Wegberg: Chaostage bei der Wegberger SPD

Wegberg : Chaostage bei der Wegberger SPD

Sechs langjährige Mitglieder der SPD Wegberg um Ortsvereinsvorsitzende Nicole von den Driesch erklären ihren Austritt aus der Partei. Die Wegberger Sozialdemokraten stehen damit vor einem kompletten Neuanfang.

Nur noch wenige Monate, dann wäre Nicole von den Driesch für ihre 25-jährige Mitgliedschaft in der SPD mit einer Urkunde ausgezeichnet worden. Als Absolventin der SPD-Führungsakademie galt die 43-Jährige bei den Sozialdemokraten in der Region als profilierte Vorzeige-Kommunalpolitikerin. Sie war Mitglied des SPD-Bundesparteirats, Beisitzerin im Regionalvorstand Mittelrhein, saß im SPD-Landesvorstand, war stellvertretende Vorsitzende des SPD-Unterbezirks Heinsberg und Vorsitzende der SPD Wegberg. Bis Mittwochabend. Im Rath-Anhovener Gasthaus Cohnen kämpfte Nicole von den Driesch mit den Tränen, als sie gegenüber der Rheinischen Post kundtat, dass sie sämtliche Funktionen innerhalb der Partei niedergelegt und aus der SPD ausgetreten ist.

Vier Monate vor der Kommunalwahl (25. Mai) steht die SPD Wegberg vor einer Zerreißprobe. Denn fünf langjährige Wegbegleiter aus dem Wegberger SPD-Ortsverein taten es am Mittwochabend Nicole von den Driesch gleich. Auch von den Drieschs Stellvertreter Doris Brocker und Philipp Schneider, die Ratsfraktionsvorsitzende Evelyne Feger sowie Thomas Schneider und Michael von den Driesch erklärten ihren Austritt aus der SPD.

Der radikale Schritt trifft die Sozialdemokraten völlig unvorbereitet. Eigentlich sollten sie morgen während der Wahlversammlung in Kipshoven entscheiden, ob Nicole von den Driesch oder Michael Stock bei der Kommunalwahl im Mai für die SPD gegen den designierten CDU-Kandidaten und bisherigen Amtsinhaber Reinhold Pillich in das Rennen um das Bürgermeisteramt in Wegberg geht. Doch nach dem Austritt von Nicole von den Driesch wird es bei der SPD Wegberg morgen zu keinem Duell mehr kommen.

Vier der sechs ausgetretenen Parteimitglieder saßen bislang für die SPD im Wegberger Stadtrat. Ihren Austritt begründen die ehemaligen Sozialdemokraten mit unüberbrückbaren Differenzen innerhalb des SPD-Ortsvereins Wegberg. Offenbar gab es in Partei und Fraktion schon seit Monaten unterschiedliche Auffassungen zu politischen Inhalten und personellen Angelegenheiten. Der Streit eskalierte, als SPD-Kreisfraktionschef Michael Stock Mitte Dezember ankündigte, in der SPD-Mitgliederversammlung (25. Januar) im Kipshovener Hotel Esser bei der Wahl des SPD-Bürgermeisterkandidaten gegen Nicole von den Driesch anzutreten. Die 43-Jährige fühlte sich von dem offensichtlichen Alleingang Stocks und dessen Unterstützer in der SPD Wegberg düpiert. Sie habe den Eindruck, dass es Teilen des Ortsvereins nicht darauf ankomme, die Ideale der sozialen Gerechtigkeit und Chancengleichheit zu leben, sagte von den Driesch. Weil es keine gemeinsame Basis mehr innerhalb des SPD-Ortsvereins gebe, um sozialdemokratische Ideen und Ziele umzusetzen, sehe man "nach reiflicher Überlegung keine andere Möglichkeit, als sämtliche Funktionen innerhalb der Partei niederzulegen und mit sofortiger Wirkung aus der SPD auszutreten", erklärten die ehemaligen Sozialdemokraten am Mittwoch gemeinsam.

Ihr Ratsmandat werden Nicole von den Driesch, Evelyne Feger, Doris Brocker und Philipp Schneider behalten. Den Sozialdemokraten gehen die Sitze verloren. Statt bisher neun sitzen bis zur Kommunalwahl im Mai nur noch fünf Politiker mit rotem Parteibuch im Stadtrat.

Die ehemaligen SPDler wollen ihre politische Arbeit "vielleicht ein bisschen links von der SPD" (Nicole von den Driesch) fortsetzen. Dazu planen sie die Gründung einer neuen Fraktion: die Alternative für Wegberg. Nicole von den Driesch, die bei den vergangenen Kommunalwahlen für die SPD als Bürgermeisterkandidatin in Wegberg angetreten war und gegen Hedwig Klein (2004) und Reinhold Pillich (2009/beide CDU) verlor, machte am Mittwochabend aus ihrer Verbitterung über die jüngsten Entwicklungen in der SPD Wegberg kein Geheimnis: Sie fühle sich von ehemaligen Parteikollegen hintergangen und betrogen. "Auch wenn es nach fast 25 Jahren verdammt wehtut, bleibt da für mich nur eine Option — die Scheidung."

(RP)
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