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Corona: Chancen und Risiken für Klima und Umwelt

Serie Forscher in der Region : Corona bremst die Klimadebatte aus

Die Corona-Pandemie hat wichtige Ziele der Nachhaltigkeit in den Hintergrund gedrängt. Privates Engagement ist jetzt mehr gefragt denn je. Ein Beitrag über Chancen und Risiken der aktuellen Krise.

Die Corona-Pandemie hat die Welt und die Prioritäten fast aller Menschen innerhalb sehr kurzer Zeit sehr verändert. Viele Themen wie zum Beispiel Klimaschutz, die noch vor wenigen Wochen weit oben auf der Tagesordnung standen, sind aus nachvollziehbaren Gründen in den Hintergrund gerückt. Viele Menschen und viele Unternehmen kämpfen ums wirtschaftliche Überleben. Die Auseinandersetzung mit der Frage, ob die Corona-Krise mittel- und langfristig eine Chance oder ein Risiko für Nachhaltigkeit darstellt, ist komplex und vielschichtig. Aktuell sind offensichtliche positive Effekte in Bezug auf Klima- und Umweltschutz zu beobachten: Es wird weniger geflogen und Auto gefahren, es wird weniger konsumiert. Zahlreiche Stimmen fordern, dass die Programme zur Förderung des Wiederanlaufs der Wirtschaft so aufgelegt werden, dass sie zugleich Klima- und Umweltschutz befördern. Dies ist eine mehr als berechtigte Forderung, denn die Corona-Krise hat die Klima-Krise nicht aus der Welt geschafft, sondern lediglich verdrängt. Die Frage ist, inwiefern diese Forderung realistisch ist.

Eher liegt die Prognose nahe, dass ein Thema, das schon vor der Corona-Krise kein Selbstläufer war, es in Zeiten drohender Insolvenzen erst recht schwer haben wird. Der historisch niedrige Ölpreis wird sein Übriges dazu tun und einen weltweiten Ausbau der erneuerbaren Energien massiv erschweren. Schon vor der Corona-Pandemie, die die Staaten zwingt sich massiv zu verschulden, fehlten Milliarden für staatliche Klimaschutzmaßnahmen, national und erst recht international. Schon vorher war klar, dass ohne freiwilliges nicht-staatliches Engagement ein Erreichen des im Pariser Klimaabkommen formulierten 2-Grad-Celsius-Ziels unmöglich ist.

Auch die Agenda 2030, die 17 globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, ist seit ihrem Inkrafttreten am 1. Januar 2016 durch eine massive Unterfinanzierung gekennzeichnet. Neben Umwelt- und Klimaschutz geht es auch um den zweiten wichtigen Handlungsstrang der Nachhaltigkeit, nämlich nachholende wirtschaftliche Entwicklung und die Erfüllung der Grundbedürfnisse aller Menschen. Es ist das Anliegen, das die damalige indische Ministerpräsidentin Indira Ghandi bei der ersten weltweiten Umweltkonferenz 1972 erstmals auf die weltweite Tagesordnung brachte und das bis heute gemeinsam mit dem Umweltschutzgedanken eine nachhaltige Entwicklung ausmacht.

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Bundesentwicklungsminister Gerd Müller warnt seit Wochen davor, dass die Corona-Krise droht, Entwicklungsfortschritte der letzten Jahre zunichte zu machen und in eine weltweite Hunger-Krise zu münden, was wiederum die weltweiten Flüchtlingsströme weiter anschwellen lässt. Schlüsselsektoren wie Tourismus und Textil brechen ein. Arbeitsplätze gehen in großer Zahl verloren, ohne dass Sozialsysteme die betroffenen Menschen auffangen. Die ohnehin nur rudimentäre medizinische Versorgung verschlechtert sich weiter. Eine erfolgreiche Umsetzung der Agenda 2030 rückt in unerreichbare Ferne. Zugleich wächst die Gewissheit, dass die Corona-Pandemie nur dann erfolgreich bewältigt werden kann, wenn dies weltweit gelingt. Die Notwendigkeit internationaler Kooperation wird einmal mehr in eindringlicher Weise deutlich. Die Realität jedoch zeigt, dass dies selbst innerhalb Europas schwierig ist.

In der beschriebenen wenig hoffnungsvollen Situation stellen sogenannte „Koalitionen von Willigen“ eine große Chance dar. Eine solche Koalition ist die Allianz für Entwicklung und Klima (https://allianz-entwicklung-klima.de/), die das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) im Jahr 2018 ins Leben rief. Das Ziel der Allianz ist die Förderung von nicht-staatlichem Engagement für zugleich Entwicklung im Sinne der Agenda 2030 und internationalen Klimaschutz.

Da Deutschland für nur zwei Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich ist, sollte ein leistungsstarkes Land wie Deutschland auch außerhalb seiner Landesgrenzen Beiträge leisten. Über 600 Organisationen und Privatpersonen sind schon heute Teil der Allianz, darunter viele große und international tätige Unternehmen, aber zum Beispiel auch der Fußballbundesligist TSG Hoffenheim. Sie alle sind schon heute klimaneutral oder streben es im Laufe der nächsten fünf Jahre an und fördern hierzu internationale Klimaschutzprojekte, die gleichermaßen zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern beitragen. In Zeiten leerer Staatskassen erscheint der Ansatz der Mobilisierung privater Mittel sinnvoller denn je.

Es bleibt zu hoffen, dass möglichst viele der trotz Corona handlungsfähigen Akteure – Organisationen aller Art und Privatpersonen – ihre durch die Corona-Krise nochmals größer gewordene Verantwortung für das Gelingen einer nachhaltigen Entwicklung erkennen und wahrnehmen und so dazu beitragen, dass die Koalition der Willigen künftig weiter wächst. Im Ergebnis entstünde dann ein breit angelegtes Crowdfunding, das trotz wirtschaftlicher Krise die Chance auf eine nachhaltige Entwicklung erhält. Es wäre in unser aller Sinne.