1. Herzrasen

Weltreise mit dem Bus: Nächster Halt Feuerland

Weltreise mit dem Bus : Nächster Halt Feuerland

52.000 Kilometer, 26 Länder, 218 Reisetage – gerade ist Hans-Peter Christoph, Busfahrer und Gründer des Reiseunternehmens Avanti, von der längsten Fahrt seines Lebens zurückgekehrt. Im Gespräch erzählt der 55-jährige Freiburger von kleinlichen Zöllnern, Mozzarella aus Kaugummi und der einzigen Verspätung.

52.000 Kilometer, 26 Länder, 218 Reisetage — gerade ist Hans-Peter Christoph, Busfahrer und Gründer des Reiseunternehmens Avanti, von der längsten Fahrt seines Lebens zurückgekehrt. Im Gespräch erzählt der 55-jährige Freiburger von kleinlichen Zöllnern, Mozzarella aus Kaugummi und der einzigen Verspätung.

Das Lieblingsbild von Hans-Peter Christoph - sein Bus in der Atacama-Wüste in Chile. Foto: Anatoli Reklin

Wir sprachen vor der Reise bereits miteinander. Ich war mir nicht ganz sicher, ob wir uns noch mal lebend wiederhören würden. Waren Sie sich denn sicher?

Hans-Peter Christoph Diese Frage habe ich mir nie gestellt. Eher habe ich mir überlegt, was ich mache, wenn ich nicht über irgendwelche Grenzen kommen.

Einige Straßen in Südamerika sind sehr schmal und dahinter fällt es sehr steil ab.

Ach ja... solche Straßen gibt es aber auch in den Alpen, die sind nur nicht so hoch. Das höchste war eine Passstraße von 4300 Metern.

Sie scheinen ein eher furchtloser Mensch zu sein.

Ich begreife so eine Passstraße als Herausforderung, der ich mich stellen will. Am meisten Angst hatte ich, als ich im Studium ein Referat halten musste.

Ich frage trotzdem mal, auch wenn es sonst eher eine Floskel ist: Wie geht es Ihnen?

Mir geht es wunderbar. Ich genieße es, nach neun Monaten wieder in Europa zu sein. Ich habe einen neuen Blick auf den Kontinent.

Ist Ihnen mit der neugewonnenen Distanz etwas an Deutschland aufgefallen?

Die Leute kommunizieren viel weniger miteinander als in Amerika, von Alaska bis Argentinien. In Freiburg habe ich mir nach meiner Rückkehr eine Brezel beim Bäcker gekauft. Und die Frau sagte nur so was wie "90 Cent" und ich sagte nur "Auf Wiedersehen". Da war ich richtig erschüttert.

Was wäre passiert, wenn Sie die Brezel in Amerika gekauft hätten?

Da hätte die Verkäuferin gesagt "Die Brezel ist heute besonders gut" oder "Passen Sie auf, wenn Sie über die Straße gehen". Irgendeine kleine Kommunikation gab es immer. Ich hätte nichts dagegen, das in Deutschland beizubehalten. Ich versuche es.

Es muss aber auch etwas gegeben haben, was Sie vermisst haben, als Sie nicht in Deutschland waren.

Nicht nur in Deutschland, sondern in Europa gibt es eine wahnsinnig gute Gastronomie. Angebot und Qualität sind unübertroffen. In Amerika war der Mozzarella wie Kaugummi — nur Industriekäse.

Sie sind seit Mitte Januar wieder in Deutschland. Und der Bus?

Der trifft am 10. Februar in Hamburg ein. Im März fahre ich mit ihm nach Portugal.

In unserem ersten Gespräch erwähnten Sie eine 72-jährige Frau, die als einziger Fahrgast die ganze Strecke mitmachen wollte. Hat sie durchgehalten?

Ja. Wissen Sie, wo die jetzt ist?

Verraten Sie es mir.

Die ist mit dem Frachtschiff auf der Rückfahrt. Sie hat noch nicht genug.

Sie haben vor der Fahrt angekündigt, dass Sie nur einen Koffer brauchen.

Ein Koffer hat mir tatsächlich gereicht, ich hatte aber zur Vorsicht einen zweiten mitgenommen. Mir war klar, dass das Blödsinn war. Aber ich lag trotzdem nur bei 18 Kilogramm, während einige mehr als 30 Kilogramm mit sich schleppten. Als ich nach meiner Rückkehr in meinen Schrank geblickt habe, dachte ich: Ach du meine Güte.

Ich möchte Sie jetzt gar nicht dazu auffordern, die tollsten Geschichten von der Reise zu erzählen. Aber wenn Sie von den vielen Bildern, die Sie gemacht haben, eines an die Wand hängen würden, welches wäre das?

Es gibt ein Bild, das zeigt den Bus in der Atacama-Wüste. Da waren wir schon 4000 Kilometer durch die Wüste unterwegs, und dieses Bild ist die Essenz.

Sie fahren gerne durch Wüsten, haben Sie in Ihrem Blog geschrieben. Was finden Sie daran so spannend?

Diese Formationen und diese Vegetationslosigkeit.

Diese Vegetationslosigkeit? Das werden die meisten sehr öde finden.

Das ist sagenhaft.

Das größte Problem hatten Sie nicht an einer der Grenzen in einem Dritte-Welt-Land, sondern in den USA.

Der Bus war mit dem Schiff von Shanghai unterwegs und durfte nicht ins Land. Es hing alles von diesem Zöllner ab, einem ganz kleinen Typen. Der sagte: Der Bus muss exakt für den amerikanischen Markt gebaut sein. Der europäische Standard wird nicht akzeptiert.

Dabei erfüllt Ihr Bus so ziemlich alle Standards.

Die Standards sind in Deutschland viel höher. Dieser Bus ist der modernste der Welt! Aber zum Beispiel haben Busse in den USA nur eine Tür und statt einer 24-Volt- eine 12-Volt-Anlage.

Wussten Sie das denn nicht vorher?

Es gibt europäische Busse, die in den USA unterwegs sind.

Das heißt, dieser Zöllner war einfach nur sehr kleinlich?

Sehr. Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, hätte ich den Bus ins Land klagen können.

Der Zöllner und Sie sind nicht im Frieden auseinander gegangen, oder?

Was heißt im Frieden? Das lief alles über Anwälte, ich durfte gar nicht mehr erscheinen. Die haben mir sofort zu verstehen gegeben, dass meine Anwesenheit beim Zoll nicht erwünscht ist. Diesen Zöllner habe ich bloß einmal gesehen. Zwischenzeitlich war ich sehr verzweifelt. Nach drei bis vier Wochen war klar, dass ich keinen Erfolg haben würde, und habe mich entschieden, den Bus nach Kolumbien zu schicken.

Und wie sind Sie durch die USA gekommen?

Wir haben Busfahrer und Busse gemietet. Zum Glück haben die Reisegäste keinen Aufstand veranstaltet. Die haben gesagt: Davon lassen wir uns die Reise nicht verderben.

Dann konnten Sie anderen Busfahrern mal bei der Arbeit zusehen.

Das war interessant. Wir hatten die unterschiedlichsten Busfahrer. Da gab es einen Mexikaner, dem habe ich gesagt, dass er sofort bei mir in Deutschland anfangen könnte. Der ist total ruhig gefahren.

Es gab sicher auch andere Busfahrer.

Einer hat aus unerfindlichen Gründen wahnsinnig oft gebremst.

Sie haben in unserem ersten Interview gesagt, wenn ein Busfahrer häufig bremst, wird den Leuten schlecht.

Und es war so. Dafür war er ein Rangierkünstler in den engen Innenstädten Zentralamerikas.

In Kolumbien durften Sie sich wieder in den Bus setzen. Da kam der nächste Schock.

Nach den vier Monaten, die der Bus unterwegs war, hat er von innen ziemlich wüst ausgesehen. Es fehlten auch einige Dinge.

Ihre Ikone vom Heiligen Christophorus ist geklaut worden.

Mir sind sogar 25 Regenschirme gestohlen worden. Das ist mir erst beim nächsten Gewitterregen aufgefallen. Auch der Staubsauger fehlte, was ärgerlich war, weil die Geräte in Kolumbien und Ecuador nur 110 Volt haben, der Bus aber mit 230 Volt ausgerüstet ist. Da hatte ich vier Wochen keinen Staubsauger.

Haben Sie sich eine neue Christophorus-Ikone gekauft?

Ich hatte noch ein Christophorus-Bild im Gepäck als Ersatz. In Ecuador habe ich dann die gleiche Figur gefunden, wie sie mir gestohlen wurde. Mittlerweile weiß ich: Die werden in China hergestellt.

Busfahren ohne Christophorus geht schließlich nicht.

Geht schlecht.

Sie müssen mit Ihrem knallroten Bus in Südamerika sehr aufgefallen sein.

Wir waren dort das Ereignis. Auch in China. Da gab es einen Busfan, der uns über das GPS-Signal geortet und dann besucht hat. Der erzählte, dass 10.000 Busfans in China unsere Reise verfolgen, "but I am the lucky one, I found it". In Chile wurden wir an jedem Ortseingang empfangen. Facebook ist voll mit Bildern vom roten Bus.

Haben Sie pünktlich am 22. Dezember das Ende der Welt, also Feuerland, erreicht?

Wir waren an jedem der 218 Tage im Plan. Das ist doch selbstverständlich. Die einzige Verspätung hatte der Zug von Frankfurt nach Freiburg.

Es ist schwierig, diese Weltreise zu steigern. Haben Sie keine Angst vor der Leere?

Ich habe noch genug vor. Ich möchte noch mal nach Südamerika, ich möchte noch mal nach Alaska, ich werde sicher wieder die Seidenstraße befahren. Es geht immer noch spannender. Aber ich werde sicher nicht noch durch Südostasien und Australien fahren, nur damit ich eine noch längere Strecke fahre.

Nun fahren Sie im März erst mal nach Portugal. Das muss doch langweilig sein.

Ich freue mich jetzt schon darauf.

Aber Sie haben doch die ganze Welt gesehen.

Auf der Weltreise kannte ich vorher fast nichts, in Portugal hingegen kenne ich alles. Ich weiß, wo ich mit den Leuten in Porto essen gehe, ich weiß, wo ich einen Aperitif trinke, ich weiß, was wir uns beim Stadtrundgang ansehen. Ich freue mich, wenn der Kellner im Hotel ruft "Hola, Hans".

Die Busfahrt

Die Weltreise des Unternehmens Avanti dauerte vom 8. April bis 22. Dezember 2013. Sie führte über 52.000 Kilometer und durch 26 Länder. Zunächst fuhr der Bus von Freiburg nach Shanghai, auf großen Teilen entlang der Seidenstraße. Nach einigen Wochen Unterbrechung ging die Fahrt in Alaska weiter, die Panamericana entlang bis nach Feuerland.