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Leben fünfmal fast ausgerottet: Warum die Natur Massensterben braucht

Leben fünfmal fast ausgerottet : Warum die Natur Massensterben braucht

Düsseldorf (rpo). Insgesamt fünfmal wurde das Leben auf der Erde beinahe komplett ausgerottet. Solche Massensterben sind von der Natur durchaus erwünscht: Sie machen den Weg für neue Arten frei. Ohne diese Katastrophen hätte sich wohl auch der Mensch nicht zu dem entwickeln können, was er ist.

Das Ende der Dinosaurier ruft heute noch bei vielen Menschen Mitleid hervor: Buchstäblich aus heiterem Himmel starben die "schrecklichen Echsen", die Jahrmillionen lang die Erde beherrscht hatten, aus.

Doch die Dinosaurier stehen mit diesem Schicksal bei weitem nicht allein da: Gleich fünfmal hat es in der Geschichte des Lebens auf der Erde solche Massensterben gegeben.

Den "Big Five", wie Wissenschaftler diese katastrophalen Massensterben nennen, fielen jedes Mal mindestens zwei Drittel aller Tier- und Pflanzenarten zum Opfer, berichtet das Wissenschaftsmagazin "bild der wissenschaft" in seiner August-Ausgabe.

Die erste Katastrophe ereignete sich vor 445 Millionen Jahren, als es in den Meeren bereits von mehrzelligem Leben wimmelte, die Kontinente jedoch noch praktisch unbewohnt waren. Damals beendete eine Eiszeit das warme, feuchte Treibhausklima, das bis dahin die Erde beherrscht hatte und vernichtete etwa vier Fünftel aller Tierarten.

Das kann nach Ansicht von Wissenschaftlern jedoch nicht nur auf den Temperatursturz an sich zurückgeführt werden. Einer der möglichen Zusatzfaktoren: Die beginnende Kälteperiode könnte die Strömungen im Meer so verändert haben, dass sehr sauerstoffarmes Wasser aus der Tiefsee an die Oberfläche geriet und die Meereslebewesen erstickte.

Lange Zeit zum Erholen blieb den Überlebenden dieses Massensterbens danach nicht: Schon verhältnismäßig schnell, nämlich 68 Millionen Jahre später - gegen Ende des Devon vor 377 Millionen Jahren - geriet das Leben erneut in Bedrängnis.

Regenwälder sorgten für Massensterben

Auslöser waren diesmal wahrscheinlich die ersten Regenwälder, denn sie verbrauchten das Kohlendioxid, das durch seine Treibhauswirkung für die hohen Temperaturen sorgte.

Die Verringerung des Kohlendioxidgehalts der Luft ließ die Temperatur wieder sinken, und in der Folge sank auch der Meeresspiegel um einige Meter.

Das erwies sich als fatal für die Korallenriffe, auf denen sich zu dieser Zeit ein Großteil des Meereslebens konzentrierte. Die Tiere und Pflanzen, die die plötzliche Trockenheit nicht überlebten, sanken auf den Meeresboden und verursachten dort schweren Sauerstoffmangel, der wiederum weitere Opfer unter den Meerestieren forderte. Die wenigen Landtiere, die es gab, kamen dagegen relativ ungeschoren davon.

Größte Krise vor 251 Millionen Jahren

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Was dann folgte, stürzte das Leben in seine bislang größte Krise. Vor 251 Millionen Jahren, am Übergang der Erdalter Perm und Trias, öffneten sich im heutigen Sibirien Spalten im Erdboden, aus denen eine Million Jahre lang Lava strömte.

Die Folgen waren verheerend: Die vulkanischen Gase ließen die ohnehin schon recht hohe Temperatur um etwa sechs Grad ansteigen und stoppten dadurch die Meeresströmungen. Salziges, sauerstoffarmes Wasser sank in die Tiefsee, woraufhin die dort lebenden Bakterien begannen, giftigen Schwefelwasserstoff zu produzieren.

Das aufsteigende Gas tötete nicht nur die Meereslebewesen, sondern auch Landtiere und sogar die robusteren Pflanzen. Wahrscheinlich wurde sogar die Ozonschicht beschädigt. Bilanz dieses Massensterbens: Etwa 96 Prozent aller im Meer lebenden Tiere und 70 Prozent der Landlebewesen starben.

Karten der Evolution neu gemischt

Danach war nichts mehr wie zuvor und die Karten der Evolution wurden völlig neu gemischt, berichtet "bild der wissenschaft". Zu den ersten Gewinnern gehörten die Amphibien, einige Reptilienarten wie die Therapsiden, die Archosaurier und die ersten Dinosaurier, die allerdings noch keine beherrschende Stellung innehatten.

Das änderte sich erst mit dem nächsten Massensterben, etwa 50 Millionen Jahre nach der großen Perm-Trias-Katastrophe: Aus bislang noch ungeklärter Ursache verschwanden zu dieser Zeit eine Gruppe früher Verwandter der Fische.

Auch die meisten großen Amphibien und eine ganze Reihe anderer Wirbeltiere sowie viele Insekten, Schnecken und Muscheln starben damals aus.

Freier Weg für Dinosaurier

Damit war der Weg frei für die großen Dinosaurier, die in überraschend kurzer Zeit Land, Wasser und Luft eroberten. 135 Millionen Jahre dauerte ihre Vorherrschaft - bis sie vor 65 Millionen Jahren praktisch mit einem Schlag beendet wurde: Ein zehn Kilometer großer Meteorit prallte in der Nähe der mexikanischen Halbinsel Yucatan auf die Erde und verursachte durch den aufgewirbelten Staub einen globalen Winter.

Gleichzeitig vergifteten brennende Wälder die Atmosphäre. Dieser Katastrophe fielen nicht nur die Dinosaurier, sondern 70 Prozent aller damals lebenden Arten zum Opfer.

Obwohl dieses letzte Massensterben nicht so ausgeprägt war wie die vorigen, veränderte es das Gesicht des Lebens fast genauso stark. Statt der Reptilien waren es nun Vögel und Säugetiere, die vielfältige neue Arten entwickelten und Land, Wasser und Luft in Besitz nahmen.

Doch glaubt man den Schätzungen von Experten, muss sich auch der größte Teil der neuen Herrscher der Erde auf sein baldiges Ende gefasst machen: Während im Durchschnitt der Erdgeschichte etwa drei Arten pro Jahr ausstarben, sterben momentan drei Arten pro Stunde - ein Hinweis darauf, dass das sechste Massensterben bereits begonnen hat.

(afp)