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Serie Forscher in der Region: Profisport in der Corona-Krise

Serie Forscher in der Region : Der Profisport auf dem Weg aus der Krise

Die Pandemie hat Existenzen von Amateur- und Profi-Vereinen bedroht. Das hat Perspektiven und Prioritäten im gesamten Sport verändert. Es ergeben sich Chancen für neue Denkmuster. Ein Gastbeitrag von Sascha L. Schmidt.

Zumindest für den Fußball gibt es jetzt eine vorsichtige Perspektive: Geisterspiele sollen demnächst in der Bundesliga wieder stattfinden dürfen. Auch in den Düsseldorfer Stadien passiert nichts, sei es bei der Fortuna, der DEG, den Giants oder auch der Borussia. Corona drängt den Profisport an den Rand des Abgrunds, denn für Erstliga-Sport im Eishockey, Basketball oder Handball stellen die Spieltagseinnahmen auf die Saison gerechnet die größte Einnahmequelle dar. Sie machen im Schnitt etwa zwei Drittel des Gesamtbudgets aus. Wenn die Clubs nicht vor Publikum gegeneinander antreten können, ist die Existenznot an vielen Orten groß. Geisterspiele rechnen sich aufgrund der geringen Medienrechteeinnahmen im deutschen Handball, Volleyball und Eishockey nämlich nicht. Trotz möglicher Regressforderungen der Sponsoren sahen sich die drei Top-Ligen bereits gezwungen, die laufende Saison vorzeitig zu beenden.

Covid-19 lässt selbst König Fußball unter enormen Druck geraten. So hat auch die Fortuna wie viele andere Bundesligisten in der Vergangenheit keine finanziellen Reserven aufgebaut, die für solche Krisenzeiten als ausreichende Absicherung dienen könnten. Bei Fortuna Düsseldorf machen Medienrechte, ähnlich wie bei den anderen Bundesligisten mehr als ein Drittel und damit den weitaus größten Anteil an den Gesamterlösen aus. Neun Spieltage und damit gut ein Viertel der Saison stehen momentan zur Disposition. Medieneinnahmen sind an Spielübertragungen gebunden. Fallen die Spiele aus, bleiben die TV-Gelder weg. Dann besteht für Vereine mit schwacher Eigenkapitaldecke Insolvenzgefahr. Mittlerweile soll etwa ein Drittel der 36 Bundesligisten unter Insolvenzgefahr schweben und Geisterspiele über ihr Wohl und Wehe entscheiden.

Neben den möglicherweise ausbleibenden Medieneinnahmen ächzen die Clubs derzeit besonders unter der Last ihrer Personalkosten. Zusammen mit den Transferausgaben machen die Gehälter für Spieler und Trainerstab in der Regel über die Hälfte der Gesamtkosten bei Bundesligisten aus. Der größte Hebel für kurzfristige Kostenreduktionen liegt im freiwilligen Gehaltsverzicht von Profispielern. Bei Fortuna Düsseldorf verzichten Spieler, Trainerstab und Vorstand auf 25 Prozent der Bezüge zugunsten des Klubs und dessen Mitarbeiter. Die Hälfte davon ist echter Verzicht, die andere Hälfte wird vorerst gestundet. Freiwillige Gehaltsverzichte bei weiteren NRW-Clubs wie Borussia Mönchengladbach, 1. FC Köln, Bayer Leverkusen (je 20 Prozent) und Schalke 04 (30 Prozent) liegen in ähnlicher Größenordnung.

Zugleich zeigen Clubs und Spieler ein hohes Maß an sozialer Solidarität. So haben Bayern München, Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund und RB Leipzig eine 20-Millionnen Euro Hilfsaktion zur Bewältigung der Corona-Krise im deutschen Profifußball angekündigt. Die TSG Hoffenheim hat einen Corona-Hilfsfonds aufgesetzt, und Spieler wie Mats Hummels, Leon Goretzka und Joshua Kimmich haben die Spendenaktion „We kick Corona“ ins Leben gerufen. DFB-Präsident Keller beteuert, dem Fußball keine Sonderrechte einräumen zu wollen. Mögliche Tests für Sportler und Sportlerinnen sollen auf keinen Fall zu Lasten anderer Bereiche gehen. Schalke Aufsichtsratschef Tönnies hat sogar angeboten, eigene Labore für Corona Testauswertungen zu nutzen.

Offensichtlich sind zumindest einige Fußballprofis und -clubs in Zeiten der Corona Pandemie bestrebt, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden und vorzuleben, wie Solidarität aussehen kann. Echte Solidarität werden wir brauchen in einer neuen Normalität, die wir nach Corona erleben werden. Vorherzusagen, wie diese neue Realität aussehen wird, ist auch für den Fußball derzeit noch unmöglich. Keiner der heutigen Entscheider kann seriös abschätzen, wie lange die gegenwärtige Krise andauern und was sie langfristig für unseren Profifußball bedeuten wird. Zu viele relevante Einflussfaktoren sind noch unbekannt.

Es lässt sich allerdings erahnen, dass – wie der Volksmund schon sagt – in jeder Krise auch eine Chance liegen mag. Bereits vor Corona sprachen einige Experten davon, dass sich eine Blase im Profifußball entwickelt hat, wie wir sie von Immobilien- oder Finanzmärkten kennen. Die Pandemie könnte dazu führen, dass sich die Perspektive ändert und wieder mehr Realismus einkehrt. Vielleicht liefert die Krise sogar den Anstoß zur Überwindung etablierter Denkmuster und zur Einführung von internationalen Obergrenzen für Spielergehälter, Ablösesummen und Beraterhonorare.

Corona hat auch dazu beigetragen, dass sich digitale Sportinhalte auf dem Vormarsch befinden. So mögen wir dieser Tage entdecken, welche attraktiven digitalen Angebote auch von Nischensportarten entspringen, die nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen stattfinden. Zudem finden wir virtuelle Gymnastik- und Fitnessprogramme wie von Alba Berlin, die so manches Workout am offenen Fenster sowie Ausdauer- oder Krafttraining im Home Office möglich machen.