1. Herzrasen

Interview mit Thees Uhlmann: Wer Simpsons guckt, zieht nicht in den Krieg

Interview mit Thees Uhlmann : Wer Simpsons guckt, zieht nicht in den Krieg

Mit den inneren Kriegen hat Thees Uhlmann abgeschlossen, auf seinem neuen Album "#2" singt er über die äußeren. Was das mit Syrien zu tun hat und welches Lied den Krieg beenden könnte, sagt er im Interview.

Du singst in dem Lied "Am 07. März" die Zeile: "Mich ruft kein Vaterland, man weiß, in was das mündet". Wann wusste Thees Uhlmann, dass er den Wehrdienst verweigert?

Thees Uhlmann wusste, dass er den Wehrdienst verweigert, als er in der 11. Klasse ein Praktikum in einem Kindergarten für behinderte Kinder gemacht hat. Als 17-Jähriger ist man nicht besonders reflektiert, aber da habe ich gemerkt, dass ich das Dasein für Menschen dem Organisieren von Menschen vorziehe.

Hast du das auch in deine Begründung geschrieben, als du den Wehrdienst verweigert hast?

Das ist so: Ich habe da in meiner Familie eine hybride Situation. Der eine Opa war Soldat und zwar ziemlich weit im Osten. Sicher nicht, um der Menschheit Gutes zu tun. Der andere Opa war Schlosser in Hamburg und deshalb war er kriegsabkömmlich. Mein Vater hat mir erzählt, dass mein Opa nur ein einziges Mal geweint hat. Er musste im Konzentrationslager Neuengamme arbeiten, ist nach Hause gekommen und dann ist er am Abendbrottisch zusammengebrochen. Zum Schluss wurde er in den Volkssturm einberufen. Er ist vom Lastwagen gesprungen und nach Hause gegangen. Das habe ich in meine Begründung reingeschrieben: Dass ich schon durch meine Familie erfahren habe, dass Krieg die schlimmste Lösung für Probleme ist.

Nun muss sich ja niemand mehr mit dem Thema Wehrdienstverweigerung beschäftigen.

Ich glaube aber, dass wir dieses Interview nicht führen würden, wenn ich keinen Zivildienst gemacht hätte in einer Einrichtung für behinderte Kinder und Jugendliche. Da habe ich gelernt, mein eigenes Leben als nicht so wichtig wahrzunehmen, weil es Leute gibt, denen es viel schlechter geht. Wer Erwachsenen eine Windel wechselt, wer ein bisschen hart zu sich selbst ist, der kann auch Musiker werden.

Ist es Zufall, dass es auf deinem neuen Album so häufig um den Krieg geht?

Es ist ein gewollter Zufall. Ich habe Tobias Kuhn, mit dem ich die Songs schreibe, gefragt: Und worüber soll ich singen? Und er hat gesagt: Du darfst ein Liebeslied und ein Anti-Liebeslied schreiben, der Rest muss aus einer anderen Ecke kommen. Dann habe ich eben angefangen nachzudenken. Bei Tomte habe ich nur über meine eigene Befindlichkeit gesungen. Aber jetzt bin ich Vater und nicht mehr 27 und total in Angst aufgelöst. Da brauchte ich andere Themen.

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Was nicht unbedingt zum Thema Krieg führt.

Das lag an zwei bis drei persönlichen Erlebnissen. Ein Freund von mir war in Syrien und meinte: Das ist das schönste Land, das er jemals gesehen hat. Ein Jahr später metzeln sich da die Leute ab. Vermutlich sogar Leute, die sich kennen. Dann ist mir aufgefallen, dass meine Tochter die dritte Generation ist, die im Frieden aufwachsen kann, und ich hoffe, dass sie genauso durchs Leben kommt wie ich. Der dritte Punkt ist: Wenn ein Hedgefonds möchte, dass ein Land wie Griechenland pleite geht, dann geht das pleite. Es kann ja durchaus passieren, dass dann Volksgruppen wieder aufeinander losgehen.

In dem Song "Im Sommer nach dem Krieg" stellst du dir vor, dass in Niedersachsen Krieg ist. Soll das eine Warnung sein?

Das ist mir zu moralisierend. Das ist so wie zu sagen "Die Bild-Zeitung ist schlecht". Ich singe einfach darüber, wie das ist, wenn plötzlich Krieg ist. Wie das ist, wenn plötzlich die Leute sterben. Das ist jedes Mal ein persönliches Schicksal. Wenn 230 Menschen bei einem Bombenanschlag sterben, sind das 230 Väter und Mütter, die weinen. Mit meinem Album wollte ich da auch einfach aus dieser Wohlfühl-Szene heraus, momentan ist das in Deutschland alles ein bisschen zu kuschelig. Hey, Frida Gold, über was singst du? Aha, kann ich auch, aber wir singen jetzt über den Krieg.

Es gibt in dem Song die schöne Zeile "Und alle Menschen stellen sich vor, wie es wird, im Sommer nach dem Krieg, wenn eine Brise vom Meer über die Häuser fliegt". Trotzdem tun die Menschen sich den Krieg immer wieder an.

Wir können uns das hier einfach nicht vorstellen. Dass Niedersachsen Schleswig-Holstein angreift und die Leute umlegt. Die Menschen tun das ja im besten Wissen und Gewissen. Die denken nicht "Ich bin jetzt ein böser Mensch". Die denken, sie tun etwas Gutes, wenn sie jemanden umbringen, weil es ein klares Feindbild gibt. Oder denken wir an Jugoslawien. Zwei, drei Leute schnipsen mit den Fingern und die Leute fangen an, ihre Nachbarn umzulegen. Es ist gruselig, dass der Mensch zu so etwas in der Lage ist.

Was denkst du, wie viele aktuelle Kriege und bewaffnete Konflikte Wikipedia aufführt?

20?

34. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass wir vom Krieg gar nicht so viel mitbekommen und er nicht Bestandteil unseres Alltags ist.

Also ich glaube an die menschliche Empathie.

Interessieren wir uns wirklich für Syrien?

Auf jeden Fall.

Der letzte Golfkrieg war hier präsenter als der Konflikt in Syrien, weil ein westliches Land involviert war.

Das ist nicht verwerflich. Man muss eben einen persönlichen Bezug haben. Wie gesagt, mein Kumpel war in Syrien und sagt, das ist das schönste Land der Welt, bloß steht an jeder Ecke der Geheimdienst und die sehen aus, als würden sie bei den Strokes spielen. Deshalb ist mir der Konflikt in Syrien jetzt näher. Und wir hier im Westen haben eben eine emotionale Beziehung zu den USA und ihrer Kultur.

Aber was machen gegen Krieg? Es sind einem die Hände gebunden.

Vielleicht kann man was machen, aber mir fällt nicht so richtig was ein. Wir können sagen "Hört auf, Krieg zu machen", aber das ist so hippie-mäßig. Ich glaube an die Politik der kleinen Schritte.

Manchmal sind die Schritte so klein, dass man sie nicht sieht.

Aber es ist schon interessant zu sehen, wenn sich Leute zwischen Israel und dem Iran Bilder hin- und herschicken, auf denen steht "Kein Krieg". Wenn das dann zehn Millionen Leute machen, werden sich zwei Verteidigungsminister fragen: Was machen wir mit den zehn Millionen Leuten, die sich Bilder schicken?

Ist jeder große Krieg eine Folge von kleinen Kriegen im Alltag?

Die Chance, dass ein Krieg losgeht, ist auf jeden Fall wesentlich geringer, wenn die Leute morgens ein Glas sauberes Wasser zu trinken haben, dreimal am Tag essen und abends auf dem Sofa Simpsons gucken können.

Es gibt auf deinem Album auch die Zeile "GIs haben bei Remagen den Rhein überquert". Wenn die Amerikaner nicht in den Zweiten Weltkrieg eingetreten wären, wäre alles noch viel schlimmer geworden. Gewalt ist manchmal doch eine Lösung.

Das ist eben der gerechte Krieg. Es gibt so viel Geschichtsrevisionismus, zum Beispiel, wenn es um die Bombardierung von Dresden geht. Es ist ja okay, über dieses Thema zu reden, aber du darfst die Bombardierung nicht einfach mit den Verbrechen von Hitler-Deutschland gleichstellen. Gottseidank hatten die Amerikaner den Mut, über den Rhein zu fahren und Hitler-Deutschland in Grund und Boden zu schießen.

Wenn es ein Lied gibt, das den Krieg beendet, welches wäre das für dich?

Wie heißt der Bollywood-Song, bei dem alle Menschen Westeuropas zu einem indischen Lied tanzen und man spürt, dass die ganze Welt nur um die Ecke liegt?

Das Album

Auch beim zweiten Soloalbum #2 will jeder als erstes wissen: Und, wie unterscheidet es sich von Tomte? Selbes Haus, anderes Zimmer. Beziehungsweise mehrere andere Zimmer. Waren Tomte doch sehr auf Gitarren-Indie-Rock festgelegt, probiert Uhlmann on his own viel aus. Von Stadion-Rock bis Beinahe-Ballade ist alles möglich. Musste der Hörer von Tomte sich die Hits erkämpfen, macht Uhlmann es ihm leichter, was auch am regelmäßigen Einsatz von Tasteninstrumenten liegt. Und hat er in seinen Texten früher nur die inneren und zwischenmenschlichen Kriege abgehandelt, geht es jetzt auch um die mit Panzer. Oder um SPD-Wahlkampfhelfer. Oder um Zugvögel. Oder um verlassene Küstenorte. Das funktioniert nicht immer, vor allem im letzten Drittel, doch trotzdem gilt für #2: Hätte danebengehen können, ging es aber nicht.