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München "Tatort" One Way Ticket: Überladener Stasi-Klamauk aus München

„Tatort: One Way Ticket“ : Überladener Stasi-Klamauk aus München

Der „Tatort“ an Weihnachten spielt in München und Nairobi. Es geht um Senioren, die mit Schmuggel-Geschäften ihre Rente aufbessern. Leider ist der Krimi arg überladen – und zeitweise albern geraten.

Der Mitarbeiter einer Hilfsorganisation für Afrika stirbt bei einem Autounfall. Seltsam ist, dass der Mann kurz vor dem Unfall bei der Polizei anruft und erklärt, dass er in Kürze wohl ermordet wird. Als dann auf dem Video einer Überwachungskamera noch eine verdächtige Frau auftaucht, leiten die Münchener Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) Ermittlungen ein.

Bei der Hilfsorganisation entdecken sie einige Merkwürdigkeiten. Offenbar bessern arme Senioren aus München ihre Rente als Drogenkuriere auf und schmuggeln allerhand Verbotenes aus Nairobi in den Freistaat. Einer dieser Kuriere wurde kürzlich in Nairobi mit einem Haufen Geld im doppelten Boden seines Koffers erwischt und sitzt nun im Gefängnis. Die kriminelle Hilfsorganisation bedient sich offenbar eines alten Netzwerkes. Eine der so zahlreichen wie verwirrenden Spuren führt Batic und Leitmayr sogar zu ehemaligen Stasi-Offizieren. Drehen mitten in München etwa alte Kader der „Hauptverwaltung Aufklärung“ krumme Dinger?

Der Fall „One Way Ticket“ greift gleich mehrere aktuelle Themen auf. Es geht um die schwierige Arbeit von internationalen Hilfsorganisationen, Altersarmut in Deutschland und das meist erfolglose Streben nach dem ganz großen Glück. Teile des Krimis beruhen laut Regisseur Rupert Henning auf wahren Begebenheiten. Der Fall eines Rentners, der aus Geldnot jahrelang für ein afrikanisches Drogenkartell gearbeitet hatte, habe ihn sehr bewegt, so Henning. Ein ähnlicher Fall war im Oktober aufgeflogen: Ein 82-Jähriger aus Ulm war mit Kokain im Wert von Tausenden Euro festgenommen worden. Er versicherte, nie selbst Drogen genommen zu haben, beim Motiv verwies er Berichten zufolge auf seine „bescheidene Lebenssituation“.

Schade nur, dass der Fall so überladen und konstruiert wirkt, dass viele Krimifans wohl schnell das Interesse verlieren. Gedreht wurde in München und auf Mauritius. Besonders zu Beginn wird so oft der Schauplatz gewechselt, dass es für den Zuschauer recht anstrengend wird. Dazu kommen Traumsequenzen, in denen eine junge Afrikanerin verlockend am Strand tanzt. Nun ja. Ein weiteres Problem: Es gibt einfach zu viel Personal in diesem Film. Da wären der erwischte Schmuggler, der rätselhafte Botschaftsmitarbeiter, die Frau aus dem Video, die Frau vom Strand, alte Stasi-Schergen im Rollstuhl, der neue Kripo-Assistent, die Gruppe mittelloser Senioren und so weiter. Somit bleibt kaum Zeit, die Charaktere glaubhaft zu entwickeln, die meisten Figuren bleiben vage und langweilig.

Auch die beiden Oldie-Kommissare Batic und Leitmayr können diesen Fall nicht retten. An den typischen Grummeleien und freundschaftlichen Neckereien hat man sich in den vergangenen knapp 30 Jahren etwas satt gesehen. In einer Szene werden die Kommissare zu einer Leiche auf dem Acker gerufen gerufen. Langes Schweigen, dann murmelt Batic bedeutungsschwanger: „Eine attraktive, mysteriöse Schönheit aus Afrika.“ Leute aus Ostdeutschland werden übrigens gerne „Ossis“ genannt. Ein bisschen altbacken wirkt das alles.

Spätestens nach dem arg wirren Ende, bei dem der Bösewicht einen 007-würdigen Abgang hinlegt, muss man dann leider feststellen: Dieser Feiertags-„Tatort“ ist leider wirklich daneben gegangen. Besonders schade ist, dass die wahre Geschichte des Ulmer Rentners und das Thema Altersarmut in Deutschland für einen sehenswerten Krimi genügt hätten. Dann hätte auch das Drehbuch genügend Zeit gehabt, sich diesem komplexen Thema angemessen zu widmen. Auf jeden Fall sparen sollte man sich 30 Jahre nach dem Mauerfall den albernen Handlungsstrang mit der „Hauptverwaltung Aufklärung“. Wer sich für dieses historisch spannende Thema interessiert, ist zum Beispiel bei der RTL-Produktion „Deutschland 86“ (derzeit bei Amazon Prime zu sehen) deutlich besser aufgehoben.

„Tatort: One Way Ticket“, Das Erste, So., 20.15 Uhr