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Die Ambivalenz der Barmherzigkeit: Helfen - oder besser nicht?

Die Ambivalenz der Barmherzigkeit : Helfen – oder besser nicht?

Das Weihnachtsfest macht viele Menschen sensibler für die Not anderer. Sie spenden oder werden persönlich aktiv. Doch wie kann man helfen, ohne den anderen klein zu machen?

Barmherzigkeit ist ein zutiefst berührender Impuls: Einer sieht die Not des Anderen, öffnet sein Herz – und hilft. Das lindert Leid. Und es schafft Zusammenhalt: Menschen treten aus dem Bannkreis egoistischer Interessen heraus, gehen auf jemanden zu, setzen der Vereinzelung einen Moment von Beziehung entgegen. Das tut wohl. Auch dem, der gibt.

Doch da beginnen schon die Schwierigkeiten mit der Barmherzigkeit: Denn da ist immer dieses Gefälle zwischen dem, der großzügig sein kann und dem, der bedürftig ist. Bei bettelnden Menschen in der Fußgängerzone, die auf dem Boden sitzen, den Kopf gesenkt, ist das offensichtlich. Diese krass zu Tage tretende Bedürftigkeit kann beschämend sein, sowohl für den Empfänger als auch für den Spender. Natürlich gibt es genügend Formen tätiger Nächstenliebe, die niemanden in Verlegenheit bringen. Doch selbst wer eine Patenschaft für ein Kind in einem weit entfernten Land übernimmt und mit ihm einen Briefwechsel beginnt, bleibt der Gönner aus einem reichen Land. Helfen birgt also immer die Gefahr, den anderen klein zu machen.

Außerdem bleibt die Frage nach dem Motiv. Manche Menschen spenden, weil es ihnen gut geht und sie etwas zurückgeben wollen. Andere sind aus christlicher Überzeugung barmherzig oder wollen ganz ohne religiösen Impuls ein sinnvolles Anliegen unterstützen oder sich solidarisch zeigen. Doch natürlich gibt es auch Leute, die insgeheim das Machtgefühl genießen, wenn andere ihnen dankbar sein müssen. Oder die sich für die gute Tat einen Lohn im Himmel versprechen.

„Gaben sind als soziale Akte immer interpretierbar“, sagt Veronika Hoffmann, Theologie-Professorin an der Universität Freiburg. Menschen gäben aus unterschiedlichen Gründen, und man könne nie wissen, wie eine Gabe ankommt. Ein Empfänger fühle sich gedemütigt, der andere wiederum freue sich. Darum seien Spenden immer ambivalent. „Ich habe zum Beispiel kein Problem damit, wenn Menschen sich nach einer Spende gut fühlen“, sagt Hoffmann. Doch gebe es die Tendenz im reichen Westen, durch Spenden das schlechte Gewissen beruhigen zu wollen – und so gleichzeitig die ungerechten Strukturen aus dem Blick zu rücken. Man spendet etwa für Afrika und verdrängt, dass die Menschen im Westen die meisten Ressourcen verbrauchen und ungerechte Handelsbeziehungen erzwingen, also verantwortlich sind für die dort herrschende Not. „In solchen Fällen klebe ich als Spenderin ein Pflaster auf eine Wunde, die wir selbst geschlagen haben“, sagt Hoffmann. Man fühle sich großzügig, eigentlich sei aber Handeln in viel größerem Maßstab gefordert.

Barmherzigkeit setzt also nicht nur voraus, dass ein Mensch Not sieht und lindern will, er muss auch die Folgen seines Handelns kritisch abwägen. Dabei das große Ganze in den Blick zu nehmen, führt leicht in Gefühle von Überforderung. Der Einzelne fühlt sich hilflos gegenüber dem Elend der Welt, machtlos angesichts globaler Zwangsstrukturen – und tut deswegen lieber nichts. Das mag eine Ursache dafür sein, dass laut einer Erhebung des Deutschen Spendenrats die Zahl der privaten Spender in Deutschland gerade auf den tiefsten Stand seit Beginn der Erhebung vor 15 Jahren gesunken ist. Laut Spendenrat geben die Menschen, die spenden, mehr und öfter. Doch es waren eben weniger Menschen, die sich allen Ambivalenzen zum Trotz für eine finanzielle Zuwendung entschieden haben.

Der verstorbene Mönchengladbacher Pfarrer Edmund Erlemann (1935 bis 2015) hat als Losung für christliches Handeln Formeln geprägt wie „Teilen macht reich“ oder „Die Kleinen groß machen“. Das ist nicht gönnerhaft und verheißt doch Freude am Einsatz für den Nächsten. Menschen in Notlage zu helfen muss kein völlig selbstloser Akt sein. Die Haltung gegenüber dem Bedürftigen ist entscheidend. Er sollte Hilfe erfahren, ohne sich dabei gedemütigt fühlen zu müssen. „Eine sehr gute Einrichtung dafür ist der Sozialstaat“, sagt die Theologin Hoffmann. „Denn wenn Menschen staatliche Unterstützung bekommen, dann ist das eben keine Spende, sie haben ein Recht darauf.“ Doch auch beim helfenden Staat stellt sich natürlich die Frage, wie er unterstützen kann, ohne falsche Strukturen zu zementieren. Und gleichzeitig, ohne Bedürftige zu gängeln.

Georg Cremer, bis 2017 Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes und Autor eines Buchs über Armut in Deutschland, pocht darauf, dass ein soziales Sicherungssystem die Autonomie der Bürger respektieren muss. Zur Autonomie gehöre Eigenverantwortung. Das Bildungs- und Sozialsystem müsse durch Befähigung Perspektiven eröffnen, auch für Menschen in benachteiligten Lebenslagen. Dazu gehöre, sich am Arbeitsmarkt be­haupten zu können, um nicht in dauer­hafte Abhängigkeit zu geraten. Gleichzeitig bedeute das allerdings nicht, dass der Markt schon alles richten werde. „Der Markt ist ja gerade für jene blind, die nicht nach seiner Logik produktiv sein können“, sagt Cremer. Darum­ müsse ein sozialer Staat zwar auf die Befähigung von Menschen setzen. Wenn die Menschen aber scheitern, müsse er sie absichern, damit sie in Würde leben können.

In biblischen Zeiten gab es keinen Sozialstaat. Der Einzelne war gefordert, Werke der Barmherzigkeit zu üben: dem Durstigen zu trinken zu geben, dem Nackten Kleidung, dem Kranken Pflege. Es ging also von Anfang an nicht nur um das schnelle Almosen, sondern um Verantwortung. Das ist die Herausforderung wahrer Barmherzigkeit.