Anschlag in Halle: Die Stadt trauert um die Opfer

Zwei Tage nach dem Anschlag : Halle verharrt in tiefer Trauer

Nach dem Anschlag von Halle ist die Stadt weit entfernt vom Alltag. Viele kommen noch immer zu den Tatorten und trauern. Die angegriffene jüdische Gemeinde lädt zum Sabbat. Fotos erinnern an die Toten.

Trauer und Gedenken: Hunderte Menschen haben in Halle der Opfer des Terroranschlags gedacht. Der Abschluss einer Wahlkampfveranstaltung zur Oberbürgermeisterwahl auf dem Marktplatz wurde abgesagt, stattdessen gab es dort am Freitagnachmittag eine Kundgebung des Bündnisses „Halle gegen Rechts - Bündnis für Zivilcourage“. Vor der Synagoge und dem Döner-Imbiss, wo der Attentäter am Mittwoch eine Frau und einen Mann erschossen hatte, wurden weiter Blumen niedergelegt und Kerzen entzündet. Am frühen Abend standen etliche Menschen mit Kerzen an der Synagoge, bevor es in dem Gotteshaus die Sabbat-Feier geben sollte.

Mit der Lichteraktion zeigten sie, dass sie die Synagoge beschützten, erklärte Landesbischof Friedrich Kramer von der Evangelische Kirche in Mitteldeutschland. Zu der Aktion hatten die leitenden Geistlichen der Kirchen in Sachsen-Anhalt aufgerufen. „Einen Angriff auf die jüdische Gemeinde sehen wir zugleich auch als einen Angriff auf unsere Kirchen“, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung.

Sachsen-Anhalt Ministerpräsident Reiner Haselhoff (CDU) betonte: „Wir wollen ein Zeichen setzen dafür, dass wir nicht nur gemeinsam zusammenstehen in dieser Gesellschaft, sondern es geht auch darum, dass jeder Gläubige und alle Gläubigen - egal, welcher Religion sie angehören - sicher ihre Gottesdienste und ihre Religion feiern und auch ausüben können.“

Zuvor hatten sich nach ersten Schätzungen der Polizei etwa 600 Menschen auf dem Marktplatz zu einer Schweigeminute versammelt. Zwischenzeitlich protestierten zahlreiche von ihnen gegen einen stadtbekannten Rechtsextremen, der nur wenige Meter entfernt per Lautsprecher Parolen vom Dach seines Autos gerufen hatte. An der Aktion des Mannes nahmen einige wenige Menschen teil. Ein großes Polizeiaufgebot hielt die beiden Gruppen auseinander.

Der Terroranschlag mit zwei Toten, zwei Verletzten und mehr als 50 bedrohten Gläubigen in der Synagoge ist in der Saalestadt allgegenwärtig. Nach Alltag ist kaum jemandem zumute.

Unter den Menschen, die zum Gedenken kamen, war der 18-jährige Elias. Der Azubi kam mit seiner Freundin zum Dönerladen, um eine Blume abzulegen. Er sei fast jeden Tag in dem Imbiss gewesen, erzählte er. Seit dem Anschlag vom Mittwoch, bei dem der Laden vom Täter beschossen wurde und ein 20 Jahre alter Fußballfan aus Merseburg starb, ist dieser abgesperrt.

Fotos erinnern an das Opfer, daneben steht „Wir vermissen dich“. Um einen Baum sind Fanartikel vom Lieblingsverein des 20-Jährigen gewickelt, dem heimischen Drittligisten Hallescher FC. „Schlimm, dass so ein junger Mensch wegen so eines Psychopathen sterben musste“, sagte eine Frau, die ebenfalls Blumen ablegt. Gemeinsam mit drei weiteren Profi-Sportvereinen der Stadt verständigte sich der HFC auf eine gemeinsame Aktion gegen Gewalt, Rassismus und Antisemitismus.

Der verhaftete 27 Jahre alte Sachsen-Anhalter, der den Anschlag gestanden hat, räumte beim Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs auch rechtsextreme und antisemitische Motive ein. Er hatte am Mittwoch mit mehreren Kilo Sprengstoff und selbstgebastelten Waffen versucht, in die Synagoge zu gelangen. Als das scheiterte, erschoss er vor dem Gotteshaus eine 40 Jahre alte Frau aus Halle und wenig später den 20-Jährigen aus Merseburg am Dönerimbiss.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki, berichtete von einer großen Welle der Solidarität. Er sei seit halb fünf Uhr morgens damit beschäftigt gewesen, die vielen Mails und Nachrichten zu beantworten, sagte er am Freitagvormittag. „Das zeigt wirklich, dass wir nicht allein sind.“ Einige Juden, die den Anschlag am Mittwoch miterlebten, hatten laut Prizorozki bereits angekündigt, auch zur Sabbat-Feier in die Synagoge zu kommen. Zuvor habe er befürchtet, dass sie aus Angst wegbleiben könnten.

Zum Zeitpunkt des Anschlags war am Mittwoch keine Polizei vor Ort. Laut Landesinnenminister wurde das Gotteshaus durch unregelmäßige Streifenfahrten gesichert. Am Donnerstag wurde angekündigt, dass die jüdischen Objekte in Sachsen-Anhalt langfristig von der Polizei geschützt werden sollten. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) dringt zudem auf bundesweit einheitliche Standards beim Polizeischutz für Synagogen.

(atrie/dpa)
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