Viersen: Wo einst die Kreispolitiker tagten

Viersen: Wo einst die Kreispolitiker tagten

Vor fast zehn Jahren wurde aus dem ehemaligen Landratsamt an der Hülser Straße in Kempen ein Wohnhaus. Obwohl das Gebäude fast 180 Jahre alt ist, leben die Bewohner nach modernen Standards. Ein paar Besonderheiten gibt es aber doch.

"Wow!" Das ist es, was alle sagen, die zum ersten Mal das Ess-, Wohn- und Arbeitszimmer von Familie Rau betreten. Der Raum ist 96 Quadratmeter groß und hat eine Deckenhöhe von fünf Metern. Auf dem Boden liegen alte Holzdielen, die Decke hat Stuckelemente und ist farbig gestaltet. Zu jeder Stirnseite hat der Raum drei hohe Fenster, ein weiteres befindet sich auf der Längsseite. "Die Sonne wandert einmal rundherum", sagt Marcel Rau und man merkt ihm an, wie sehr er diesen Raum liebt.

Die hohen Decken sind mit farbigen Stuckelementen kunstvoll verziert. Die Räume sind bis zu fünf Meter hoch. Foto: Kaiser Wolfgang

Eine ganze Weile lebten Marcel und Daniela Rau nur in diesem Raum, weil der Rest der etwa 250 Quadratmeter großen Wohnung, die sich über zwei Etagen erstreckt, noch nicht restauriert war. "Wir haben dann immer von unserem Ein-Zimmer-Appartement gesprochen", erzählt der 35-Jährige und lacht. Die Raus wohnen mit vier weiteren Familien im ehemaligen Landratsamt der Kreisstadt Kempen an der Hülser Straße. Der große Raum, der zu der Wohnung von Marcel und Daniela Rau gehört, war früher der Ständesaal.

Der pensionierte Schulleiter Heinz Wiegers lebt mit seiner Frau Anita ebenfalls im historischen Gebäude. Er kennt die gesamte Geschichte des Hauses. Foto: Kaiser Wolfgang

"Nach dem Wiener Kongress wurde Kempen 1816 Kreisstadt", erzählt Heinz Wiegers, der in der Wohnung unter den Raus lebt und sich ebenso wie die jungen Nachbarn im Denkmalschutz engagiert. "1839 wurde Max Anton Foerster Landrat des Kreises", referiert der ehemalige Grundschuldirektor, "er heiratete in die reiche Kempener Familie Herfeldt ein und ließ ein Haus bauen, das dem der Familie an der Engerstraße ähnelte und heute leider nicht mehr erhalten ist." Dieses Haus, das um 1840 herum fertiggestellt war, wurde der Amtssitz des Landrats. "Hier hatte er seine Dienstwohnung, es gab Büroräume und eben den prächtigen Saal in der ersten Etage, in dem sich die Ritter- und Adelsstände des Kreises von Zeit zu Zeit versammelten." Zunächst habe das Haus sieben Achsen gehabt, weiß der 66-Jährige zu berichten, später sei es um fünf Achsen erweitert worden.

Ein kunstvolles Becken in einer Ecke. Auch der Fliesenboden ist alt. Foto: Kaiser Wolfgang
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Von außen sieht der Betrachter den Anbau nicht. Die spätklassizistische Putzfassade mit den 24 Fenstern, die im Erdgeschoss einen Rundbogen haben, wirkt, wie aus einem Guss. Viele Herren hat das Haus im Laufe seiner Geschichte schon kommen und gehen sehen. Aus dem Landratsamt wurde der Sitz der Kreisverwaltung, auch die britische Militärregierung residierte in dem historischen Bau. Später war das Haus wieder Sitz von einzelnen Ämtern der Kreisverwaltung, der Kempener Moses-Verlag nutzte Räume im Gebäude und schließlich wurde das ehemalige Landratsamt zum Ärztehaus.

Marcel und Daniela Rau mit ihren beiden Kindern Noah und Julie im 96 Quadratmeter großen Ess-, Wohn- und Arbeitszimmer. Foto: Kaiser Wolfgang

"Anfang 2008 stand das Haus zum Verkauf. Fünf Parteien sind seitdem Eigentümer", erzählt Heinz Wiegers. Weil das ehemalige Landratsamt seit 1984 unter Denkmalschutz steht, mussten bei den Umbauarbeiten einige Auflagen beachtet werden. "Auch der Brandschutz war ein ziemlich großes Thema", erinnert sich Marcel Rau. Und natürlich mussten etliche Leitungen und Rohre neu gelegt werden. "Insgesamt aber war das Haus in einem sehr guten Zustand, weil es in den 90er-Jahren bereits restauriert worden war", sagt Heinz Wiegers, der mit seiner Frau bereits vier Monate nach dem Kauf einziehen konnte.

Auch die Wiegers lieben ihre Wohnung. "Die hohen Decken, die Rundbogenfenster, die dicken Wände, zwischen denen man sich so geborgen fühlt - all das ist schon besonders", findet Anita Wiegers. Auch Familien Rau, zu der mittlerweile noch die Kinder Noah und Julie gehören, würde ihre Wohnung jederzeit wieder kaufen. "Wir haben zwar mehr als sechs Tonnen Material aus der Wohnung geschleppt, haben neun Jahre gebraucht, bis alles so war, wie wir es wollten und verfluchen die hohen Decken jedes Mal, wenn ein Rauchmelder neue Batterien braucht, aber der Saal als Lebensmittelpunkt der Familie und der Blick aus dem Schlafzimmerfenster bei Sonnenuntergang entschädigt alle Mühe", sagt Marcel Rau.

(RP)