Kreis Viersen Ein Kleinunternehmer mit Streubesitz

Kreis Viersen · Das römische Steuerrecht war außerordentlich pingelig. Es vermerkte beispielsweise die Größe eines Grundbesitzes, der mit genauen Lagebeschreibungen aller Flächen präzise eingegrenzt wurde. Die darauf erzielten Erträge wurden besteuert – bis zur Hälfte des Erlöses. Als der syrische Statthalter Quirinius das neu hinzugewonnene Judäa statistisch erfassen ließ, mussten Josef und Maria dorthin zurückkehren, wo sie auf Steuerdokumenten erfasst und ihr Grundbesitz registriert waren. Da es wohl keine Meldeämter in jener Zeit gab, wird Josef möglicherweise noch als Bürger Betlehems geführt worden sein. Er musste heimkehren, einerseits um seinen Besitz zu wahren, andererseits, um als braver Steuerbürger dazustehen.

So arm, wie es Lukas darstellt, war die Zimmermannsfamilie nicht. Denn wahrscheinlich hatte auch Maria dort Besitz, den sie angeben musste. Es hätte sonst keinen Grund gegeben, ihren Mann auf der mehrere Tage dauernden Reise zu begleiten. Wären sie, wie Lukas berichtet, noch verlobt gewesen, wäre sie dem Hausstand ihres Vaters zugeordnet worden. Die Reise wäre der angeblich Hochschwangeren jedenfalls als Verlobte des Josef erspart geblieben. So aber begleitete sie ihren Mann, der dann bei der fiskalischen Erfassung als ihr "Tutor" fungierte. Sie selbst hatte als Frau eben weniger Rechte, musste aber eine Steuererklärung abgeben.

Die von Lukas stark verkürzte Darstellung der Umstände, deretwegen Josef und Maria nach Betlehem gingen, hat ihren Grund: Lukas wird selbst Steuerbürger gewesen sein. Er kannte alle Hintergründe, musste sie also nicht schildern. Wichtiger war ihm die – an einigen Stellen sicherlich historisch verklärte und theologisch überhöhte Schilderung von Jesu Geburt.

Den Besitz der Familie in Betlehem musste er nicht erwähnen. Jeder seiner Zeitgenossen wusste, dass nur die persönliche Anzeige ihres Grundbesitzes Josef und Maria zwang, die vier- bis fünftägige Reise nach Betlehem zu unternehmen.

Historiker gehen übrigens davon aus, dass Jesus zu dieser Zeit bereits etwa zehn Jahre alt war. Geboren wurde er vermutlich sogar in Nazaret. Abgeleitet werden diese Thesen aus der Bezeichnung "Jesus von Nazaret" – einen Hinweis auf den angeblichen Geburtsort Betlehem gibt es nirgends. Lukas kam es eher darauf an, die Verbindung zum messianisch bedeutsamen Betlehem mit der Zensuswanderung zu verknüpfen. So entwarf er das Bild einer bettelarmen Familie. Josef wird eine Art Kleinunternehmer gewesen sein, der häufig auch außerhalb Nazarets unterwegs war. Er hatte Streubesitz dort ebenso wie in seiner Geburtsstadt Betlehem.

(RP)
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