Avi Primor im Interview: "Wir brauchen einen Welt-Marshall-Plan"

Avi Primor im Interview : "Wir brauchen einen Welt-Marshall-Plan"

Der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, macht im Interview mit unserer Redaktion bei vielen Muslimen ein Gefühl der Erniedrigung aus. Für die Welt fordert er einen neuen Marshall-Plan.

Herr Primor, weltweit rebellieren Muslime gegen das anti-islamische Schmäh-Video. Warum lassen sich die Muslime so leicht provozieren?

Primor Die harschen überzogenen Reaktionen in der muslimischen Welt sind ein Zeichen für eine tief sitzende Frustration. Die Menschen in den islamischen Staaten fühlen sich vom Westen gedemütigt. Und da genügt ein kleiner Funke, um die Welt explodieren zu lassen.

Der Westen hat doch den arabischen Frühling begrüßt. Wer steht hinter den antiwestlichen Ausbrüchen?

Primor Die Eliten insbesondere der arabischen Welt haben es versäumt, die wachsende Bevölkerung richtig auszubilden. Damit schufen sie ein Feld für fanatische Geistliche. Die haben dann in ihren Schulen ein sehr einseitiges antiwestliches Bild des Islam vermittelt.

Warum fühlt sich die arabische Welt noch immer vom Westen unterdrückt?

Primor Da schwingen viele geschichtliche Erinnerungen mit — Kreuzzüge, die Rückeroberung Spaniens, die Türkenkriege und nicht zuletzt der Kolonialismus.

Was ist zu tun?

Primor Wir brauchen einen Marshall-Plan — wie nach dem Zweiten Weltkrieg — für die Dritte Welt und vor allem für die muslimische Welt. Das ist zwar nicht die alleinige Lösung. Ein solcher Plan würde aber zeigen, dass uns die muslimische Welt nicht egal ist. Es wäre ein Zeichen unseres Interesses und unserer Anteilnahme an ihrer teilweise hoffnungslosen Lage.

Sollte der Film verboten werden?

Primor Der Film beleidigt die religiösen Gefühle der Muslime und erniedrigt sie. Deshalb halte ich ihn für verantwortungslos. Einem Verbot stehe ich aber skeptisch gegenüber.

Im Nahen Osten brennt es auch sonst. Macht Ihnen die gegenwärtige Entwicklung in Ägypten Sorge?

Primor Die Lage in Ägypten ist heikel. Die Extremisten sind auf dem Vormarsch und das Land ist wirtschaftlich, politisch und militärisch geschwächt.

Sehen Sie den Friedensvertrag mit Israel in Gefahr?

Primor Der neue Präsident Mursi, ein Muslimbruder, hat kein Interesse, den Friedensvertrag aufzukündigen. Das würde eine weitere Front in seinem schwierigen Kampf um die Macht eröffnen. Die kann er nicht gebrauchen. Die Muslimbrüder waren radikale Islamisten. Mit der Machtübernahme hat sich die Perspektive geändert. Jetzt steht die Staatsräson an erster Stelle, nicht die Ideologie. Und Mursi hat die Mehrheit hinter sich. Gleichwohl bleibt seine Herrschaft prekär.

Der israelische Premier Netanjahu spricht offen von einem Präventivschlag gegen die künftige Atommacht Iran. Ist Israel in seiner Existenz gefährdet?

Primor Iran hat mehrfach offen mit der Vernichtung Israels gedroht. Das müssen wir sehr ernst nehmen. Gleichwohl halte ich Israel nicht direkt für existenziell gefährdet. Mit der anti-israelischen Propaganda will der Iran seine Führungsrolle in der islamischen Welt unterstreichen. Einen atomaren Angriff auf Israel halte ich, sollte der Iran tatsächlich in absehbarer Zeit Atomwaffen besitzen, für sehr unwahrscheinlich.

(RP/csi)
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