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Analyse: Die politischen Wurzeln des Karnevals

Analyse : Die politischen Wurzeln des Karnevals

Helau! Möhnen feiern Altweiber in Düsseldorf

Der Karneval ist ein Spiegelbild der politischen Arena. Und seinem Wesen nach ist er staatstragend, weil die kurze Herrschaft der Narren die alte Obrigkeit immer wieder bestätigt.

Für mächtig verhaltensoriginell halten sich in diesen närrischen Tagen die selbst ernannten Abendlandverteidiger von "Pegida" und "Dügida" und so weiter. Sie wollen sich, wie es heißt, als islamistische Terroristen verkleiden, ausgestattet mit Attrappen von Sprengstoffgürteln. Nun ja, nicht jede Kostümierung muss auch das Zeug zur Prämierung haben. Zudem ist es nur ein Unterpunkt auf der karnevalistischen Tagesordnung in diesem Jahr, auf der die Freiheit des Narrentums verhandelt wird. Anders gefragt: Wie politisch darf, kann, muss der Karneval sein?

Meist wird diese verkorkste Frage verknüpft mit dem Recht auf Meinungsfreiheit im Besonderen und der Freiheit der Satire im Allgemeinen. Das aber kann in die Irre führen. Denn wer gutmeinend demokratische Grundrechte ins Feld führt, lässt meist das Ureigene des Narrentreibens außer Acht. Der Karneval aber ist seinem Wesen nach so eng mit dem Politischen verbunden, dass man fast von seinem Spiegelbild sprechen könnte, auch wenn es der unvorteilhafte Narrenspiegel wäre.

Zuletzt dürfte der öffentliche Mummenschanz im ausgehenden 18. Jahrhundert eine Spur von Unschuld mit sich geführt haben - zumindest in der Wahrnehmung unseres Größten. So schrieb Goethe, der 1788 Augenzeuge des römischen Karnevals wurde, dass dieser ein Fest sei, das "dem Volke eigentlich nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt". Und: "Der Staat macht wenig Anstalten, wenig Aufwand dazu."

Ein paar Jahrzehnte später sah es um das Narrentreiben schon anders aus. Die zunehmend säkulare und liberale Gesellschaft nahm ab 1830 den Karneval auch in ihre Dienste: Freiheit und Gleichheit wurden gefordert und auf diese Weise Zensur und Obrigkeit verlacht. Aber spätestens mit der Begeisterung für die nationale Einheit in Deutschland streifte das Karnevalistische alles Revolutionäre ab - und wurde regelrecht staatstragend.

Dazu musste aber das Narrentum überhaupt erst eine politische Maske überziehen. Und nichts ist leichter, als beim organisierten Karneval dafür ausreichend Indizien zu finden: Es gibt eine Garde und einen Karnevalsprinzen, es regieren Kanzler und Präsident, der Elferrat samt Narrengericht fungiert als Kabinett, der auch noch Orden an jene verteilt, die sich in der Bütt - eine verulkte Form des öffentlichen, parlamentarischen Rednerpults - bewähren. Und wer sich die Inszenierungen des Sitzungskarnevals in seiner institutionalisierten und reglementierten Form vor Augen hält, muss keine große Fantasie mehr bemühen, um in dieser Theatralik eine Imitation der politischen Bühne zu erkennen. Der Karneval schmückt sich also reichlich mit Accessoires der politischen Arena.

Wie eng die Anbindung auch inhaltlich ist, wird dann beim sogenannten politischen Aschermittwoch deutlich, bei dem die Parteiprominenz des Landes zu Reden anhebt, die zwar zum politischen Raum gehören, die aber in ihrer ungewohnten verbalen Krafthuberei und vor bierseligem Auditorium noch erkennbare Elemente des Karnevals mit sich führen.

Eine Kontrollinstanz mit satirischen Mitteln ist der Karneval dennoch nicht - im Gegenteil. Das wird erkennbar am scheinbar revolutionärsten Akt der närrischen Hochzeit: am Rathaussturm der alten Weiber und deren kurzlebiger Machtergreifung. Denn außer Frohsinn herrscht dabei ja nur Anarchie. Die Regentschaft der Narren demonstriert so laut wie eben möglich deren eigene Unfähigkeit. Solche Eroberungen sind in hohem Maße staatstragend. Der Narr wird von den Mächtigen nicht nur geduldet. Er ist auch mit der Rolle des Schelms und gelegentlich in der Funktion des Sündenbocks den Herrschenden so dienlich, dass er glatt deren Erfindung sein könnte.

Das machte die Karnevalisten nicht immun gegen Vereinnahmung. Es ist reichlich dokumentiert, welche traurige Rolle viele organisierte Jecken im "Dritten Reich" spielten. Den Nazis dienten die Umzüge als ideale Plattform zur Darstellung ihrer gewünschten "Volksgemeinschaft". Jüdische Mitbürger wurden auf Motivwagen diffamiert, renitent regimekritische Narren verhaftet und manche gar zum Tode verurteilt. Zudem erinnerten die Umzüge der Jecken an die opulenten Umzüge der Nazis. Und hier wie dort herrschte das Prinzip des Führers. Brauchtum wurde dabei seiner Herkunft entrissen und ideologisch dienstbar gemacht.

Seinem Wesen nach ist der Karneval - trotz fulminanter Politikerschelte - anti-revolutionär. Er führt keinen Umsturz, keinen Machtwechsel und nicht einmal Änderungen im Schilde. So gesehen ist der Karneval ohnmächtig. Und diese Wirkungslosigkeit ist insbesondere in Demokratien strukturell. Weil in Gesellschaften, in denen fast jeder fast alles sagen kann, jedes Lachen über die Führungsschicht zwangsläufig an provokativer Kraft, an Gift und Aggressivität verlieren muss. Satire-Opfer in der Bundesrepublik mit ihrer gefestigten und kritikfähigen Demokratie gibt es längst. Wie etwa das politische Kabarett, das in jungen Jahren der Bundesrepublik und bis zum Mauerfall auch in der DDR als eine kritische Instanz wahr- und ernstgenommen wurde. Spurenelemente davon lassen sich heute allenfalls noch in der Comedy ausmachen.

Dennoch bleibt alles, was der Karneval macht und veranstaltet, politisch. Und darum auch das, was er unterlässt. So wird es jedes Jahr wieder neue Diskussionen geben über Geschmack und Humor und Religion. Vielleicht bleibt uns künftig nur das Gerede über "Pegida" und "Dügida" erspart. Auch am Rosenmontag wollten in der Landeshauptstadt die Abendlandverteidiger marschieren. Das wurde untersagt. Ein jecker Umzug reicht.

(RP)