste Meinung hattest, schwenkt das plötzlich um. Winfried Glatzeder habe ich für lupenreines Pritschenfutter gehalten. Ich dachte, der liegt den ganzen Tag nur rum, und dann gibt er uns den Woyzeck inklusive Hülsenfrüchte, die ihn in den Wahnsinn treiben.

Ihr Gänsehaut-Moment 2014?

Der Moment, als der Wendler im Brustton der Überzeugung ankündigte: Leute, ich geh wieder rein, das wäre doch die Sensation für Deutschland. Diese tiefsitzende Überzeugung, der Nation etwas Gutes zu tun, indem man noch weiter präsent ist, hat mich total begeistert. Inklusive der massiven Fallhöhe. Ansonsten war Larissas Satz "Ich hab mich nicht an mich gewöhnt" mein Highlight des Jahres. Das war ein sehr philosophischer Gedanke, der ihre emotionale Konstellation wunderbar zum Ausdruck gebracht hat.

Der Satz war klüger als sie selbst.

Das brach einfach ganz tief aus ihr heraus. Schön war aber auch, als Winfried Glatzeder mit der von ihm erfundenen Schulterfeige konfrontiert wurde und sich um Kopf und Kragen redete, als er sagte, er hätte Larissa viel fester hauen sollen und auch Kinder hätten dann und wann mal eine verdient. Wenn der Hoeneß verteidigen würde, bekäme er 30 Jahre.

Und Glatzeder gleich mit. Wer hat denn eigentlich dieses "Ever, ever, ever" erfunden?

Das waren die Moderatoren. Wir haben es ihnen auf jeden Fall nicht reingeschrieben. Es wird ja gerne mal vergessen, dass die Moderatoren auch lustige Menschen sind.

Man liest, sie seien so gar nicht witzig.

Das schreiben nur Menschen mit einer boshaften Intention. Dass die beiden Moderatoren den Kultspruch 2014 geprägt haben, stellt uns Autoren ein ganz mieses Zeugnis aus.

Richtig, Sie sind ja zwei Autoren. Jens Oliver Haas, der Ehemann von Sonja Zietlow, gehört auch dazu. Warum geben Sie eigentlich ständig Interviews in den Medien und er nicht?

Der ist einfach zu hässlich.

Was machen Sie den Rest des Jahres?

Ich erkunde gerne meinen Körper mit einem Klappspiegel. Und in der Zeit, die dann noch übrigbleibt, lehne ich Angebote ab, ähnliche Sendungen zu moderieren wie das Dschungelcamp, zum Beispiel mit Patricia Blanco und Costa Cordalis nach Norwegen zu fahren, um abzunehmen.

Während dieser Dschungelcamp-Staffel ist etwas Ungeheuerliches passiert. "Wetten, dass..?" wurde abgelöst als TV-Lagerfeuer der Nation. Wie konnte das geschehen?

Das hat in unserem Fall damit zu tun, dass wir unsere Quoten gehalten haben. Wir haben einfach 16 Tage lang eine sehr unterhaltsame Sendung hingelegt, die auch den Vorteil hat, ein Event zu sein und nach zwei Wochen vorbei ist.

Und "Wetten, dass..?"?

Ich finde es bedauerlich, dass aus dem Lagerfeuer ein Scheiterhaufen wurde.

Am Mittwoch waren Sie in Lanz‘ anderer Sendung zu Gast. Wann hat Lanz Ihnen das Du angeboten?

Wir kennen uns eben. Ich weiß nicht, ob man das noch öffentlich zugeben darf, dass man Lanz gut leiden kann. Ich oute mich jetzt einfach mal und mache den Thomas Hitzlsperger des Fernsehens.

Hat er Sie vielleicht auch gefragt, was das Dschungelcamp besser macht als "Wetten, dass..?"?

Wir machen es ja nicht besser, wir machen es anders. "Wetten, dass..?" hat schon mit Thomas Gottschalk versucht, Dschungelspezialitäten zu präsentieren, und ließ ihn an Kuhfladen schnüffeln. Das hat alles nicht funktioniert.

Ist "Wetten, dass..?" nicht mehr zeitgemäß und sollte eingestellt werden?

Eine Sendung, die immer noch sieben bis acht Millionen Zuschauer pro Folge holt, zu beenden, wäre kompletter Schwachsinn. Jeder Moderator, der nach Thomas Gottschalk diese Sendung übernimmt, hat das Problem, dass ohne Gottschalk das nostalgische Moment fehlt. Damit wenden sich automatisch einige Leute ab.

Was können sich denn andere Formate vom Dschungelcamp abgucken?

Wir haben den Vorteil, dass der Verantwortliche vom Sender fürs Dschungelcamp die Leute, die dort arbeiten, machen lässt. Und deshalb sind die Moderationen so, wie sie sind. Und deshalb hört man Songs, die man sonst nicht hören würde. Andere Formate weigern sich bis heute zu sehen, was den Dschungel erfolgreich macht. Die verfahren nach dem Dönerprinzip: Wir schmeißen alles rein, was vom Tisch gefallen ist und hauen ordentlich Soße drauf, dann wird den Leuten das schon schmecken. Das Problem ist: Man muss den Leuten das Essen 14 Tage servieren. Da bekommen viele Sodbrennen.

Sogar Roger Willemsen hat das Dschungelcamp in der "Süddeutschen Zeitung" gelobt. Ist es beängstigend oder befriedigend, endlich von allen geliebt zu werden?

Dass ich nicht von allen geliebt werde, merke ich auf dem Geburtstag meiner Mutter, wenn ich mich vor den Bildungsbürgern unserer Familie rechtfertigen muss.

Hat die Sendung noch andere natürliche Feinde?

So direkt fällt mir da niemand ein. Aber wenn uns acht Millionen Zuschauer sehen, gibt es noch einige Zuschauer, die uns nicht gucken. Die schreiben gerne Mails, die mit dem Satz anfangen "Ich guck das ja nicht". Noch vorm "Hallo". Und Asi-TV schreiben sie mit zwei "s". Wir sind Mainstream, und sich dem Mainstream zu verweigern, hat auch etwas Identitätsstiftendes.

Es macht aber auch keinen Spaß, die Sendung zu kritisieren. Sie übernehmen das selbst.

Das muss ein Sender aushalten, dass man die Dinge benennt. Wir pinkeln uns gerne selbst ans Bein.

Warum kommt RTL nicht auch für den Rest des Jahres auf die Idee, dem Zuschauer mehr zuzutrauen?

Das hat der ein oder andere Redakteur bisher geschickt zu verhindern gewusst.

Die Wahlbeteiligung beim Dschungelcamp scheint höher als bei den Bundestagswahlen zu sein. Könnten die Politiker was vom Dschungelcamp lernen, wenn es um Wahlen geht?

Sie könnten lernen, dass ein gewisses Maß an Authentizität nicht so verkehrt ist. 16 Tage unter derartiger Beobachtung zu stehen, da kommt man mit Selbstverleugnung nicht allzu weit.

Sollten die Spitzenkandidaten vor der Wahl zwei Wochen in einen Raum gesperrt und gefilmt werden?

Ich möchte Sigmar Gabriel nicht nackt sehen. Könnten wir bitte das Thema wechseln?

Es gab schon dickere Menschen im Camp, die nackt zu sehen waren. Der dicke Klaus von "Klaus und Klaus" zum Beispiel.

Es scheint so eine Art Hodensack-Passus im Vertrag zu stehen, dass mindestens einmal pro Staffel die Gonaden eines älteren Herrn zu sehen sein müssen, eine Lex Testiculi.

Sind Sie eigentlich mit den Kandidaten zurück nach Deutschland geflogen?

Die letzte Etappe von Frankfurt nach Hamburg bin ich mit Tanja Schumann geflogen. Als wir beide rauskamen, hechtete ein junger Mann mit dem Label "Promiflash" auf dem Mikrofon hinter ihr her auf der Jagd nach spannenden O-Tönen. Er wirkte danach sehr unglücklich.

Saßen Sie in derselben Reihe im Flugzeug?

Also ich bin Business geflogen.

Das ist Micky Beisenherz

Micky Beisenherz, am 28. Juni 1977 in Recklinghausen geboren, ist Moderator und Autor. Seit der vierten Staffel schreibt er für das Dschungelcamp, außerdem unter anderem für die "Heute Show". Seine eigene Show, eine Neuauflage von "Die Pyramide", wurde 2012 nach einem Monat wieder eingestellt. Zusammen mit Stefanie Werner ist er außerdem für die Webserie "Halt die Klappe" (hier ansehen) verantwortlich.

(jco)