Düsseldorf: Was die Stimme über uns verrät

Düsseldorf: Was die Stimme über uns verrät

Je nach Charakter und Befinden klingt unsere Stimme anders: Ob wir müde oder depressiv sind, ob eine Frau ihre Tage hat oder hohe Stöckelschuhe trägt. Selbst wenn wir nicht dieselbe Sprache sprechen, können wir die emotionale Lage anderer erkennen.

Sind die Augen trübe und von tiefen Ringen umrandet, ist die Haut schlaff, merkt man eine gewisse Unkonzentriertheit? Nach einer durchwachten Nacht fragen wir uns, woran die Mitmenschen merken könnten, dass wir unausgeschlafen sind. Einen wesentlichen Faktor bedenkt man dabei jedoch meistens nicht: den Klang der Stimme. Und dabei verrät er, wie jetzt Forscher der University of Melbourne herausgefunden haben, besonders viel über unsere Müdigkeit.

Das Team unter Leitung des Psychologen Adam Vogel lud 18 Studenten um acht Uhr morgens in ihr Institut und ließ sie dann 24 Stunden wach bleiben. Währenddessen mussten sie alle zwei Stunden einen Sprachtest absolvieren, dazugehörte beispielsweise, einen langanhaltenden Ton zu summen oder deutlich hörbar zu zählen. "Das war alles andere als spaßig, weder für die Studenten noch für uns", so Vogel.

Die Tests wurden aufgenommen und analysiert, und dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang mit der fortschreitenden Wachphase: Die Sprechgeschwindigkeit wurde langsamer, die Tonhöhe zeigte immer deutlichere Schwankungen und die tiefen Frequenzen der Stimme gingen immer mehr zurück.

Die ersten Veränderungen zeigten sich zwar erst 14 Stunden nach dem Experiment, doch danach ging es mit der Stimmleistung umso schneller bergab. "Der Tiefpunkt war um sechs Uhr morgens erreicht, 22 Stunden nach Versuchsbeginn", so Vogel. "Als dann die Sonne aufging, wurden die Leute wieder munterer, und damit auch ihr Sprechen."

Während Schwankungen der Stimmfrequenz auf Müdigkeit schließen lassen, beruht eine ungewöhnlich hohe Stimme auf einer hohen Spannung der Stimmbänder, die wiederum oft das Resultat einer insgesamt hohen Körperspannung ist. Weswegen emotionaler Stress den Sprecher in einer höheren Tonlage reden lässt, was man ja auch oft genug im Bundestag hören kann – und auch durchaus bei sich selbst erlebt.

Auch Frauen auf Stöckelschuhen haben, wie Niels Graf von Waldersee beobachtet hat, oft hohe Fistelstimmen. Weil sie schlichtweg ihrem Körper jede Chance auf Lockerheit rauben. "Die Frauen spannen ihren ganzen Körper so an, dass auch die äußeren Kehlkopfmuskeln und mit ihnen die Stimmbänder unter Spannung stehen", erklärt der Hamburger Phoniater. Trügen sie hingegen flache Absätze, würde sich ihre Stimme absenken. Und das wäre nur zu ihrem Vorteil. Denn Frauen mit extrem hohen Stimmen werden, so von Waldersee, von Frauen meistens abgelehnt und von Männern gemieden.

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Oft sind weibliche Stimmauffälligkeiten aber auch nur Folge vorübergehender Hormonverschiebungen. So sorgen Schwangerschaften oft für eine weiche und volle Frauenstimme und das Klimakterium für ihre Vermännlichung, während ihre Brüchigkeit, wenn kein grippaler Infekt oder eine andere klare Ursache vorliegt, eher ein Hinweis auf die einsetzende Monatsregel ist.

Trotzdem sollte man die Stimmanalyse nicht als Verhütungsmethode wählen. Denn sie dürfte in dieser Hinsicht nicht präziser sein als die Knaus-Ogino-Methode. Und die wurde schon von einem ihrer Erfinder, dem japanischen Gynäkologen Kyusaku Ogino, als unzuverlässig abgelehnt.

Dafür lässt sich Traurigkeit umso zuverlässiger per Stimmanalyse herausfiltern. Wissenschaftler der US-amerikanischen Duke University ließen zehn Probanden eine Reihe von einzelnen Worten sprechen und gaben ihnen den Auftrag, dabei entweder aufgeregt-fröhlich, gedämpft-traurig oder betont sachlich vorzugehen.

Danach verglichen sie die gesprochenen Passagen mit den Melodien von Volksliedern und klassischen Kompositionen. Das Ergebnis: Man konnte die Sprechstücke in gleicher Weise sortieren wie die Musik. Fröhliche Passagen äußerten sich vornehmlich in Dur, traurige dagegen in Moll.

Was natürlich die Frage aufwirft, ob in der Geschichte des emotionalen Ausdrucks die Musik das Sprechen oder umgekehrt das Sprechen die Musik prägte. Jedenfalls wurden die Ergebnisse der Studie auch an Mandarin-Chinesen bestätigt, die nicht nur eine völlig andere Sprache, sondern auch in ihrer Musik keine Dur- und Mollakkorde gewohnt sind.

Dies spricht eher dafür, dass der Mensch in der Stimme schon Mollnuancen kannte, bevor sie in der Musik eingeführt wurden. Und es erklärt, warum uns Europäer die chinesische Musik kaum berührt – wir aber dafür aus der Sprachmelodie eines Chinesen seine Traurigkeit herauslesen können, obwohl wir nicht ein einziges Wort von ihm verstehen.

(RP)
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