Wülfrath: Ein Blick auf Europas größtes Kalkwerk

Wülfrath: Ein Blick auf Europas größtes Kalkwerk

Die Besichtigung des Kalkwerks Flandersbach war schnell ausverkauft. Die Teilnehmer waren beeindruckt.

"Im Steinbruch herrscht Helm- und Schutzbrillenpflicht", erklärt Bernd Becks. "Wenn wir Glück haben, können wir um 11 Uhr auch eine Sprengung sehen." Freudige Spannung bei den rund 40 Teilnehmern der Exkursion in das Kalkwerk Flandersbach, die sich um kurz vor 10 Uhr am Zeittunnel eingefunden haben. Diese Besichtigungs findet zweimal im Jahr statt und ist immer innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Die Menschen scheinen zu ahnen, was sie erwartet.

Das Sedimentationsbecken Prangenhaus. Dort werden die festen Bestandteile aus dem Waschwasser der Kalksteinwäsche abgetrennt, so dass das gereinigte Wasser dem Kreislauf wieder zugeführt werden kann. Foto: LWE/Rheinkalk.

Erste Station ist das Paul-Ludowigs-Haus, wo sich alle Teilnehmer ihre Schutzausrüstung abholen müssen. Von dort aus geht es weiter mit dem Bus in den Steinbruch Rohdenhaus, an einer elektronisch gesteuerten Schranke vorbei. "Früher konnte man hier einfach durchfahren", erinnert sich Bernd Becks. Der gelernte Chemiker war 25 Jahre lang Leiter der Qualitätsüberwachung bei Rheinkalk. Seit kurzem ist er in Rente. "Ich wurde gefragt, ob ich weiter diese Führungen machen könnte. Ich habe 'ja' gesagt, obwohl ich nicht genau wusste, wie viel Zeit man als Rentner so hat", scherzt er. Von Becks erfahren die Teilnehmer, dass das Werk Flandersbach rund 440 Mitarbeiter hat und täglich 30000 Tonnen Kalkstein fördern muss, um wirtschaftlich arbeiten zu können.

Bis ins Jahr 2048 wird in Flandersbach Kalk abgebaut. Es geht noch 140 Meter abwärts. Foto: LWE/Rheinkalk.

Bereits die kleinere südliche Grube, die schon zum Teil wieder aufgefüllt ist, bietet ein imposantes Panorama. Ein riesiger Krater inmitten der grünen Hügellandschaft, an den Hängen Rampen und Wirtschaftswege, im Tal ein überdachtes Förderband. "Der Kalkstein, den wir hier abbauen, ist vor 390 bis 330 Millionen Jahren entstanden", erklärt Becks. Damals lag das Bergische Land noch auf dem Grund des Ozeans, wo sich die Überreste von Korallen und Muscheln ansammelten.

Im Steinbruch sind die Radlader etwas größer, als man sie normalerweise auf der Straße sieht. Foto: LWE/Rheinkalk.

Der Bus fährt tiefer in den Tagebau hinein, vorbei am Tunnel, der Rohdenhaus mit dem neuen Steinbruch Silberberg verbindet, durch die Engstelle in die Nordgrube und bis zur Kippstation der neuen Brechanlage. Gewaltige Maschinen fahren vorbei, wie man sie sonst nur aus TV-Dokus von Kabel 1 kennt. Die sogenannten Skw sind Muldenkipper, sechs Meter hoch und rund 1000 PS stark. Mit jeder Fuhre laden sie rund 100 Tonnen Kalkstein in die Brechanlage ab. Daneben wartet ein Radlader mit erhobener Schaufel. "Der hat schlechte Qualität geladen und muss warten, bis eine Fuhre kommt, die das mit besonders guter Qualität ausgleichen kann" erklärt Becks. In der Brechanlage wird das Gestein zunächst auf Korngrößen zwischen 0 und 200 Millimeter zerkleinert und dann zur Wäscherei gebracht.

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Der Bus fährt weiter bis zu einem Plateau am Südhang der Nordgrube. Hier steigen die Teilnehmer aus. Der Anblick ist beeindruckend. 200 Meter steile Wände, unterteilt in 20 Meter hohe Sohlen, 800 Meter im Durchmesser und winzige Menschen mittendrin. Aber man ist ja hier, um die Sprengung zu sehen. Heute sind es fünf Bohrlöcher von je 25 Metern Tiefe, in die das Sprengstoffgemisch mit Ammoniumnitrat eingefüllt wurde. Ein kurzes Hornsignal, dann Rücksprache, dass alles bereit ist. Ein zweifaches Hornsignal, ein Countdown und schon rutscht in der Ferne eine Lawine aus 16 000 Tonnen Kalkstein zu Boden. Den lauten, gezogenen Knall hört man dank der Entfernung erst kurz darauf. "Es gibt fast jeden Tag eine Sprengung, meistens um 11 Uhr" sagt Becks. "Wir fördern pro Jahr etwa 9,7 Millionen Tonnen Kalkstein, dafür müssen wir insgesamt elf Millionen Tonnen Material aus dem Hang sprengen." Der Rest geht in den Straßenbau oder wird auf Halde gekippt.

Mit dem Bus verlassen wir den Steinbruch wieder und steuern die Verarbeitungsanlagen an. Der gebrochene und gewaschene Kalk muss zunächst klassiert werden, und dann, je nach Korngröße, entweder im Schachtofen (70 bis 120 mm) oder im Drehrohrofen (15 bis 45 mm) gebrannt werden. Vor allem letztere sind mit ihren 4,40 Meter dicken, 90 Meter langen, liegenden Röhren sehr beeindruckend. Zwei von vieren sind in Betrieb und drehen sich, was einer Tagesleistung von 2400 Tonnen Branntkalk entspricht. Dieser wird zu allerlei Produkten weiterverarbeitet wie Kalksteinmehl, Hydratkalk oder Kalkmilch. Abnehmer sind Eisen- und Stahlindustrie, chemische Industrie und Bauwirtschaft. Auch in der Umwelttechnik wird Kalk verwendet, weil er schadstoffbindende Eigenschaften hat. Allein 2000 Tonnen gehen täglich in den Tagebau Garzweiler II, wo er unter den Abraum gemischt wird, um sauren Böden vorzubeugen.

Der ehemalige Steinbruch Prangenhaus ist das letzte Ziel des Ausflugs. Türkisblaues Wasser glitzert im Sonnenlicht. Der 65 Meter tiefe See dient heute als Sedimentationsbecken. Das Waschwasser aus der Kalkwäsche wird hier "geklärt", indem Sand und Lehm zu Boden sinken, und dann wiederverwendet. Drei Uhu-Paare leben hier.

Noch bis in das Jahr 2048 soll in Flandersberg Kalk abgebaut werden, dann ist Schluss. Aber bis dahin musst das Loch noch 140 Meter tiefer werden.

(RP)
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