Rapper JayJay aus Düsseldorf: Düsseldorfer Rapper rechnet mit dem DFB ab

Rapper JayJay aus Düsseldorf: Düsseldorfer Rapper rechnet mit dem DFB ab

"Ich lieb mein' Verein" heißt der Song von Jason Firchow, alias JayJay, mit dem er gegen das Sicherheitskonzept der DFL protestiert und damit bundesweit für Aufsehen sorgt. Der 26-jährige Düsseldorfer ist seit zehn Jahren Fortuna-Fan und steht bei jedem Heimspiel auf der Südtribüne. Unser Autor Christian Buhl hat ihn zum Interview getroffen.

Jason, mir brennt eine Frage unter den Nägeln: Wie fühlt es sich an, wenn man sich vor den Augen von Polizisten und Ordnern vor dem Stadion ausziehen muss?

Jason Firchow Diese demütigende Erfahrung habe ich zum Glück noch nicht machen müssen.

Es könnte aber schon bald soweit sein.

Ja, klar. Das stimmt leider. Es kommt drauf an, wie die Spiele eingestuft werden. Bei einem Risikospiel, gegen Frankfurt zum Beispiel, könnte es wirklich dazu kommen.

Würdest du das mit dir machen lassen?

Muss man ja, man kann ja nichts dagegen unternehmen. Das Sicherheitskonzept ist ja durch.

Kommt dein Protestsong "Ich lieb mein` Verein" deshalb nicht zu spät?

Ich wollte mit dem Lied einfach mal zum Ausdruck bringen, was uns als aktive Fans an der ganzen Sicherheitsdiskussion stört.

Das wäre?

Dass die meisten Leute nicht Bescheid wissen, warum und gegen was wir protestieren. Das habe ich extrem beim letzten Heimspiel der Fortuna vor der Winterpause gegen Hannover 96 gemerkt. Wir (die aktiven Fans und Ultras, Anm. d. Redaktion) waren sauer auf unseren Vorstand, weil er trotz anderer Ankündigungen dem kompletten Papier zugestimmt hat. Wir haben dann geschlossen nach 12:12 Minuten das Stadion verlassen und sind dafür vom restlichen Publikum übelst beschimpft worden. Da dachte ich mir, es wird Zeit, auch diese Leute mal aufzuklären, warum wir das überhaupt machen.

Wie waren die Reaktionen auf den Song?

Die waren überwältigend. Ich habe das Lied um 11 Uhr hochgeladen, zwei Stunden später rief das ZDF bei mir an und wollte darüber berichten. Mittlerweile habe ich auf Youtube mehr als 200.000 Klicks, das ist der Wahnsinn. Auch andere Fans haben mir geschrieben:"Scheiß Verein, aber geiles Lied.”

Bist du jetzt das Sprachrohr der unzufriedenen Fans?

Das weiß ich nicht. Ich kann nur sagen, dass ich anhand der Reaktionen gemerkt habe, dass das ein Thema ist, was viele interessiert.

Was erwartest du, was jetzt kommt? Das Sicherheitspapier ist durch, Protest also sinnlos.

Meine Erwartungen sind eigentlich schon erfüllt. Ich habe eine gewisse Aufmerksamkeit für das Thema bekommen, die Presse meldet sich. Ich hatte gestern mein erstes Fernseh-Interview. Damit hätte ich nicht gerechnet.

Die Ultras sind gegen den modernen Fußball, gegen Kommerz. Auch in deinem Video prangerst du vor einer Wand mit der Aufschrift "Ultras United" die Kommerzialisierung des Fußballs an. Ist es nicht paradox, dass die Ultras genau durch diesen Kommerz, nämlich dein Lied, jetzt Aufmerksamkeit für ihre Anliegen bekommen?

In erster Linie geht es ja darum, unser Anliegen publik zu machen, und in der Hinsicht waren die Meinungen der anderen Ultras eigentlich alle positiv. Wie ich eben schon gesagt habe, die Kommentare bei Youtube sprechen für sich. Ich musste aber auch schon den ein oder anderen Kommentar lesen, dem das Ganze nicht so gefiel, das stimmt.

Du wirkst jetzt sehr ausgeglichen, ruhig und sympathisch. Kokettierst du im Video absichtlich mit dunkler Kleidung, Mütze und vielen grimmigen Typen?

Naja, das Lied ist ja immer noch ein Protestlied. Das muss schon etwas kräftiger rüberkommen. In meinem Video spielen aber auch meine beiden kleinen Patenkinder mit, die wollte ich unbedingt dabei haben, um zu zeigen, dass wir Fans überhaupt nicht gefährlich sind. Die kleinen Kids sollen auch später noch ins Stadion gehen können und die tollen Dinge erleben, die wir erlebt haben. Wir haben in Deutschland vielleicht nicht die stimmgewaltigsten Kurven, dafür aber die buntesten und kreativsten. Und das soll doch bitte auch so bleiben.

In deinem Lied singst du: "Wir sind Ultras, die Taliban der Fußball-Fans.” Etwas martialisch, oder?

Der Spruch kam damals von Sandra Maischberger, als die ganze Diskussion hochgekocht ist. Man hatte teilweise das Gefühl, dass nur über prügelnde Hooligans berichtet wurde. Die Medien wurden von der Politik kurz vor dem Wahlkampf dazu missbraucht, deren Meinungen zu verbreiten und das alles hochzupushen. Dadurch entstand irgendwann der Eindruck, dass es total gefährlich sei, ins Stadion zu gehen.

Seid ihr nicht in gewisser Weise selbst schuld an solchen Bezeichnungen?

Natürlich gibt es Chaoten, das darf man nicht leugnen. Aber es ist ja eigentlich schon so, dass es im Stadion sehr sicher ist. Ich habe mich dort jedenfalls noch nie unsicher gefühlt.

Niemals mit Pyros oder Schlägerein zu tun gehabt?

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Es gibt natürlich ab und zu Reibungen. Auch die teilweise massive Polizeipräsenz wirkt auf die Fans provozierend. Komplett von Polizisten eingekesselt zu sein, mag keiner. Ich habe auch schon erlebt, wie Tränengas eingesetzt wurde. Das war es dann aber auch schon, was ich an Gewalt im und um das Stadion herum erlebt habe.

Auch in deinem Video sieht man teilweise Pyros. Mal ehrlich, warum kann man das Abbrennen der Fackeln nicht einfach sein lassen?

Ich verstehe, wenn man sagt, das wollen wir nicht. Auch wenn ich noch nie jemanden gesehen habe, der dadurch zu Schaden gekommen ist, weiß ich natürlich, dass die Dinger total gefährlich sind. Ich fände das kontrollierte Abbrennen zum Beispiel eine gute Alternative.

In dem Video tauchen Kinder auf, auch Frauen sind mit dabei. Sind das alles Leute, die auch normalerweise in der Kurve stehen?

Das sind alles Fortunen, ja.

Wenn das die typischen Fans sind, die bei der Fortuna in der Kurve stehen, ist das Bild, das der DFB von den Fans hat, dann nicht vielleicht etwas verzerrt?

In erster Linie sollen ja die Ultras für Gewalt im Stadion verantwortlich sein. Das wird immer total pauschalisiert. Die Ultras leisten auch viel Sozialarbeit. Jugendliche werden integriert, Ausländer sind natürlich auch mit dabei — das ist eine bunte Kurve, die zusammenhält. Ultras tun auch wahnsinnig viel für den Verein. Bei der Fortuna machen die Ultras derzeit leider Pause.

Weil, so hört man, Nazis die Ultras-Szene unterwandern.

Du sprichst den Artikel von 11 Freunde an. Ich kann sagen, dass ich im Block noch nie mit rechten Parolen konfrontiert wurde. Bei riesigen Fangemeinschaften ist es normal, dass es irgendwo Stress gibt und der ein oder andere aus der Reihe tanzt. Der Artikel kam auch noch gerade raus, als ich mein Video online gestellt habe. Der hat der ganzen Euphorie, die durch das Video entstanden ist, erstmal einen ordentlichen Dämpfer gegeben.

Weil das Video damit ein Widerspruch in sich wäre.

Wir haben in Düsseldorf eine eher linksorientiere Fanszene. Es ist aber nicht so, dass wir im Stadion einen Kleinkrieg untereinander führen. Auch für uns als Fans war der Artikel erstmal ein Schock, weil es so dargestellt wurde, als hätten wir in Düsseldorf wirklich ein Problem mit Rechts. Das ist aber nicht so.

Warum pausieren die Ultras?

Das hat mit Umstrukturierungen innerhalb der aktiven Fanszene zu tun. Man muss bedenken, dass wir 2009 noch in der Dritten Liga gespielt haben. Seitdem sind viele Fans dazu gekommen, neue Gruppierungen sind entstanden. Das ging alles sehr schnell, zu schnell. Bisher ist man nicht dazu gekommen, das zu klären. Deshalb legen die Ultras jetzt eine Pause ein. Das hat jedenfalls nichts mit einem Nazi-Problem zu tun. Ich muss aber dazu sagen, dass ich kein Ultra bin.

Achso. Es erweckt aber den Anschein, weil du immer von "wir" sprichst.

Ja, das stimmt. Ich habe aber einfach keine Zeit, um mich komplett dem Fußball zu verschreiben, wie es die Ultras tun. Die opfern wirklich jede Minute für den Verein, das ist einfach der Wahnsinn.

Wird die Ultras-Bewegung der ganzen Sicherheitsdebatte irgendwann zum Opfer fallen?

Das ist schwer zu sagen. Es gibt zwar immer mehr Repressionen, aber dass es jetzt ganz dazu kommt, das glaube ich nicht. Deshalb provozieren wir auch, um die Diskussion weiter anzuregen und Fortschritte zu erreichen. Italien kann da nur ein warnendes Beispiel sein. Das ist immerhin das Ursprungsland der Ultras-Bewegung, und dort sind die Ultras mittlerweile komplett verboten.

Planst du weitere Songs zu dem Thema?

Nein, das war ein einmaliges Projekt. Ich habe zwar schon Anfragen von Rappern aus ganz Deutschland bekommen, die da ein größeres Projekt draus machen wollten, aber das ist nicht mein Ding. Normalerweise mache ich ja ganz andere Musik, mein Genre ist eher die Elektromusik. Ist ja schön, dass die Leute meinen Song mögen. Aber bitte, ich bin nicht nur der Fortuna-Rapper.

Deine Eltern sind beide Schauspieler. Was halten die von deinem Lied?

Die finden das toll, meine Mutter ist mein größter Fan. Mit meiner gewöhnlichen Musik können die nicht so viel anfangen, weil das doch etwas schneller ist, eher für Partys geeignet, aber den Protestsong haben sie gehört und fanden ihn super.

Ist dein Song nun eine Abrechnung mit dem DFB oder doch schon ein Nachruf auf die Fankultur?

Es ist beides. Irgendwo natürlich auch ein Nachruf, weil man ja nicht weiß, was noch alles kommt. Wenn ich denke, dass die Stehplätze abgeschafft werden könnten, dann kann ich nur sagen "Bitte nicht.” Dann haben wir hier in Deutschland bald Verhältnisse wie in England oder Holland, das wäre eine Katastrophe.

Das Video von JayJay gibt es hier

(csr)
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