Die Geschichte der Hitze: Von Klima-Rassismus und Wetterextremen

Essay : Eine kleine Geschichte der Hitze

Extrem heißes Wetter ist bedrohlich – so mahnen Klimaexperten ohne Unterlass. Aber die Hitze beschäftigt die Geister schon seit Tausenden von Jahren. Ein paar warme Gedanken über Theologie, Tourismus und Astronomie.

Im Anfang ist alles – nein, nicht Hitze. Zumindest wenn man der Bibel Glauben schenkt. Da ist nämlich die Erde „wüst und wirr“, und die Sonne entsteht erst nach einer halben Woche, am vierten Tag. Den Beginn von allem muss man sich nach dieser Version also eher kühl vorstellen.

Maximal anders sehen das heute die Wissenschaftler, die annehmen, das Universum sei durch den Urknall entstanden, also aus einer unendlich hohen Energiedichte. Sekundenbruchteile nach diesem Urknall soll die Temperatur bei sagenhaften 1032 Grad gelegen haben; das darf man als heiß bezeichnen.

So viel zum Einstieg in ein Thema, das uns jüngst sehr beschäftigt hat und uns vermutlich noch lange beschäftigen wird: Hitze. Ob es nun schön ist, wenn bei uns in Deutschland 32 Grad gemessen werden, daran scheiden sich noch die Geister; Temperaturen von 42 Grad im Emsland findet dagegen niemand mehr schön. Manche mögen’s heiß? Naja, aber doch nicht so!

Lassen sich solche Extreme noch unter Wetter wegsortieren, oder sind sie Zeichen des Klimawandels? Die wissenschaftliche Meinungslage ist da relativ eindeutig, aber darum soll es hier gar nicht gehen. Hier soll es um eine kleine Kulturgeschichte der Hitze gehen, oder anders gesagt: um die Rolle warmen Wetters in unserem Weltbild.

Da ist zunächst ein sehr dicker Strang der Geistesgeschichte mit der klaren Ansage: Hitze als Wetterextrem ist schlecht, nicht nur körperlich gefährlich, sondern auch geistig zerstörerisch. Nach Ansicht der Denker in den antiken Metropolen Athen und Rom, an zwei nach unserem mitteleuropäischen Verständnis eher warmen Orten also, war große Hitze ebenso zu vermeiden wie strenge Kälte. Das rechte Maß war Trumpf, spätestens seit Aristoteles – von dem die These stammt, die Griechen lägen genau zwischen den Barbaren des kalten Nordens und denen des heißen Südens. Den Wechsel feiert der Arzt Hippokrates: Dass die Asiaten als verweichlicht und feige gälten, liege außer an der dort herrschenden Despotie daran, dass dort immer das gleiche Wetter herrsche. So lässt sich Kulturchauvinismus auch mit dem Klima begründen.

Voll ausgebildeter Klima-Rassismus kommt später. Etwa im islamischen Mittelalter: Der Gelehrte Avicenna schreibt im 11. Jahrhundert, extremes Klima produziere „Sklaven von Natur“. Sein Zeitgenosse Said al Andalusi lehrt, den schwarzen Afrikanern fehlten wegen der dauernden Hitze „Selbstkontrolle und Beständigkeit des Geistes“, umso „feuriger“ sei ihr Gemüt.

Oder in der europäischen Neuzeit. Montesquieu, Begründer der Gewaltenteilungslehre, hält Sklaverei unter extremen Klimabedingungen für gerechtfertigt, weil die Hitze den Willen so schwäche, dass anders kein Gehorsam zu erwarten sei. Und von Kant stammt der Satz: „In den heißen Ländern reift der Mensch in allen Stücken früher, erreicht aber nicht die Vollkommenheit der temperierten Zonen.“ „Der Schwarze schnackselt gerne“, plapperte noch 2001 naiv-rassistisch Gloria von Thurn und Taxis in die Fernsehkamera; die rechtsextreme Hetze gegen angeblich lüsterne Afrikaner, für die deutsche Frauen Freiwild sind, setzt die Reihe fort.

Angesichts einer solchen Denktradition überrascht es nicht, dass es über Jahrhunderte als Statussymbol gilt, der Hitze entkommen zu können. Wer es sich leisten kann, flieht aus der Stadt ins Landhaus, am besten in die Höhe. Die Päpste ziehen im Sommer aus dem stickigen Vatikan in ihren Palast auf dem Quirinalshügel, oder gleich in die Albaner Berge. Das vergleichsweise frische Castel Gandolfo war bis vor Kurzem päpstliche Sommerresidenz. Noch heute liegen etwa in der iranischen Hauptstadt Teheran die teureren Viertel im Norden, Hunderte Meter höher am Berg.

Eine gewisse Hitze-Demokratisierung ist erst in jüngster Zeit eingetreten – mit dem großen Gleichmacher, der Klimaanlage. Sie ist mittlerweile Standard im Auto und in immer mehr Büros. Kühl hat es nicht mehr nur der Boss. Das Recht auf Homeoffice, das die Grünen just auf dem Höhepunkt der Hitze forderten, würde für viele bedeuten: mehr schwitzen. Denn in Privatwohnungen sind zumindest hierzulande Klimaanlagen immer noch die Ausnahme.

Es ist also ein Kreuz mit der Hitze. Und trotzdem auch nicht völlig eindeutig. Denn manches hat sich vermischt. So kündigten die Hundstage, über deren Hitze heute alle stöhnen, im alten Ägypten eine Zeit der Fülle an: die Nilschwemme, die die Felder fruchtbar machte, mitten im heißesten Sommer. Hundstage waren, wenn Sirius, Hauptstern des Großen Hundes, in der Morgendämmerung wieder über dem Horizont erschien. Und die wichtigste meteorologische Katastrophe in der Bibel hat nicht mit zu wenig Wasser zu tun, sondern mit viel zu viel. Umgekehrt besingt Franziskus von Assisi den „Herrn Bruder Sonne“ als Abbild Gottes, der umgekehrt in der Bibel auch als Sonnenschutz, als Dach, ja sogar als Schatten selbst vorkommt. Verwirrend.

Bei alldem haben wir, ganz profan, vom Massentourismus noch gar nicht gesprochen, für den Hitze häufig kein zu ertragendes Übel, sondern Ziel an sich ist: ab in die Wärme! Vielleicht ändert sich das in Zeiten, da jeder neue Hitzerekord daheim eher wie eine Selbstbezichtigung und nicht mehr wie ein Kuriosum daherkommt.

Am Ende, da sind sich Wissenschaftler und Theologen ausnahmsweise einig, wird es ohnehin hitzig, auch wenn sich das Universum (kaum zu glauben!) ständig abkühlt. Zwar hat die Menschheit es bisher geschafft, sich nicht mit ihren Atomwaffen selbst auszurotten, die 95 Prozent ihrer Energie als mörderische Hitze freisetzen. Dennoch: In der christlichen Apokalypse zergehen „die Himmel vom Feuer“, und die Astrophysiker halten es für möglich, dass unsere Erde von der Sonne verschlungen wird, der eine gigantische Aufblähung bevorsteht. Und selbst falls nicht: In ein paar Milliarden Jahren ist hier alles geschmolzen. Am Ende ist alles Hitze.

Mehr von RP ONLINE