1. Herzrasen

Interview mit Benjamin Lebert: Eine Schriftsteller-Freundschaft in Briefen

Interview mit Benjamin Lebert : Eine Schriftsteller-Freundschaft in Briefen

Die beiden Welt-Literaten Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald schrieben sich Briefe, in denen es um die großen Lebensthemen ging: Schreiben, Freundschaft, Liebe und Scheitern. Der Hamburger Autor Benjamin Lebert hat diesen Briefwechsel nun in dem Buch "Wir sind verdammt lausige Akrobaten" veröffentlicht – ein Interview.

Die beiden Welt-Literaten Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald schrieben sich Briefe, in denen es um die großen Lebensthemen ging: Schreiben, Freundschaft, Liebe und Scheitern. Der Hamburger Autor Benjamin Lebert hat diesen Briefwechsel nun in dem Buch "Wir sind verdammt lausige Akrobaten" veröffentlicht — ein Interview.

"Das Schreiben ekelt mich an, aber da ich mir aus nichts anderem so viel mache, werde ich weiterschreiben." Solche Sätze schrieb Ernest Hemingway seinem Freund F. Scott Fitzgerald. Und dieser schrieb zurück, in der gleichen Aufrichtigkeit. Seit sich die beiden Schriftsteller 1925 in der Pariser Dingo Bar kennengelernt hatten — Fitzgerald war bereits ein gefeierter Autor, Hemingway schlug sich noch als Korrespondent durch — schrieben sie sich bis 1934. Benjamin Lebert, der 1999 im Alter von 16 Jahren mit seinem Roman "Crazy" debütierte, hat den erhaltenen Briefwechsel seiner Idole in dem Buch "Wir sind verdammt lausige Akrobaten" zusammengefasst.

Herr Lebert, Sie sind selber Autor, wieso war es Ihnen so wichtig, den Briefwechsel diesen beiden großen Schriftsteller zu veröffentlichen?

Benjamin Lebert Seit ich zum ersten Mal Texte von Fitzgerald und Hemingway las, fühlte ich mich ihnen sehr nah, auch wenn ich es niemals mit nur einem Halbsatz der beiden aufnehmen könnte. Dieser Bewunderung wollte ich Ausdruck verleihen.

Wenn man die Briefe von Fitzgerald und Hemingway liest, all diese gegenseitigen Rezensionen, Kritiken, Beeinflussungen — hätte es Fitzgerald und Hemingway so, wie wir sie heute kennen, ohneeinander überhaupt gegeben?

Ich glaube tatsächlich, es hat sie nur miteinander geben können. Sie haben einander gebraucht. Auch wenn sie eine sonderbare Konstellation waren. Aber genau das ist ja das letzte Mysterium, das uns bleibt: Wie Menschen in der Anziehung eines jeweils anderen wirken. Das kann im Kleinen eine Liebesbeziehung sein, im Großen ist es die musische Wirkung, wie wir sie bei den beiden erleben.

Das Buch ist gleichzeitig natürlich auch eine große Ode an die Männerfreundschaft. Was, würden Sie sagen, macht sie aus, und was ist das Besondere an der Freundschaft zweier Literaten?

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Männerfreundschaften haben ihre eigenen Mechanismen, sie äußern sich zum Beispiel ganz anders als Freundschaften zwischen Frauen. Männerfreundschaften beleben sich durch eine gewisse Zärtlichkeit und häufig durch Bewunderung. Die kann versteckt empfunden werden, aber ich glaube, letztlich gelingt es Männern häufiger, ihre Bewunderung zueinander kundzutun. Frauen lieben mehr im Geheimen, sie schwärmen gerne. Bei Schriftstellern kommt dazu, dass sie in der Regel Einzelgänger sind und das Gebiet, das sie als ihres betrachten, nicht gerne verlassen und sehr energisch verteidigen. Das ist auch in den Briefen von Hemingway und Fitzgerald so spannend: Wie sie ihre Territorien verteidigen und sich aufplustern.

Und sie finden relativ schnell sehr klare Rollen, oder?

Ja, absolut. Darum geht es ja immer im Umgang mit anderen, welchen Platz man einnimmt. Fitzgerald ist äußerlich und innerlich der Zartere der beiden, er wird von der Welt malträtiert und lässt das auch irgendwie über sich ergehen. Hemingway ist anders, er hat den Kampf aufgenommen. Ihm geht es darum, der Welt etwas entgegenzusetzen.

Fitzgerald hat außerdem fortwährend Probleme mit seiner Frau Zelda, die Hemingway nicht sonderlich schätzte, weil sie seinen Freund aus Eifersucht vor dessen Fähigkeiten von der Arbeit abhielt, oder?

Ja, Zelda war für Fitzgerald immer ein unerreichbares Wesen, in ihrer Schönheit wie auch in ihrem Wahnsinn. Sie hat es ihm nicht leicht gemacht, aber er konnte eben nicht ohne sie.

Auch Hemingway, schreiben Sie in Ihrem Vorwort, setzte sich in all seinen Schriften immer wieder mit "dem Mann im Angesicht der Niederlage" auseinander. Nicht auf eine weinerliche, eher auf eine robuste, manchmal zynische Weise. Macht das Hemingway aus: diese Stier- und Boxkämpfe, die er immer wieder beschreibt, als ewige Sinnbilder fürs Leben?

Das ist tatsächlich Hemingways Art gewesen, dieser draufgängerische Versuch, der Niederlage zuvorzukommen. Er war sich, trotz all der großen Worte, der Niederlage ja immer bewusst. Das Menschsein endet in der Katastrophe, das war ihm klar, aber er ist ihr voraus- und gegen sie angelaufen. Fitzgerald ist eher stehengeblieben und hat auf sie gewartet.

Waren Niederlagen in Hemingways und Fitzgeralds Zeit, gerade durch die Nähe zum Krieg, auch einfach selbstverständlicher als heute?

Ich denke schon, dass es heute schwieriger ist, zu scheitern. Weil wir uns nach allen Seiten abklären, auf Konventionen einigen. Wir wollen nicht vorverurteilen, wir wollen offen sein für alles — und gleichzeitig haben wir sehr klar abgesteckt, was geht und was nicht geht. Ein einziger großer Konsens, in dem jede Ecke und Kante natürlich besonders auffällt, wodurch die Angst vor der Niederlage ins Unendliche wächst. Hemingway hat sie dagegen als sehr klaren, absolut bewussten Teil des Lebens begriffen und aus ihr einen Motor gemacht.

Und er hatte als eines seiner Instrumente diesen sehr derben Humor. Eines seiner Lieblingswörter, erfährt man durch die Briefe, war offenbar "Pferdescheiße".

Und das ist ja noch eins der sanfteren. Hemingway war immer krawallig, er wollte sein Gegenüber herausfordern. Das war seine Art, Situationen und Menschen auszuloten: Gucken, wie die reagieren.

Mit dem Einstecken hat das dagegen eher nicht so gut geklappt. Als Fitzgerald ihn für sein Manuskript "In einem anderen Land" kritisiert, schreibt Hemingway mit Bleistift unter den Brief: "Leck mich am Arsch".

(lacht) Ja, mit Kritik konnte Hemingway ganz schlecht umgehen, er hat die meisten Leute, die das wagten, auch sofort zum Teufel gejagt. Nur von Fitzgerald hat er sich viel sagen lassen. Für ihn hat er — trotz aller Wut — am Ende immer eine Ausnahme gemacht.

"Wenn ich gut in Form bin, habe ich keine Lust zu schreiben — dann fühle ich mich zu gut" schreibt Hemingway Fitzgerald einmal. War das vielleicht die größte Gemeinsamkeit dieser beiden Freunde: Das Schreiben als Lebensbewältigung, nicht als Lebensunterhaltung?

Die Dramen des Lebens schaffen die Möglichkeit, sich zu positionieren. Daraus entsteht Kunst, so war das schon immer und auch bei den beiden. Was wichtig ist, um Mensch zu sein, erfährt man eher in den stürmischen Zeiten. Und Hemingway und Fitzgerald haben daraus das Beste gemacht.

"Wir sind verdammt lausige Akrobaten", Hrsg. Benjamin Lebert, 160 Seiten, Hoffmann & Campe Verlag, 17,99 Euro