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Colibri-Manöverbericht (4): Jäger der schmutzigen Bombe

Colibri-Manöverbericht (4) : Jäger der schmutzigen Bombe

(RP). Unser Redaktionsmitglied Helmut Michelis (54) hat eine ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung: Der Mönchengladbacher zieht eine Tarnuniform an und mit den Fallschirmjägern ins Manöver. Für rp-online berichtet der Oberst d.R. fünf Tage lang aus dem Saarland von "Colibri 42". Dort trainieren zurzeit 600 Elite-Soldaten aus Deutschland, Frankreich, Spanien, Belgien und Frankreich gemeinsam. Ihre Aufgabe: Ein Labor aufspüren, in dem Terroristen eine schmutzige Bombe bauen. Können sie den Anschlag mit radioaktiven Stoffen verhindern?

Wenn ich schon durch Zufall herausbekommen habe, wo die schmutzige Bombe namens Harry versteckt ist, nach der zurzeit Hunderte von Fallschirmjägern im Saarland fahnden, könnte ich diese Anlage als "Neutraler" in diesem Manöver doch einfach mal besuchen. Gesagt, getan. Die "Bösen", Soldaten der 4. Kompanie des Fallschirmjägerbataillons 261 aus Lebach, zeigen mir ihre Mini-Festung. Sie haben sie in mühevoller, tagelanger Arbeit mit 150 Rollen Stacheldraht, 2000 Sandsäcken und Bergen von Erdaushub geschaffen.

125 "Rebellen" bewachen das "Labor", in dem laut Manöver-Drehbuch der mit radioaktiven Stoffen bestückte Sprengkörper gebaut wird. Bewegungsmelder am oberen Waldrand (der Übungstruppe bitte nicht weitersagen!) sollen es den Angreifern zusätzlich schwer machen. Mit viel Liebe zum Detail tragen die "Wissenschaftler" weiße Schutzanzüge und hantieren mit nachgemachten Geigerzählern herum. "Colibri" soll ja ein möglichst realistisches Training ermöglichen.

Allerdings in gewissen Grenzen: "Wir haben den Auftrag, zu verlieren", sagt der Hauptfeldwebel, der die irregulären Kräfte führt. Soll heißen: Er und seine Fallschirmjäger dürfen nicht ihr geballtes Können und Wissen gegen die Kameraden einsetzen — dann wurde "Colibri" vermutlich noch Wochen dauern, was vor allem für uns Reservisten problematisch wäre. Im Lager der Rebellen auf dem Merziger Standortübungsplatz treffe ich einen von denen, die nur zeitweise das bordeauxrote Barett tragen: Oberleutnant Christian Behnke, für zwei Wochen zu den Lebachern eingezogen, ist Berufsschullehrer in Bielefeld.

Mit der Stufe 2, im Militärdeutsch die "Verbringung der Hauptkräfte", begann übers Wochenende die heiße Phase der Übung. Der "Feind" hätte Verkehrsfunk hören sollen: "Die L 152 zwischen Weierweiler und Rappweiler ist wegen Landungen von Fallschirmjägern heute zeitweise gesperrt", meldete Radio Salü am Morgen. Hier hatte die Anmeldung bei den Behörden geklappt, in einem anderen, zum Himmel stinkenden Fall nicht: Die 300 Soldaten, die nach dem Sprung aus den deutschen Transall-Transportflugzeugen in der Luft pendelten, hatten wegen der nur bedingt steuerbaren Rundkappen-Schirme leider nicht die Wahl zwischen Gelb und Braun. So landete die eine Gruppe Belgier glücklich im leuchtenden Rapsfeld, die andere auf den frisch gedüngten Äckern unmittelbar daneben. Den Franzosen ging es wenig später genau so.

Das sorgte für mächtig Ärger: Brigadegeneral Volker Bescht, Kommandeur der Luftlandebrigade 26, fand es gar nicht lustig, dass unsere Gäste im wahrsten Wortsinn in der Sch... landen mussten. Was für eine negative Fremdenverkehrswerbung für das schöne Saarland! Das Absprunggebiet war vorher ordnungsgemäß angemeldet worden. Aber natürlich war mal wieder keiner schuld. Der vielsprachig verfluchte Bauer jedenfalls beteuerte, er habe von der ganzen Sache nichts gewusst, es täte ihm schrecklich leid. Na ja, vor dem Appell am Dienstag auf dem Großen Markt in Saarlouis ist wohl noch ausreichend Zeit zum Duschen und Umziehen.

Es wird dunkel, inzwischen regnet es tüchtig, was die Stimmung etwas trübt. Ganz miese Laune hat vermutlich der Hauptgefreite Christoph Werny (24), der bei Colibri als Fahrer eingesetzt ist. Der Saarlouiser gehört den "Rodener Fohlen" an, dem größten Fan-Club von Borussia Mönchengladbach im Südwesten. Werny hat sich extra "Premiere" angeschafft, um ja kein Spiel seiner Elf zu verpassen. "Dank" Colibri muss er stattdessen irgendwo im Gelände unterwegs sein. Ob er schon vom Cottbuser Erfolg gehört hat? Wie hatte der Hauptgefreite am Morgen noch optimistisch gesagt: "Die Hoffnung stirbt zuletzt".

Ich bin dagegen sicher, dass — Borussias Abstieg hin oder her — zumindest hier keine schmutzige Bombe explodiert. Wie das verhindert wird, bald in diesem (Manöver-)Theater.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Helmut Michelis beim Colibri-Manöver

(RP)